Auf dem Weg zur Profi-Ballerina: Sie verzichtet, um zu tanzen

Wenn die letzten Betrunkenen vom Club in Richtung Nachtbus wanken, klingelt der Wecker der 18-jährigen Ballerina Sinthia Liz.

© Sabine Pusch

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Wenn andere nach Aspirin tasten, um das Katerkopfweh zu beseitigen, hat sie schon den ganzen Vormittag zu Rachmaniov getanzt. Sinthia ist Ballerina in der Junior Company des Bayerischen Staatsballetts. Sie hat dafür ihre Heimat Brasilien, Familie und Freunde verlassen. Tapet sich die schmerzenden Füße, achtet auf ihre Ernährung, überwacht ihr Gewicht, geht früh ins Bett, steht zeitig auf und verzichtet auf viele der Dinge, die irgendwie alle von Menschen in ihrem Alter erwarten – feiern, saufen, Exzess. Wer verstehen will, was die 18-Jährige antreibt, muss ihr beim Tanzen zusehen.

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Sinthia mit einem ihrer Tanzpartner der Junior Academy. © Sabine Pusch

München, Probetraum der Heinz-Bosl-Stiftung. Es ist 9:40 Uhr. Nicht richtig früh am Morgen, aber trotzdem keine Uhrzeit, zu der die meisten Menschen auf Eleganz eingestellt sind. Eher auf den zweiten oder dritten Kaffee. Und während man selbst noch nicht ganz im Tag angekommen ist, üben die Stipendiat*innen und Volontär*innen der Stiftung Pas de bourrée, Arabesque und Fouetté en tournant, eine spezielle Drehung.

Von Rio nach München

Tanzpause. Ich sitze Sinthia gegenüber und werde mir meiner eigenen schlechten Körperhaltung bewusst. Dass es eine Zeit gab, in der auch sie die Schultern unelegant hängen ließ, ist kaum vorstellbar. Als Sinthia fünf Jahre alt war, sagte ihr Kinderarzt: „Schickt sie zum Ballett, dann wird das schon mit der gebückten Haltung.“ Ihre Tanz-Lehrerin merkte schnell, dass sie ein besonders talentiertes Mädchen ist. Vom Kinderballett wechselte Sinthia dann bald an eine Schule in Rio de Janeiro.

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„Für mich stand relativ schnell fest, dass ich Profitänzerin werden möchte. Aber in Brasilien kann man vom Tanzen allein nicht leben. Ich hätte also einen normalen Job zum Geldverdienen gebraucht und versuchen müssen, die restliche Zeit so gut wie möglich zu nutzen“, sagt sie mir in einer Tanzpause. Profi werde man nicht, wenn man kaum zum Trainieren käme.

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© Sabine Pusch

Sinthias Ballettlehrerin in Rio hatte von der Heinz-Bosl-Stiftung in München gehört und sah darin eine Chance für das Mädchen. Sie filmte sie beim Tanzen und schickte das Video an die Stiftung. Ein recht ungewöhnlicher Weg, denn normalerweise wird anhand eines Vortanzens vor Ort entschieden, wer genommen wird. „Man sieht recht schnell, ob jemand das Zeug zum Profi hat“, sagt Ivan Liška, Leiter der Stiftung. „Sie hat einfach eine solche Eleganz, Ausstrahlung und Natürlichkeit beim Tanzen, dass wir ihr sofort zugesagt haben.“

„Ballett ist mein Leben“

Also wanderte Sinthia mit 17 Jahren von Brasilien nach Deutschland aus – während die meisten ihrer Freunde zum Studieren oder Arbeiten daheim blieben oder eine Stadt weiter zogen. „Klar habe ich Heimweh. Ich skype oft mit meiner Mutter und meinen beiden Schwestern. Aber gezweifelt habe ich nie. Ich wusste immer, dass es die einzig richtige Entscheidung für mich ist. Ballett ist einfach mein Leben.“

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Anfang des Jahres wäre es mit dem Tanzen fast vorbei gewesen. Eine Knieverletzung zwang Sinthia zum Pausieren. Drei Monate lang durfte sie gar nichts machen. Konnte nur dabei zusehen, wie die anderen immer besser wurden, während sie am Rand sitzen musste.

„Am schlimmsten war aber, als ein Arzt sagte, dass ich mir das mit dem Ballett noch mal überlegen soll. Dass ich noch so jung bin und auch noch einen anderen Beruf machen kann. Allein der Gedanke, mit dem Tanzen aufzuhören…“ Sie beendet den Satz nicht, weiß nicht weiter. Für sie gäbe es keine andere Option. „Ich hätte nicht gewusst, wie es weitergehen soll. Tanzen ist das Einzige, was ich will.“

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© Sabine Pusch

Es hätte es sicher leichter gemacht, wenn sie in dieser Zeit ihre Familie um sich gehabt hätte. Aber mehr als ein Skype-Telefonat und warme Worte waren eben nicht drin. „Hier im Haus habe ich meine Ersatzfamilie. Wir kommen aus der ganzen Welt, lassen alles hinter uns und haben erst mal niemanden. Ich habe hier gute Freunde gefunden und konnte mich ausheulen, wenn es mir mal wieder besonders schlecht ging.“

„Wer richtig mager ist und hungert, kann nicht den halben Tag auf Spitze tanzen“

Ihre Form konnte Sinthia trotz der Zwangspause halten. Keine Extrapfunde. Sonst hätte sie noch ein Problem mehr gehabt. Denn man braucht es nicht schönreden: Wenn der Körper nicht passt, wird es auch nichts mit der Tanzkarriere, zumindest nicht als Profi. Jedes Kilo zu viel schlägt sich auf die Seite der Schwerkraft. Zeichnet sich gnadenlos unter den hautengen Kostümen ab. Sorgt dafür, dass Bewegungen und Sprüngen das Elfenhafte abhanden kommt.

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Sinthia Liz zog mit 17 Jahren von Rio nach München, um Profi-Ballerina zu werden. © Sabine Pusch

„Manchmal überlege ich, ob ich nicht ein wenig abnehmen sollte“, sagt Sinthia. Sie sieht an sich herab, betrachtet ihre Oberschenkel. Sinthia ist schlank, sehr schlank. Aber nicht dürr. Und eigentlich weiß sie, dass sie genau das richtige Mittelmaß gefunden hat.

„Vor meiner Knieverletzung war ich extrem dünn. Ohne Fett und ohne Muskeln. Für das, was wir hier machen, muss man aber trainiert sein. Wer richtig mager ist und hungert, kann nicht den halben Tag auf Spitze tanzen.“ Sie sieht es ganz pragmatisch: Jeder Job hat andere Herausforderungen. Bei ihr gehört die Gewichtsüberwachung eben dazu. Dass Essstörungen und eine verzerrte Körperwahrnehmung aber ebenso Teil der Szene sind, ist ihr bewusst.

Der Druck von außen ist da. Deswegen beginnt ein normaler Trainingstag mit Joghurt, Banane und Pekannüssen, geht mit einem leichten Snack weiter und endet mit einem noch leichteren Abendessen. „Ich esse zum Glück eh gerne Obst. Also ist das schon ok so.“ Am Wochenende achtet sie weniger auf ihre Ernährung, nascht auch mal.

Das Wochenende ist der Sonntag. Trainiert wird nämlich an sechs Tagen pro Woche. Manchmal fallen aber auch die Sonntage wegen eines Auftritts weg. So einen Sonntag hat Sinthia gerade hinter sich. „Deswegen sehe ich wahrscheinlich auch ein bisschen müde aus.“ Die Müdigkeit fällt nicht auf. Nicht, wenn sie erzählt und dabei lebhaft gestikuliert. Nicht, wenn sie den Anweisungen des Lehrers zuhört. Und erst recht nicht, wenn sie tanzt.