48 Stunden ohne WhatsApp

Brasilien sperrt WhatsApp für 48 Stunden. Für die Nutzer muss das schlimm sein. Unsere Autorin ist schon nach 60 Minuten völlig durchgedreht.

© Robert Schlesinger/picture alliance

Schon eine Stunde ohne WhatsApp hat mir gereicht. © Robert Schlesinger/picture alliance

Richter in Sao Bernardo do Campo wandten sich gestern Abend an die brasilianischen Telefongesellschaften und forderten sie auf, den Zugang zu WhatsApp zu sperren. Der Messaging-Dienst soll auf einen Gerichtsbeschluss vom 23. Juli und auf eine darauf folgende Androhung vom 7. August diesen Jahres nicht reagiert haben.

Die Sperrung trifft in erster Linie die brasilianischen Nutzer. Ab 23.30 Uhr Ortszeit war WhatsApp für die Bevölkerung nicht mehr erreichbar. Mehr als 35 Millionen Menschen in Brasilien nutzen die Plattform für Fotos, (Sprach-)Nachrichten und Videos. Damit ist nun erst mal für zwei Tage Schluss. Was das wohl für die Nutzer bedeutet? Für mich waren allein schon 60 Minuten WhatsApp-Entzug am vergangenen Wochenende schlimm.

Eine Stunde ohne WhatsApp

Dank meines Smartphones und diverser Apps bin ich mit meinen Freunden und meiner Familie immer digital verbunden. Falls jemand aus meinem Bekanntenkreis ein lustiges Video findet oder sich etwas an der Nachrichtenlage verändert, bin ich dank WhatsApp meistens die Erste, die es erfährt.

Am vergangenen Wochenende war es dann soweit. Meine WhatsApp-App ließ sich nach einer Aktualisierung nicht wieder öffnen. Und ich wäre beinahe durchgedreht. In dem Moment ist mir erstmals bewusst geworden, dass meine komplette Kommunikation mit meinen Freunden, meiner Familie und meinen Arbeitskollegen nur über diese eine App stattfindet.

Okay, mit ein paar Freunden spreche ich auch noch ganz old school am Telefon, manche treffe ich sogar analog. Meistens geht so einem analogen Treffen jedoch eine WhatsApp-Nachricht voraus. Oder hinterher, sollte ich mich verspäten. Was heute anders ist:  Wir verabreden uns schon mit dem Wissen, dass es doch noch ein anderer Ort und eine andere Uhrzeit werden kann. Deshalb ist es für uns so schwierig, Verabredungen einzuhalten, wenn wir unser Smartphone nicht dabei haben.

Am Samstag fühlte ich mich von meiner Außenwelt abgeschnitten. Ausgegrenzt. Ich fühlte mich plötzlich ausgeschlossen, aus einer Welt, zu der ich sonst immer ganz bequem Zugang hatte. Von der ich mich eigentlich übersättigt fühlte.

Für mich war es die einmalige Möglichkeit, einfach mal ein entspanntes Wochenende zu verbringen. Ohne Arbeitskollegen, Weihnachtsgeschenke-Planung, Urlaubsgruppen und sonstiges. Ich konnte mich endlich mal wieder ganz auf mich und meine Freizeit konzentrieren. Das machte ich dann auch. Ganze fünf Minuten.

Dann wurde ich nervös. Was, wenn ich genau jetzt verabredet war und es nicht mehr wusste? Oder meine Kollegen panisch versuchten, mich zu erreichen. Bestimmt würden all diese Nachrichten gerade jetzt in meinen Messenger-Feed einlaufen. Und ich konnte nicht antworten. Alle würden sich fragen, was mit mir los sei.

Ob sie nach mir suchen würden?

Ich war immer noch hier, ohne WhatsApp. Plötzlich kam mir die zündende Idee. Ich könnte ja auch den Computer anschmeißen und mich im Browser einloggen, was ich noch nie zuvor gemacht habe. Aber Moment: Dafür muss die App auf dem Handy ja auch funktionieren. Außerdem will ich eigentlich keinen Browser. Keine Tastatur. Ich will meine App zurück.

Ob ich internetsüchtig bin? Ich bin wahrscheinlich nicht süchtig nach WhatsApp, aber ich bin süchtig nach der Möglichkeit, immer und überall mit meinen Freunden kommunizieren zu können.

Als ich nach einer Stunde meine App wieder neu installierte und meine alten Nachrichten erfolgreich wiederherstellen konnte, war meine Welt wieder in Ordnung. Meine ausgelagerten Gedanken und Gefühle, meine intimsten Nachrichten waren alle wieder an Ort und Stelle. Alles hatte wieder seinen Platz.

Wie wär’s mit Telegram?

Die Menschen in Brasilien haben immer noch keinen Zugang. Das Land hat übrigens weltweit mit die meisten WhatsApp-User: 93 Prozent der Internetnutzer in Brasilien kommunizieren über den Online-Dienst. Die Sperrung dürfte den Brasilianern vor allem deshalb schwer fallen, weil sie sich nicht darauf einstellen konnten. Die Bevölkerung greift nun teilweise auf Virtual Private Networks (VPN) zurück, um den Standort zu verbergen. So kann die Messenger-App trotzdem genutzt werden.

Freuen dürften sich in diesen Tagen wahrscheinlich alternative Anbieter wie Telegram, das ich jetzt übrigens auch auf meinem Smartphone installiert habe. Angeblich sind unsere Daten dort sowieso besser aufgehoben. Und wären meine Freunde bei diesem Online-Dienst angemeldet, würde ich ihn wahrscheinlich auch intensiver nutzen.

Was wieder einmal zeigt: Wir sind dort, wo unsere Freunde sind. Und mit denen wollen wir doch immer und überall kommunizieren. Ob bei WhatsApp oder einem anderen Anbieter ist dabei zweitrangig.


 

UPDATE: Mittlerweile ist der Nachrichten-Dienst WhatsApp in Brasilien wieder verfügbar.