„80/10/10“: Bei diesem Ernährungstrend kannst du so viel Obst essen, wie du möchtest

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Mhhhh, Smoothies. Foto: Vicuschka Photocase.de

Zehn Bananen am Tag essen – das klingt nach einer ordentlichen Verstopfung. Außer für Johanna und Malte: Die beiden essen seit drei Jahren fast nur Obst. Und versichern, dass es ihnen gut geht.

Johanna ernährt sich nach „80/10/10“-Methode, der „revolutionären Formel für eine rohvegane und fettarme Ernährung“, wie der amerikanische Ernährungsberater Douglas N. Graham auf seinem Buchcover schreibt. 2006 hat der die Diät erfunden, obwohl es vegane Rohkost natürlich schon länger gibt.

Neu an „80/10/10“ ist das Verhältnis, in dem Nahrungsmittel verzehrt werden sollen, und das der Diät ihren Namen gibt. Graham empfiehlt, dass 80 Prozent der eingenommenen Nahrung aus Kohlenhydraten, zehn Prozent aus Fett und zehn Prozent aus Eiweiß bestehen soll.

Heißt praktisch: Nichts Gekochtes, nichts Verarbeitetes, keine Öle, kaum Nüsse, kaum Samen, Fleisch und Milchprodukte sowieso nicht, sondern hauptsächlich reifes Obst und Blattgemüse. Das klingt nach enormen Verzicht. „Man muss sich erst daran gewöhnen“, sagt Johanna. „Aber dann merkt man schnell, wie gut es einem tut und will es gar nicht mehr anders machen.“

Die High Carb Low Fat-Diät empfiehlt vor allem Früchte und Blattgemüse, da sie am leichtesten zu verdauen seien und die enthaltene Energie dem Körper schnell zur Verfügung stünde. Der Mensch sei von Natur aus darauf ausgelegt, ein Fruchtesser zu sein, argumentiert Graham. Zwar sei er auch in der Lage, andere Nahrungsmittel zu verdauen. Aber das liege eben nicht in seinem Naturell und fiele ihm deswegen schwer.

High Carb Low Fat

Hauptsächlich steht also Obst auf dem Ernährungsplan. Kein Wunder, dass die Berliner Wohnung von Johanna und ihrem Mitbewohner Malte aussieht, wie die Obstabteilung eines Supermarktes. Schon beim Öffnen der Wohnungstür schlägt einem der süße Duft reifer Bananen entgegen. Drei Kisten davon stehen auf dem Boden im Flur. Auf der Anrichte in der Küche liegen Mangos, Birnen und ein Apfel. Im Regal lagern Trockenfrüchte in Kilo-Packs.

Auch Malte ernährt sich fruchtbasiert. Aus dem gleichen Grund wie Johanna: Weil es ihm guttut. „Ich bin untergewichtig und versuche seit Jahren, auf möglichst gesunde Weise zuzunehmen. Mit ’80/10/10′ klappt das“, erzählt der 35-Jährige. „Außerdem habe ich wieder Energie, viel Sport zu treiben, fühle mich fit und steigere mich zunehmend beim Laufen.“

Ein Freund, der an Multipler Sklerose erkrankt war und sich seitdem rohvegan ernährt, brachte Johanna dazu, über ihre eigene Ernährung nachzudenken. „Vorher habe ich fast nur Junkfood gegessen, viel Alkohol getrunken, Drogen genommen. Ich war unfit und träge“, erzählt sie. „Heute wache ich auf und habe Bock auf den Tag. Und ich mache Yoga!“ Ihre Augen strahlen.

„80/10/10“ reiht sich ein in die Tradition von Diäten wie Paleo, Superfoods, Veganismus, Detox, Clean Eating und Saftkuren. Sie alle stehen für die Suche nach dem Optimum: optimales Gut-Fühlen, optimale Gesundheit, optimales Selbst. Und den Glauben, es durch Ernährung erreichen zu können.

Viel Volumen, aber wenig Energie

Da Selbstoptimierung voll im Trend liegt, ist es kaum verwunderlich, dass die Szene rund um „80/10/10“ stetig wächst. Viele AnhängerInnen finden sich auf YouTube, auf Blogs, in Foren. Sie tauschen Rezepte aus, zeigen, was sie an einem Tag essen – und wie viel sie seit der Umstellung auf High Carb Low Fat (HCLF) schon abgenommen haben. Wie bei jedem Ernährungstrend steht die Frage nach der Perfektion der Körpermaße auch hier an vorderer Stelle. Der besondere Anreiz von „80/10/10“: In großen Mengen essen und trotzdem Fettpolster verlieren.

Ernährungswissenschaftler Dr. Edmund Semler erklärt das so: „Rohes Obst und Gemüse haben – anders als gekochte Nahrung – zwar viel Volumen, aber wenig Energie. Bei einer Rohkost-Ernährung mit hohem Obstanteil kann sich über die rasche Füllung des Magens ein Sättigungsgefühl einstellen, obwohl noch gar nicht der Energiebedarf gedeckt ist.“ Und er warnt: „Zuviel Obst birgt auf Dauer das Risiko der Abmagerung in sich.“

Risiko der Abmagerung

Neben den begeisterten „Vorher-Nachher“-Berichten finden sich in den Foren auch viele Einträge von Menschen, für die „80/10/10“ nicht funktionierte und die Probleme mit der Verdauung und dem Zahnschmelz bekamen oder an Hungerattacken litten.

Der Ernährungswissenschaftler Semler hat sich selber viele Jahre rohköstlich ernährt und sechs Jahre lang für seine Doktorarbeit alle gängigen Rohkost-Theorien erforschte. Schließlich stellte er seine Ernährung um. Zum einen, weil er durch obstbetonte Rohkost zu viele Kilos verloren hatte und zum anderen wegen seiner Forschungsergebnisse. „Alle Rohkost-Lehren eint die These, dass beim Kochprozess giftige Stoffe in der Nahrung entstehen. Dafür konnte ich jedoch keinen wissenschaftlichen Beweis finden“, sagt er.

Strenge Rohkost ist nicht empfehlenswert

In seiner Auswertung von mehr als 2000 Quellen fand Semler aber auch heraus, dass Rohkost sich positiv auf die Heilung verschiedenster Krankheiten auswirke. Rohkost-Gegner ist Semler also keineswegs. „Ich würde schon empfehlen, mal ein bis zwei Monate Rohkost zu probieren. Am besten in den Sommermonaten, wenn man zuvor eine Fastenkur gemacht hat.“ Strenge Rohkost sei nur eben keine empfehlenswerte dauerhafte Ernährungsform.

Um all die Bedenken und negativen Einschätzungen wissen auch Johanna und Malte. Auf die Frage, ob sie das nicht beunruhige, schütteln beide den Kopf. „Ich fühle mich fantastisch. Mehr muss ich nicht wissen“, sagt Malte. Johanna nickt. Für sie und ihren Körper funktioniere „80/10/10“ einfach. Beide greifen beherzt in die Tüte mit den getrockneten Mangos, die auf dem Regal steht.