Abschiedsbrief an Istanbul: Leb wohl, meine große Liebe

Der nach dem Putschversuch in der Türkei von Präsident Erdogan verhängte Ausnahmezustand wird um drei Monate bis Januar 2017 verlängert. Ein Grund mehr für unsere Autorin ihrer „große Liebe“ am Bosporus vorzeitig Lebewohl zu sagen. Ein Abschiedsbrief.

© Sabina Schwachenwalde

Unsere Autorin sagt ihrer zweiten Heimat vorzeitig Adé. © Sabina Schwachenwalde

Mein geliebtes Istanbul,

mit schwerem Herzen schreibe ich dir diese Zeilen, denn es ist Zeit für mich, von dir Abschied zu nehmen. Hinter mir liegt das wohl schönste und aufregendste Jahr meines Lebens. Vor dem Beginn meiner Erasmus-Zeit dachte ich, die zwei Semester bei dir würden nur eine Art Urlaubsflirt werden. Sie waren mehr, ich blieb länger, jetzt muss ich gehen.

Für mich warst du Liebe auf den ersten Blick. Du hast mich begrüßt mit deiner wärmenden Sonne, die sich auf dem Bosporus widerspiegelt und mir Sommersprossen ins Gesicht zaubert. Du hast mich jeden Morgen geweckt mit dem Kreischen der Möwen und dem Gesang des Imam, hast mir den Start in den Tag mit Tee und Simit auf der transkontinentalen Fähre versüßt, hast mich geführt, durch deine hügeligen Straßen.

Du hast mir das Feilschen auf dem Markt und das lässige Knabbern von Sonnenblumenkernen beigebracht, hast mich in die Welt des Backgammons und in die der Kunst des Kaffeesatz-Lesens eingeführt. Du hast mich in deine chaotische Verkehrswelt mitgenommen. Faltige Gesichter von alten Damen, die aus ihrem Fenster dem Straßenhändler Körbe herunter gleiten lassen, gepiercte Gesichter von Männern, die an ihrem Schnurrbart zwirbeln, die Gesichter von jungen Mädchen, deren lila Haare in Zigarettenrauch gehüllt funkeln und sonnengebräunte Gesichter von Lastenträgern auf der Straße – du zeigtest dich mir in all deinen Facetten.

img_0903
© Sabina Schwachenwalde

Ich habe mich dir so nah gefühlt, auch in Zeiten, in denen du mir deine dunklen Seiten offenbartest. Denn neben deinen süßen Feigen und der salzigen Meeresluft hast du mich auch das ätzende Aroma von Tränengas auf Demonstrationen schmecken lassen. Viele deiner Bewohner*innen hast du immer wieder sehr ungerecht behandelt, wir stritten plötzlich immer öfter. Hatten verschiedene Meinungen über Demokratie und Menschenrechte.

Es schien mir oft, als seist du innerlich zerrissen, wie eine gespaltene Persönlichkeit zwischen Historie und Moderne, zwischen Konservativem und Liberalem. Vielleicht werde ich deinen inneren Konflikt nie vollständig verstehen können, kann ich ihn doch nur im Rahmen meines eigenen Werte-Kompass‘ betrachten. Unsere Beziehung war nicht immer eine einfache, ich möchte die Zeit mit dir gegen nichts in der Welt eintauschen, aber nun ist es erstmal vorbei zwischen uns.

Du gabst mir das Gefühl, zu deiner geheimnisvollen Komplexität dazu zu gehören, ein Teil zu sein von deiner Geschichte. Ich war bei dir am richtigen Ort. Du warst meine zweite Heimat.Durch dich lernte ich mich selbst besser kennen. Ich untersuchte meine Identität, hinterfragte meine Rolle als Weltbürgerin. Mit vorsichtiger Geduld hast du mir gezeigt, wie ich als westliche Ausländerin wahrgenommen werde, und welch unverdienten Privileg ich in Form meines deutschen Passes bei mir trage. Vor allem hast du mir beigebracht, zuzuhören, den Geschichten von türkischen und syrischen Freunden zu lauschen und du hast mir geholfen zu realisieren, dass in manchen Situationen mein offenes Ohr wichtiger ist, als das, was ich sage.

dsc05224
© Sabina Schwachenwalde

Jedoch, in den letzten Wochen hast du dich verändert, ich erkenne dich kaum wieder. Deine melodischen Imam-Gesänge haben sich in politische Parolen verwandelt. Auf deinen Straßen, durch die ich einst so gern wandelte, fühle ich mich nicht mehr wohl, manchmal sogar unsicher. Deine entspannte Mittelmeerstimmung ist nun aufgeheizt, und deine sonst eher unterschwellige Tendenz zur Gewalt hat Überhand genommen. Deine Lieblingsfarbe Rot hat eine neue Bedeutung bekommen, sie steht für das Blut, das vergossen wurde und leuchtet auf deinen Flaggen in jeder Straße. Du bist nicht mehr die Stadt, in die ich mich verliebt hatte, und du merkst selbst, wie wir uns auseinander gelebt haben.

Es schmerzt mich, dich so zu sehen. Die Krise, die du durchmachst, hat auch mich verändert. Ich bin schreckhaft geworden, wenn ich Flugzeuge höre, ich bin misstrauisch geworden gegenüber Unbekannten und ich traue mich nicht mehr, meine Lieblingslieder aus Gezi-Zeiten auf voller Lautstärke zu hören. Ich vergesse, meine Schuhe anzuziehen, wenn ich nach draußen gehe und wenn mich Leute fragen, wie es mir geht, wechsele ich schnell das Thema. Ich bin müde von den schlaflosen Nächten, die du mir beschertest. So gern würde ich dir helfen, dich selbst wieder zu finden, doch ich weiß, dies ist ein Prozess, den du allein durchleben musst. Darum habe ich beschlossen, dass es schon jetzt Zeit für mich ist, dich zu verlassen.

Ich wünsche dir das Beste für die ungewisse Zukunft, die dich erwartet, und werde immer an dich denken, wenn ich das Tattoo von dir auf meiner Haut betrachte. Ich werde dich immer lieben und hoffe, wir können eines Tages wieder zusammen sein.

In Liebe,

deine Sabina