„Alles, was Frauen in Auschwitz angetan wurde, passierte vor den Augen der Kinder“

Gewalt, Entmenschlichung und Tod waren Hauptbestandteile des Lebens in Auschwitz-Birkenau, der größten deutschen Vernichtungsstätte des Holocausts. Doch es war auch ein Ort des Zusammenhalts. Zwei Zeitzeug*innen berichten.

Blick durch den Zaun auf das Stammlager. Foto: © Julia V. Bewerunge

Zdzislawa Wlodarczyk war elf Jahre alt, als sie, ihre Eltern und ihr Bruder vom Warschauer Ghetto nach Auschwitz gebracht wurden. Sie ist eine von über einer Million Personen, die in den Lagern den Tod finden sollten. Aufgrund des Endes des Krieges konnte sie diesem Schicksal jedoch entkommen. Heute ist sie 83 Jahre alt und erzählt mit starken Emotionen von der Zeit, die sie nie losgelassen hat. Dabei hält sie ein Taschentuch in der Hand. „Ich muss mich an etwas festhalten, sonst kann ich nicht darüber sprechen“, sagt sie.

72 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz sind Zdzislawa Wlodarczyk und Zachar Tarasiewitsch an den Ort zurückgekommen, der heute für sie ein Friedhof ist. Hier können sie ihrer verstorbenen Verwandten gedenken. Es ist für sie auch eine Chance, auf ihr Leiden aufmerksam zu machen, das durch Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Populismus hervorgebracht worden war. Diese Aufklärungsarbeit machen sie gemeinsam mit dem Maximilian-Kolbe-Werk, benannt nach dem Pfarrer, der für einen der Häftlinge dessen Platz im sogenannten Hungerbunker einnahm. Das Werk kümmert sich darüber hinaus auch um die ehemaligen Gefangenen. Sie stellen zum Beispiel Geld für Operationen und bieten Erholungsurlaube an.

Im Rückblick von Zdzislawa Wlodarczyk war schon das Leben im Ghetto eine schwere Zeit gewesen, doch Auschwitz war unerträglich. „Wäre ich damals älter gewesen, hätte ich mich wahrscheinlich umgebracht“, sagt sie. Zdzislawa Wlodarczyk erklärt, dass sie und die anderen Kinder immer nur den Augenblick wahrgenommen haben. Sie lebten von einem Moment in den anderen und konzentrierten sich darauf, diesen zu überstehen. „Doch wie muss es unseren Eltern ergangen sein? Sie machten sich Sorgen um die Zukunft, um ihre Kinder, die sie nicht sehen durften, um ihre Partner.“ Zdzislawa Wlodarczyk hat nie eine Antwort auf diese Frage erhalten. Ihr Vater überlebte Auschwitz nicht. Ihre Mutter wollte danach nicht darüber reden. „Du weißt doch, wie es war, sagte sie mir immer“, so Zdzislawa Wlodarczyk.

Nur wer noch nützlich war, durfte überleben

Die Nationalsozialisten stellten sich über die Menschen, die sie vernichten wollten. Juden, Homosexuelle, Kommunisten und Sinti und Roma wurde der Personenstatus aberkannt. Mit Nummern tätowiert, mussten sie auch ihre vorherige Identität abgeben. Dann wurden sie zum industriellen Produktionsgut. Haare, Knochenmehl, Zahngold – all das wurde nach ihrer Tötung industriell verwendet und ließ sich zum Beispiel in Krägen von Uniformen und als Dünger auf Feldern wiederfinden. Auch vor ihrer Vernichtung wurde ihr Wert wirtschaftlich bestimmt: Dienten sie noch einem Zweck oder konnten sie noch gut arbeiten, lebten sie weiter. Sobald dies nicht mehr der Fall war, wurden sie getötet. Deshalb durften sie auch keine Schwäche zeigen.

Stark zu erscheinen, war in Auschwitz jedoch eine grausame Herausforderung. Direkt nach ihrer Ankunft bekam Zdzislawa Wlodarczyk einen Mageninfekt. Sie konnte kein Essen mehr bei sich behalten und fürchtete um ihren Tod. „Zwei Nonnen haben mir damals das Leben gerettet“, sagt sie. Von ihren kleinen Essensrationen gaben sie ihr etwas ab. Eine der beiden verkohlte das Brot, sodass der Durchfall des jungen Mädchens gestoppt wurde und Fieber ausbrach, das die Giftstoffe aus ihrem Körper trieb.

Unter keinen Umständen wollte sie in die Krankenstation des Lagers. Nachdem sie das erste Mal über körperliche Schmerzen geklagt hatte, wurde ihr erklärt, dass dort Josef Mengele Versuche mit den Kranken durchführen würde, von denen man schlechte Augen bekam. Die Wahrheit war jedoch viel düsterer. Der studierte Arzt probierte an den Häftlingen grausame Dinge aus: Er injizierte zum Beispiel in weibliche Geschlechtsteile Infektionen, die Wucherungen in der Gebärmutter verursachten.

Medizinische Experimente an Gefangenen

Zachar Tarasiewitsch war einer der Insassen, die unter den Versuchen dieses Doktors litten. Als blondes, blauäugiges Kind war er ausgewählt worden, für eine Versuchsreihe über die Abwehrkräfte von Menschen, die äußerlich dem damaligen Ideal entsprachen. An ihm und zwei seiner Geschwister wurde getestet, in welchem Ausmaß Kinder dieses Profils Krankheiten überstehen konnten. Sein Bruder und seine Schwester überlebten diese Experimente nicht.

„Wenn man Auschwitz ein Todeslager nennt, dann war das Frauenlager eine Hölle“, sagt Zachar Tarasiewitsch über seine Vergangenheit in Auschwitz-Birkenau. Im Lager musste er mitansehen, wie Menschen, denen das Menschsein aberkannt wurde, mit ihrer Menschlichkeit konfrontiert wurden. Schwäche, Trauer und Liebe waren auch dort alltägliche Gefühle. Noch heute verdunkelt sich sein Gesicht, wenn er darüber spricht wie seiner älteren Schwester das Baby direkt nach der Geburt abgenommen wurde. „Wir haben es nie gesehen“, sagt er. Sie haben auch nie erfahren, ob es gleich sterben oder Experimenten dienen musste.

Gefangene wurden als erstes desinfiziert

„Alles, was den Frauen angetan wurde, passierte vor den Augen von uns Kindern“, berichtet er. Das heißt nicht, dass die ehemaligen Gefangenen heute über all das reden wollen. Während Zachar Tarasiewitsch die Leiden durch medizinische Versuche im Detail schildert, erzählt er von Gewalttaten gegenüber Frauen nur flüchtig, nachdem er lange auf den Boden geblickt hat. Das Leiden seiner Schwestern hat ihn langfristig verwundet.

Zdzislawa Wlodarczyk kennt dieses Schweigen aus ihrer eigenen Vergangenheit und berichtet auch deshalb über ihre Erfahrungen, wenn auch unter sichtlicher Anstrengung. Fest umklammert hält sie ihr Taschentuch und berichtet von der Ankunft im Lager. Der erste Raum, in dem sie sich wiederfand, war eine Holzbaracke, die mit Sand und Chlor ausgelegt war, um die Menschen zu desinfizieren, die sogenannte Sauna. Nachdem sie die Nacht dort verbracht und sich ausgeruht hatten, mussten sie sich ausziehen. „An diesem Tag habe ich zum ersten Mal meine Mutter nackt gesehen“, sagt Zdzislawa Wlodarczyk, „Ich konnte nicht hingucken, ich habe die ganze Zeit versucht, nur ihr Gesicht zu sehen“.

Gendergewalt im Lager

Nicht nur Zdzislawa Wlodarczyk sah die nackten Frauen um sich herum. Ein Offizier trat ein und auf eine der jungen Frau zu. Sie war wahrscheinlich Anfang zwanzig. An ihren Beinen floss Blut herunter. Zdzislawa Wlodarczyk wusste nicht, dass es von ihrer Periode war und fürchtete, die Frau wäre geschlagen worden. Den Offizier interessierte das nicht. Er stellte sich vor die Frau, musterte sie und befahl ihr, sich mehr zu zeigen. „Er hat sich über sie gestellt, so nach dem Motto, ich bin der Mann und du bist die Frau“, sagt Zdzislawa Wlodarczyk, „das war richtig erniedrigend.“

Seit dieser Erfahrung kann Zdzislawa Wlodarczyk nicht mehr an Strände oder ins Schwimmbad. Sie vermeidet den Anblick nackter Frauenkörper, der Erinnerungen an diese Zeit auslöst. Einmal, als sie es doch versuchte und mit ihrer Familie in ein Schwimmbad ging, kam ihr eine nackte Frau entgegen, die zur Dusche rann. „Mir ist ganz schlecht geworden bei dem Gedanken an damals.“

Mit Pulvern gegen Perioden

Damals: die Zeit, in der sie ihren Vater zum letzten Mal im Lager sah, als sie auf ihren jüngeren Bruder aufpasste, dem nachts das Wenige geklaut wurde, das er bei sich trug – dem Moment, in dem sie selbst zum ersten Mal ihre Periode bekam.

Zdzislawa Wlodarczyk wusste nicht, was mit ihr geschah, als das Blut und die starken Schmerzen plötzlich auftraten. Sie wandte sich an Frauen aus ihrer Baracke, die ihr den Zyklus erklärten und ein Pulver gaben. Die Blutung stoppte daraufhin und kam bis nach dem Ende ihrer Haft nicht wieder. Das Pulver stammte aus der Küche. Zdzislawa Wlodarczyk überlegt, ob es nicht sogar von den Aufsehern kam, die keine Verzögerung in den Arbeitsdiensten durch die Blutung wünschten, denn auch im Krankenhaus wurde eine solche Methode angewandt.

Eine ihrer Mitinsassinnen hatte Typhus bekommen. Bei der Behandlung traten dann auch bei ihr die Blutungen auf. Daraufhin wurde ihr ohne Nachfrage ein getränktes Tuch in die Genitalöffnung gesteckt, das die Blutung stoppte. Die Frau bekam Angst, nie wieder Kinder zu bekommen. War sie nun Teil eines dieser Experimente? Hatte man ihre Fruchtbarkeit absichtlich unterbunden? Ihre Sorge war unbegründet, da sie später Kinder bekam. Doch einige der ehemaligen Häftlinge, sowohl Frauen als auch Männer, hatten dieses Glück nicht. Aufgrund von medizinischen Versuchen oder starken körperlichen Schäden waren sie unfruchtbar geworden.

Das Licht in der Dunkelheit

Zachar Tarasiewitsch und Zdzislawa Wlodarczyk lassen keinen Zweifel offen, dass die Erfahrungen unter den Nationalsozialisten die schlimmsten ihres Lebens waren. Doch sie zeichnen kein Bild in schwarz und weiß. Ihre Geschichte wirkt, auch wenn sie daran gedenken, dass manche der Menschen sie unterstützt haben, so wie die Frauen, die das Brot verkohlten.
Im Lager waren Familien voneinander getrennt worden. In den Baracken waren Einzelpersonen gezielt mit Menschen auf Kojen verteilt worden, deren Sprachen sie nicht verstanden. Doch während manche Menschen ihren Nachbar*innen das Essen klauten und sich über die Kleidung von Verstorbenen stritten, hielten andere an diesem gemeinschaftlichen Umgang fest, der Zdzislawa Wlodarczyk das Leben rettete.

Sowohl sie als auch Zachar Tarasiewitsch konzentrieren sich auf dieses Miteinander, wenn sie über ihre Zeit in Auschwitz erzählen. Trotz aller Bemühungen der Nationalsozialisten, haben sie ihre Würde nie verloren und setzen diesen Willen zum Miteinander heute mit dem Maximilian-Kolbe-Werk fort. Sie hoffen, dass Populismus und Fremdenfeindlichkeit nicht wieder Überhand erlangen. Stattdessen wünschen sie sich Nächstenliebe und Verständnis für andere.


Richtigstellung: In einer früheren Version des Artikels schrieben wir, Maximilian Kolbe wäre für einen Häftling in die Gaskammer gegangen. Es handelte sich aber um den sogenannten Hungerbunker.

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