Ein ganz normaler Abend im Swingerclub

Swinger*innen tragen Reizwäsche, trinken Alkohol und haben wilden Sex. Wirklich?

© Sean Gallup / Getty Images

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Die Bar ist schummrig, aber nicht finster. Bunte Lichter wandern von der silbernen Tanzstange zur Couch-Ecke und weiter zu den Stehtischen, bis zur hölzernen Theke. Eine junge Kellnerin poliert dahinter Gläser im Takt zu „Let’s Talk About Sex, Baby“ von den Cheat Codes. Zwischendurch zapft sie hier ein Bier, serviert dort Wein und Wasser. Dann wippt ihr Kopf, während sie die Schälchen mit Chips und Gummibärchen auffüllt.

Die Männer, mit denen sie reden, haben alles ausgezogen, außer der Unterhose

Die Mittzwanzigerin trägt Jeans, Top und flache Schuhe – worin sie sich deutlich von den Menschen auf der anderen Seite der Theke unterscheidet: Die Frauen auf den Barhockern tragen Korsagen, Netzkleider oder Negligees, ihre Füße stecken in High-Heels, manch eine trägt Strapse. Die Männer, mit denen sie reden, haben alles ausgezogen, außer der Unterhose. Manchmal drehen sich die Köpfe zum Bildschirm, der neben der Theke hängt: Er zeigt keine Musikvideos, sondern Pornos in Dauerschleife – stummgeschaltet. Das Jauchzen und Stöhnen, das man von Zeit zu Zeit hört, kommt aus den Nebenräumen.

Zum ersten Mal da?

„Ich krieg einfach keinen hoch hier“, brummt Steffen und nippt an seiner Cola-Light. Seine Freundin Claudi tätschelt ihm den tätowierten Arm: „Ist doch nicht schlimm“. Dann hebt sie ihr Sektglas, in dem der Rest ihres Cocktails schaukelt, und leert es mit einem Schluck. Sie war schon oft hier; aber das war vor Steffen. Er ist der erste Freund, den sie mitgenommen hat. Sonst war sie immer nur mit Liebhabern hier, oder allein.

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Heute stand Steffen neben ihr als sie an der Clubtür schellte – sie drückte mehrmals, wie es das kleine Schild über dem Klingelknopf empfiehlt. Wie bei jedem Besuch öffnete eine kleine Frau mit mürrischem Blick und aufgespritzten Lippen, um die sich Falten ziehen. Sie führte die beiden durch den engen Gang mit den Nacktbildern zur Umkleide, kassierte Eintritt und Schlüsselpfand für den Spind Nummer 39. Den nimmt Claudi immer.

„Ich hab Angst, dass mir jemand an den Po grabscht“

Die Umkleide, direkt neben dem Whirlpool, riecht nach Shampoo und frisch gewaschener Haut – ein Geruch, der sich durch alle Räume des Clubs zieht. Der Raum ist hell, gefließt und unisex. Während Claudi die Ösen ihrer Korsage einhakt, geht Steffen duschen. „Klos sind aber getrennt, oder?“, fragt er. Er sieht dem Mann nach, der eben nackig Richtung Whirlpool tapst und schlüpft in eine frische Unterhose. „Jaja“, sagte Claudi, inzwischen mit dem Glätteisen beschäftigt, „die sind getrennt.“ Kleidung, Taschen und Börsen schließen sie weg – Handys sind im Club unerwünscht und Geld braucht man auch nicht: Im Eintritt ist alles inklusive.

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„Ich fühl mich einfach so beobachtet dabei“, erklärt Steffen jetzt an der Theke. Claudi lässt sich ihr Glas auffüllen und nimmt einen weiteren Schluck. „Als wir vorhin drüben waren, hatte ich die ganze Zeit Angst, dass mir jemand von hinten an den Po grabscht.“ Mit „drüben“ meint Steffen die Spielwiese: Den dunklen Raum hinter dem Vorhang, mit Matratzen auf Podien, und gemusterten Kissen. Claudi schüttelt den Kopf: „Das macht doch keiner.“ Steffen überzeugt sie nicht. Bevor sie einen neuen Versuch starten, will er erstmal in die Sauna. Weil Claudi die Hitze nicht mag, geht sie solange lieber raus, eine rauchen.

Ziemlich versaunt

Heidi hält Claudi ihr Handy hin: „Hier, siehste: das is mein Schuhschrank“, sagt sie mit rauchiger Stimme. Die wasserstoffblonde Mittsechzigerin hat einen rosa Bademantel über ihr weißes Netzkleid gezogen. „Selbstgebaut“, fügt sie stolz hinzu und pustet eine Qualmwolke in die Luft. Uwe wirft ebenfalls einen Blick auf das Display. Er streicht sich über die Glatze, zwirbelt seine Ohrringe und pfeift anerkennend: „Nicht schlecht!“ Uwe ist Müllmann, Heidi war früher Journalistin, jetzt ist sie in Rente. Die dritte in der Runde ist Martina, um die fünfzig, dunkle Haare, beiger Bademantel über schwarzem Negligee und die einzige mit niedrigen Absätzen.

Uwe ist Müllmann, Heidi war früher Journalistin

Claudi hört zu, wie die Gruppe Tipps austauscht: Über Dinge, die man besser im Ausland kauft – Kaffee, Tabak, Limonade und Zigaretten. „Die hier, auf die man so drücken kann, damit sie Menthol werden, gibt es in Deutschland ja gar nicht“, sagt Heidi, „Die muss ich im Ausland kaufen.“ Irgendwann fragt Heidi nach Steffen: wie findet er’s bisher? Als Claudi erzählt, dass er die Sauna lieber mag als die Spielwiese, lachen alle. „Ach, ist doch ok“, sagt Uwe und rückt seine Unterhose zurecht, „Ich komm hier auch oft nur für die Wellness her.“ Heidi kichert. „Ach, dit lohnt sich schon“, sagt Martina, „Ick mach dit och. Du kriegst Jetränke und Essen, Sauna und Whirlpool. Dit is auf jeden Fall billiger als im Spa.“

„Wir erfüllen alle Wünsche“

Wieder zurück an der Theke, lernt Claudi Rolf kennen: Er ist zum ersten Mal hier, wirkt schmächtig in seinen weiten, blauen Boxershorts. Die weißen Haare stehen von seinem Kopf ab wie mit dem Luftballon gerubbelt. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Hausmeister in einem Luxushotel. Er erzählt ihr von den Autos, mit denen die Hotelgäste anreisen, kennt jedes Modell beim Namen.

Claudi schlürft ihren dritten Aperol-Spritz. „Die Leute haben doch bestimmt extravagante Wünsche, oder?“, fragt sie, „So Katzenstreu für den Pudel, oder sowas?“ Rolf nickt: „Na klar! Und die erfüllen wir alle. Von der speziellen Zigarettenmarke bis zum seltenen Wein. Aber eins kann ich dir sagen: Von den oberen Zehntausend kann man das Sparen lernen.“ Claudi schweigt und sagt dann, dass ein teures Hotel und teure Autos doch nicht unter „Sparen“ laufen – oder? „Nene“, Rolf nimmt die Zitrone aus seinem Wasser und legt sie auf die Theke, „Das stimmt so nicht. Die geben nie Trinkgeld. Da sparen sie schon was.“

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Als Steffen sich schließlich frischgeduscht auf den Barhocker neben Claudi hievt, wechselt die Musik gerade von Nancy Sinatras „These Boots Are Made For Walking“ zu „When I Grow Up“ von den Pussycat Dolls. Bei den Pornos auf dem Bildschirm hat scheinbar eine neue Playlist eingesetzt: Nun haben alle Darsteller*innen Penisse. Martina gesellt sich an die Theke, zu Jochen, ein Mann in roter Unterhose, dessen grauer Schnauzbart wackelt, wenn er redet. Rolf ist nicht mehr da: Nachdem er mit piepsiger Stimme gefragt hatte, ob man Claudi „vögeln, ähm ne, lieben“ dürfe und sie ihm von Steffen erzählte, ist er zur Spielwiese gegangen.

Gebrochene Knochen und Knebel

Die vier unterhalten sich über Mieten und wie unverschämt es doch sei, dass alles immer teurer wird. „Mietpreisbremse, mein Arsch“, schimpft Jochen und hebt sein Glas. Im Hintergrund der Unterhaltung singt Justin Bieber „Eenie Meenie Miney Mo“ und Heidis Stöhnen hallt aus dem BDSM-Raum. „Und das Maklergesetz kann man auch knicken“, fügt Steffen hinzu, „Bringt gar nix.“ Claudi schaltet sich ein und erzählt von ihrem französischen Balkon, wegen dem sie ihre Wohnung ausgesucht hat: Ihre Katze ist heruntergefallen, aus dem vierten Stock, und hat sich alle Knochen gebrochen – inzwischen geht es ihr aber wieder gut.

Steffen verzieht das Gesicht, als hätte er etwas Schimmeliges auf der Zunge. Er mag die Katze nicht. „Die hat bestimmt die Tauben gejagt“, grummelt Claudi und zupft an ihren halterlosen Strümpfen, „Die hocken da immer auf dem Geländer und bauen sogar Nester. Als ich mal eins weggeworfen hab, saßen sie da, alle in einer Reihe, und haben reingestarrt. Richtig böse! Wie in diesem Film von Hitchcock, ‚Die Vögel‘. Ich hab mich nicht mal getraut, das Fenster zu kippen.“

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Den BDSM-Raum hatte Claudi Steffen direkt zu Anfang gezeigt. Das Andreaskreuz mit Handschellen, die Liebesschaukel, den gynäkologischen Stuhl und den Sklavenbock. Bei einer Konstruktion an der hinteren Wand blieb Steffen stehen. „Und was ist das da? Soll man sich an den Streben da irgendwie festknebeln?“ Claudi lachte. „Das ist der Notausgang.“ Steffen blieb eine Weile vor der Tür stehen und starrte auf die Klinke. „Achso“, sagte er dann und ließ sich weiter herumführen.

Das Zeug ist überall

An der Theke begutachten Martina und Jochen inzwischen die Pornos. Claudi und Steffen sind zum Whirlpool geschlendert. „Ick find dit seltsam“, sagt Martina, „Dat die Frau nen Penis hat. Sie bläst ihm einen und allet sieht aus wie immer. Bis man sieht, wat sie mit ihrer rechten Hand macht.“ Jochen zieht die Augenbrauen hoch und sein Schnauzbart zittert. „Du stehst also auf Frauen?“ Martina guckt als hätte er sie gefragt, ob sie ihren Wein gerne mit Ketchup trinkt. „Nee. Wie kommste denn jetzt darauf?“ Jochen findet an seiner Logik nichts auszusetzen. Er macht Martina ein Kompliment für ihre „besonderen Ohren“ und fragt, ob er sie verführen dürfe. „Vielleicht später“, sagt Martina. Erstmal will sie raus, noch eine rauchen.

Du stehst also auf Frauen?

In der Raucherecke diskutieren Heidi und Uwe gerade über Glyphosat und den Abgasskandal. „Das interessiert doch keine Sau“, sagt Jochen, nachdem Martina auf seinem Schoß Platz genommen hat, „Keiner hält sich an die Grenzwerte. Das Zeug is überall: Obst, Gemüse, Bier. Überall.“ Er zündet sich eine Bio-Zigarette ohne Zusätze an und streichelt Martinas Schenkel.

„Ist doch das Gleiche wie bei den Reichen“, schimpft Heidi, „Die werden noch reicher, indem sie ihr Geld nach Panama schaffen, statt Steuern zu bezahlen. Und keiner macht was.“ Uwe zwirbelt sich an seinen Ohrringen und sagt, dass die Merkel sich da mal drum kümmern sollte. „Ach wat, die Merkel!“, ruft Martina, „Ick kenn die. Ick bin aus der DDR jeflohen damals. Die war da janz vorn mit dabei, kann se sagen, wat se will. Ick kenn die.“ Sie steht von Jochens Schoß auf. „Jetz is es soweit“, sagt sie, nickt ihm zu und geht zum Eingang. Jochen springt auf und rennt hinterher, um ihr die Tür aufzuhalten.

Viel zu wenig Parkplätze

Ein paar Minuten später gehen auch Heidi und Uwe wieder rein. An der Theke warten Steffen und Claudi, abgetrocknet und vollständig angezogen. Sie müssen gleich los, um Claudis Babysitterin abzulösen. Uwe fragt, ob sie mit dem Auto da sind und regt sich darüber auf, dass es immer zu wenig Parkplätze gibt.

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Heidi bedauert, dass die beiden ihren Freund nicht kennenlernen, der gleich noch vorbeikommt und lädt sie zu ihrer Geburtstagsparty ein. „Hier im Club“, zwinkert sie, „Viele Paare, die da kommen, waren noch nie in einem Swingerclub. Wird witzig!“ Claudi und Steffen versprechen, sich den Abend freizuhalten und verabschieden sich auch von Martina, die gerade eine Flasche Babyöl zurückbringt. Dann gehen sie durch den engen Gang, zurück zum Ausgang. Hinter ihnen schallt Nodesha aus den Boxen: „When you ride with me, oh, It’s such a vibrate thing, uh.“

Alle Namen wurden geändert.