Als die Bomben fielen: Mein syrischer Mitbewohner erzählt von Aleppo

Vor über vier Jahren fielen die ersten Bomben auf Zakis Stadtviertel in Aleppo. Heute wohnt der Syrer mit unserem Autor zusammen in einer WG in Istanbul – und muss auf Facebook mit ansehen, wie das Haus seiner Eltern ausbrennt.

© Simon Hartmann

Mein Mitbewohner Zaki in unserer WG in Istanbul © Simon Hartmann

Zaki blickt ausdruckslos in die Ferne. Das Haus seiner Eltern in Aleppo ist heute in Flammen aufgegangen. Wieder einmal ist eine Bombe eingeschlagen. Sie hat den Straßenzug in Brand gesetzt, Mauern und Menschen zerfetzt.

Zakis Familie ist glücklicherweise in Sicherheit. Vor zwei Jahren flüchteten sie in die Türkei. Doch ihr Haus war immer so etwas wie ein Anker, erzählt er mir. Solange es dieses noch Haus gab, war klar: Sie würden den Weg zurückfinden. Doch heute erreichte sie ein verwackeltes Facebook-Video. Es wurde von einem ihrer früheren Nachbarn aufgenommen und zeigt deutlich, wie sich eine zischende Feuersbrunst durch das obere Stockwerk frisst.

Für Zaki verbrennt in den Flammen ein Stück Heimat.

Als der Bürgerkrieg nach Aleppo kam

Seit drei Monaten lebe ich mit Zaki in einer WG in Istanbul. Ich mache ein Erasmuspraktikum in der Türkei. Er hat eine gute Arbeit gefunden. Zaki ist ein cooler Typ, denke ich mir oft. Der Charme des 24-Jährigen kann jeden Griesgram zum Lächeln bringen, er tanzt gerne und feiert viel.

Doch die dunklen Gedanken kommen immer wieder in ihm hoch. Zaki erinnert sich noch ganz genau, wie er war, dieser graue Ramadan 2012, als der Bürgerkrieg nach Aleppo kam. Wenige Tage zuvor hatten die Unruhen seine Heimatstadt erreicht. Rebellen eroberten Straßenzug um Straßenzug und kamen Zakis Viertel gefährlich nahe. Doch genau wie seine Nachbarn dachte Zaki, dass der Spuk bald vergehen würde.

Das Fastenbrechen beging Zaki damals bei einem Freund. Die beiden saßen in einem Garten, genossen die Abendluft und sahen Kindern zu, wie sie mit einer Wasserfontäne spielten. Ein paar Gäste saßen schon zu Tisch. Die Bombe, die dem friedlichen Treiben ein Ende bereiten sollte, deutete sich nur mit einem leisen Säuseln an. Während Zaki mir davon berichtet, ahmt er das Geräusch nach, indem er still, aber bestimmt ausatmet.

Die Explosion, beschreibt Zaki, sei voller Gewalt gewesen, ohrenbetäubend und schmerzvoll. Er wurde zu Boden geworfen und verlor kurz das Bewusstsein. In seinen Ohren flimmerte ein schrilles Piepen, um ihn herum herrschte Chaos. Alle Fensterscheiben des Hauses waren zersplittert. Eine lange Scherbe hatte sich in den Körper einer schwangeren Frau gerammt. 

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Voller Sorge um seine Familie rannte Zaki nach Hause und fand sie unverletzt, wenn auch in heller Aufregung. Immer neue Bomben wurden auf ihr Viertel gejagt, sodass sie ihr Haus erst bei Sonnenaufgang verlassen konnten. Sie suchten bei Freunden in einem anderen Stadtteil Schutz. Es war das letzte Mal, dass sie ihr Haus sahen.

Flucht in die Türkei

Vor diesem grausamen Ramadan war Aleppo eine wunderschöne Stadt. Auf den vielen Fotos, die Zaki aus dem Netz zusammensucht, sind stolze Bürgerhäuser zu sehen, emsige Marktplätze, prächtige Moscheen. Nostalgisch schildert Zaki die Kaffeestube, die seine Familie betrieb. Ein weiter, offener Raum. In der Luft, so erinnert sich Zaki, lag immer der Duft frischer Bohnen und Schokolade. Oft stand er gemeinsam mit seinem Vater hinter der Theke, um die Kunden zu bedienen.

Zaki liebt diese Erinnerung. Doch das Geschäft gibt es nicht mehr. Wo es war, steht heute nur noch eine Ruine.

Als das Chaos in Aleppo zu groß wurde, verließen die Dayehs ihre Heimat und fanden in der Türkei Zuflucht. Die Ersparnisse der Familie waren bald aufgebraucht. Zaki musste die Verantwortung für seine Familie übernehmen. In Konya, einer Industriestadt im Herzen der Türkei, arbeitere er als Lastenträger. In der Autowerkstatt waren seine hervorragende Schulbildung und sein begonnenes Studium zunächst wertlos. Als Araber beherrschte er die Landessprache nicht.

Die Kriegserfahrung verändert Menschen, erzählt Zaki. Gefühle stumpfen ab, Mitleid versiegt. Als der erste seiner Freunde ermordet in Syrien wurde, trauerten sie noch gemeinsam. Doch je mehr Tote folgten, desto gewöhnlicher wurde es. Nur ein weiterer Mensch, der von nun an fehlen würde.

Es ist pures Glück, dass dieses Los nicht auch Zaki ereilt hat. Als er einmal auf dem Campus seiner syrischen Universität unterwegs war, schlug plötzlich etwas in die Wand neben ihm ein. Ungläubig blickte er zu der Stelle, um dann schnell Deckung zu suchen. Die Patrone eines Scharfschützen hatte ihn nur knapp verfehlt.

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„Wenn eine Explosion dich aus dem Schlaf reißt und du deine Leute vor dir siehst, kannst du nur aufatmen“, erklärt Zaki mit eisernem Blick. „Es hat jemand anderen getroffen.“ Ich sehe Zaki an, dass er sich die Kälte selber nicht verzeiht. Aber nur so kann man wohl überleben.

Die Familie ist für Zaki der Grund durchzuhalten, immer weiterzumachen, all die dunklen Gedanken zu vertreiben. Er kann es sich nicht leisten, zu lange in Fatalismus zu verfallen. Stattdessen muss er sich anstrengen, anpacken. Er muss versuchen, sich aus seiner Misere herauszuarbeiten.

Trotz der erschöpfenden Arbeit in der Autowerkstatt lernte Zaki nach und nach Türkisch. Irgendwann wagte er den Sprung, sich selbstständig zu machen und auf Kommissionsbasis mit Autoteilen zu handeln. Er hat damit Erfolg: Heute arbeitet er im Management einer Istanbuler Autowerkstatt und organisiert den Import von Ersatzteilen aus dem Nahen Osten. Jetzt nützen ihm sein Arabisch und sein Englisch sehr.

Ein Leben auf dem Sprung

Auch wenn er genügend Anlass hätte, stolz auf sich zu sein, fühlt sich Zaki immer noch nicht wohl. Er sagt, er habe eine „Flüchtlingsmentalität“ entwickelt: All seine Leistungen hier erscheinen ihm provisorisch, nur vorübergehend. Es ergibt für ihn keinen Sinn, sich ein wirkliches Leben aufzubauen. Er ist immer auf dem Sprung.

Sein größter Wunsch? Er will wieder zurück an seine Universität. Dort, wo ihn einst der Scharfschütze knapp verfehlte, könnte er in Friedenszeiten sein Bachelorstudium wiederaufnehmen. Bei diesen Worten leuchten die grünen Augen meines Freundes kurz auf. Er hat schon ein paar Semester Maschinenbau und englische Übersetzung studiert.

Doch diese süße Vorstellung verschwindet ebenso schnell wie sie gekommen war. Aus Zakis Handy spielt ein melancholisches Lied. Ein blinder Musiker besingt die kohlschwarze Erde seines Heimatdorfes, die er schon lange nicht mehr sehen kann. Im Arabischen gäbe es ein Sprichwort, sinniert Zaki: „In der Heimat ist das Gras grüner.“ Er hat eine Träne im Auge.