Das hat Teleshopping mit mir gemacht

Teleshopping ist die Hölle im Bildschirmformat. Und trotzdem konnte Anna Lisa Lüft nicht wegsehen, als sie beim Durchschalten auf ein besonders faszinierendes Angebot stieß.

© Federico Gambarini/dpa

Das QVC-Studio in Düsseldorf © Federico Gambarini/dpa

Neulich erzählten gute Freunde, sie hätten sich etwas auf QVC bestellt. Frischhaltedosen aus Glas, die alles, was man darin verpackt, für immer (oder zumindest für eine sehr lange Zeit) frisch halten.

Wow, sagte mein Freund, das ist ja toll.

Wow, dachte ich, das ist ja peinlich.

Mit Anfang 20 QVC gucken und dann auch noch was bestellen? Diese Teleshopping-Phase fängt normalerweise doch sehr viel später im Leben an. Ich machte mich also ein bisschen darüber lustig, und dann war das Thema auch wieder vergessen.

Bis mein Freund und ich dann selbst bei einer solchen Verkaufssendung hängen blieben. Es war ein langweiliger Samstagabend, Netflix war nicht spannend genug und im Fernsehen lief ansonsten nur seltsames Zeug. Also zappte ich weiter und weiter und dann war da plötzlich QVC. Zwei Männer, der eine klein und mit schwäbischem Dialekt, der andere groß und mit gekünsteltem Grinsen, erzählten über den „Magic Gartenschlauch“. Der vermeintliche Zauberschlauch lag in einem Eimer und machte gar nichts.

„Gitti, wir haben nur noch 1000 Stück auf Lager!“

Irgendwie waren wir beide trotzdem total angefixt. Als ich nach ein paar Minuten wegschalten wollte, sagte mein Freund sogar: „Nee, lass mal, ich will sehen, wie die den Gartenschlauch gleich aufrollen.“ Ich war ein bisschen angewidert über sein Interesse, gleichzeitig aber erleichtert, weil ich selbst so fasziniert war und unbedingt wissen wollte, was zur Hölle diesen Schlauch besonders macht. Also schauten wir noch ein bisschen und überlegten ernsthaft, ob wir nicht einen Gartenschlauch bräuchten – bei drei Blümchen auf einem kleinen Stadtbalkon. Am Ende siegte die Vernunft – wir hatten einen klugen Moment und entschieden, dass die Zeit für einen Schlauch für uns noch nicht gekommen war.

Am nächsten Morgen stand ich immer noch unter Schock: Hatten wir gestern Abend ernsthaft Teleshopping geguckt? Ich schaltete wieder zu QVC. In einer Art Selbsttest wollte ich mir beweisen, dass ich nicht nochmal auf diese billige Verkaufsmasche reinfallen würde. Eine ältere blonde Frau knetete mit beiden Händen in den Haaren einer anderen Frau und schrie die Zuschauer auf Hessisch an, dass sie unbedingt dieses Volumenpuder kaufen müssten. Dann fiel ihr ein Moderator mit unheimlich viel Make-Up im Gesicht ins Wort und sagte: „Gitti, wir haben nur noch 1000 Stück auf Lager!“ Und da war er wieder, dieser Gartenschlauch-Moment: Das musst du haben, dachte ich mir. Und dann: Oh Gott, was ist nur aus mir geworden?

Dabei ist es gar nicht so schwer zu analysieren, mit welchen Kniffen die Moderatoren ihre Zuschauer überzeugen: Sie führen vor, wie wahnsinnig toll ihre Produkte sind. Der gezeigte Handstaubsauger könnte bei Bedarf einen Sandstrand leersaugen, die Weihnachtsbeleuchtung strahlt nicht nur das eigene Haus an, sondern gleich die ganze Nachbarschaft, und das Gemüse-Schnippel-Ding kriegt sogar bockharte Süßkartoffeln klein.

Seit neuestem lassen QVC, HSE24 und Co sogar Youtube-Beauty-Gurus der ersten Stunde und andere „Social Influencer“ für ihre Artikel werben. Wenn dann noch erzählt wird, dass die anderen Kunden gerade wie verrückt zuschlagen, kaum noch Staubsauger da sind oder das violette Modell sogar schon ausverkauft ist – oh, oh. Dann setzt vom Hirn bis zum Herzschlag wirklich alles aus.

Ich weiß das alles. Ich weiß, wie die mich rumkriegen wollen und dass die ganzen vorgestellten Lebensretter in Wirklichkeit oftmals doch nicht so toll sind. Warum also gucke ich trotzdem immer öfter zu? Wahrscheinlich ist es der Autounfall-Effekt. Man guckt hin, obwohl es grausam ist. Das ist diese Sensationsgier, die in uns Menschen steckt. Es tut zwar ein bisschen weh, den zu stark gebräunten und zu stark blondierten Moderator*innen dabei zuzusehen, wie sie in immer absurdere Lobeshymnen auf eindeutig hässliche Kleidung oder wahnsinnig unnötige Küchengeräte verfallen.

Aber es macht auch ein bisschen Spaß. Weil man sich klüger fühlt als die Moderatoren, die ihr Gesicht für diesen Humbug hergeben. Und weil man sich klüger fühlt als die Zuschauer, für die Teleshopping-Kanäle keine „Ich mach mich darüber lustig“-Unterhaltung sind, sondern „Ich sehe da lauter tolle Dinge“-Unterhaltung. Also für die, die das so richtig ernsthaft gucken. Und auch da bestellen. Die muss es ja schließlich geben.