Wie es ist, sich als schwuler Lehrer vor der Klasse zu outen

„Du schwule Sau!“ ist wohl eines der meistverbreiteten Schimpfworte auf deutschen Schulhöfen. Wie ist es da, sich als schwuler Lehrer behaupten zu müssen? Die Geschichte über das Coming-out eines jungen Lehrers an einer Schule in einem Berliner Problembezirk.

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Mein Lehrer? Voll schwul! © seite14 / Photocase.de

Der Tag, an dem Clemens* sich vor seiner Klasse als schwul outen musste, war ein kalter Januartag. Clemens dachte bereits öfter darüber nach, ob und wann er sich outen würde, denn immer mehr beschlich ihn das Gefühl, sich vor seiner Klasse zu verstellen. Trotzdem verschob er sein Outing immer wieder. „Ich dachte: Die sind neunte Klasse, da kann ich das, wenn ich mich wohl fühle, in der zehnten Klasse ansprechen.“

Aber an diesem Tag im Januar hatte er plötzlich keine Wahl mehr. „Dürfen wir Sie mal etwas persönliches fragen?“, meldete sich ausgerechnet einer seiner Schüler, der, wie Clemens sagt „verhaltensauffällig“ ist, also einer der Probleme mit Disziplin hat und Autoritäten nicht anerkennt.

„Mir ist schlecht. Ich will auf Toilette!“

Er fragte: „Haben sie eigentlich eine Frau und Kinder?“ Clemens wollte seine Klasse nicht anlügen, also sagte er einfach: „Nein.“ „Warum tragen sie dann einen Ehering?“ Clemens wurde nervös. Die Klasse merkte das. Nach einigem Hin und Her sagte er schließlich: „Ich bin verheiratet. Mit einem Mann.“

„Mir ist schlecht. Ich will auf Toilette!“, sagte sein verhaltensauffälliger Schüler.

Ein schwuler Lehrer

Bisherige Untersuchungen gehen davon aus, dass fünf bis acht Prozent der Menschen sich als schwul, lesbisch, bi- oder transsexuell identifizieren (PDF). Das gilt auch für Lehrer*innen. In der Schule sind sie allerdings nur selten sichtbar. Für viele Lehrer*innen ist das Coming-out in der Schule ein schwieriger Prozess. Sie wollen sich nicht angreifbar machen, weiterhin ernst genommen werden. So ging es auch Clemens: „Man muss immer einen guten Draht zu den Schülern haben. Wenn sie einen weniger respektieren, geben sie sich weniger Mühe.“

Clemens ist ein junger Lehrer, der gerade sein Referendariat beendet hat und nun das erste Jahr übernommen wurde. „Ich rede doch auch nicht über mein Privatleben“, sagten seine Kolleg*innen immer. Sie rieten ihm: „Wenn dich jemand fragt, ob du verheiratet bist, sagst du einfach: Das geht dich nichts an.“

„Als Referendar habe ich gesehen, wie unproblematisch es für andere Lehrer ist, zu sagen, wir brauchen dafür eine Kamera – kein Problem, ich frag meine Frau oder mein Sohn kann da helfen und so weiter. Deswegen glaube ich, dass viele Lehrer, die Hetero sind, nicht wissen, was es bedeutet, ständig zu schauen, was man wirklich erzählt.“, sagt Clemens, der seinen Job sehr mag. Auch wenn viel zu tun ist. „In meiner Schule ist es so, dass die Klassenlehrer extrem viel Verantwortung haben: Elternkontakt, Klassenfahrt planen und Bezahlung organisieren, Zeugnisse erstellen, alle Entscheidungen treffen. Ich mache das sehr gern, aber es bedeutet auch, dass die Schüler mich sehr oft sehen. Öfter als andere Lehrer, weil ich auch gern extra Stunden nehme, um mit den Schülern etwas zu planen oder zu besprechen.“

„Wenn dich jemand fragt, ob du verheiratet bist, sagst du einfach: Das geht dich nichts an.“

Die Schüler haben sogar Clemens Handynummer, er hat eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet, um schnell mit ihnen in Kontakt zu kommen. Für Clemens ist es nicht einfach so möglich, Privat- und Berufsleben zu trennen. „Lehrer fragen ständig Schüler, was sie für Hobbys haben, ob die Eltern geschieden sind, warum sie die ganze Zeit krank seien. Deswegen fände ich das schon schöner, wenn auch die Schüler mehr über ihre Lehrer wissen würden. Ich habe genug Privatleben. Es ist schön, etwas zu teilen.“

Es wäre schön, sich zu outen – aber er traut sich lange nicht. Immer mehr wächst das Gefühl in ihm, sich vor seiner Klasse verstellen zu müssen. Bis zu dem Tag im Januar, von dem Clemens sagt, dass er ihn nie vergessen wird.

„Ich bin verheiratet. Mit einem Mann.“

„Nein, du gehst jetzt nicht auf Toilette, sondern bleibst jetzt hier sitzen“, sagte Clemens. Die Klasse begann, Fragen zu stellen. Wie seine Eltern reagiert hätten, wann er für sich wusste, dass er schwul sei. Er erzählte ein wenig. Schließlich sagte der Schüler, der ihn dazu gebracht hatte, sich zu outen: „Respekt, dass Sie sich getraut haben, das zu sagen.“

Clemens hoffte, seine Schüler*innen würden die Sache weiter erzählen. Es war ein intimer und authentischer Moment. Trotzdem wollte er ihnen nicht das Gefühl geben, es handle sich um ein Tabu. Es sollte ganz normal sein, genauso normal, wie wenn seine Kollegin ihr Kind mit in die Klasse bringt, weil der Kindergarten wegen Windpocken dicht gemacht hat. Ob sie es weitererzählt haben, weiß er nicht.

„Respekt, dass Sie sich getraut haben, das zu sagen.“

Einmal ging Clemens durch den Schulflur, als er hinter sich einen Schüler hörte: „Er ist schwul“, rief er. Clemens fühlte sich angegriffen. Er dachte: „Wenn es jetzt so losgeht und die anderen Schüler nicht so nett sind, wie meine eigenen, dann möchte ich hier nicht mehr unterrichten.“ Er war aufgeregt und stellte den Schüler zur Rede. Der sagte, er hätte nicht ihn gemeint, sondern einen Kumpel – wen der Junge wirklich meinte, blieb unklar.

An Clemens Schule arbeitet eine Diversity-Beauftragte, die schon mehrere Schüler*innen bei ihrem Coming-out unterstützte. Clemens erzählte ihr von dem Vorfall. Plötzlich lud ihn der Schulleiter ins Büro. In einem Gespräch sagte er Clemens, dass er sich an seiner Schule sicher fühlen soll und er alle Unterstützung hätte. Sollte es wirklich soweit kommen, dass Clemens sich nicht mehr sicher fühlen könne, wäre das auch nicht mehr seine Schule. „Ich glaube, das war symbolisch, aber es war sehr schön“, sagt er.

Schule im Berliner Problembezirk

Clemens unterrichtet an einem Gymnasium in einem Bezirk, den Medien als „Problembezirk“ bezeichnen. An seiner Schule lernen viele Schüler*innen mit Migrationshintergrund. Clemens sagt: „Ich weiß nicht, ob Schüler immer gemeiner werden, aber es fällt im Moment ein bisschen auf, dass einige Klassen immer Konflikte miteinander haben. Und es ist leider sehr oft auf Herkunft oder Aussehen zurückzuführen.“

Eine Studie der Berliner Senatsverwaltung über die Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen von 2012 (PDF) fand heraus, dass Jugendliche mit arabisch-türkischem Migrationshintergrund deutlich negativere Einstellungen gegenüber Personen aus der LGBTQ-Community haben. Sie finden beispielsweise nicht, dass homosexuelle Menschen die gleichen Rechte haben sollen. Dies gilt allerdings nur für explizit geäußerte Einstellungen, bei impliziten, also unbewussten Einstellungen, gibt es kaum Unterschiede zu ihren Mitschüler*innen. Das liegt, laut Studie, vor allem an der erhöhten Religiosität. Zumindest nach traditioneller Auslegung des Koran ist (männliche) Homosexualität nicht erlaubt. Hinzu kommt, dass ein türkisch-arabischer Migrationshintergrund im Durchschnitt mit einer höheren Akzeptanz traditioneller Geschlechterrollen und mit etwas weniger Kontakt zu LGBTQ-Menschen einhergeht – und dies wiederum zu einer ablehnenderen Einstellung und weniger Wissen führen kann.

„Diejenigen, von denen ich gedacht habe: Was werden die Familien denken, für die war es kein Thema.“

Jugendliche mit türkisch-arabischem Migrationshintergrund lassen sich jedoch eher durch das Verhalten ihrer Lehrkräfte beeinflussen lassen, als ihre Mitschüler*innen ohne Migrationshintergrund. Laut der Studie verhalten sie sich weniger diskriminierend, wenn Lehrkräfte zuvor sexuelle Vielfalt thematisiert haben.

Clemens bestätigt das: „Diejenigen, von denen ich gedacht habe: Was werden die Familien denken, für die war es kein Thema. Ich habe sogar das Gefühl, es hat sich verbessert. Ich habe ganz fromme Muslime in der Klasse, sie haben mich immer respektiert. Sie haben nie angedeutet, dass sie sich distanzieren oder ich ihnen nichts zu sagen hätte. Die Familie hat einen großen Einfluss, aber die Schüler nehmen viel auf und machen sich Gedanken über Dinge.“

Auch die Eltern, von denen Clemens dachte, sie würden nun nicht mehr mit ihm reden, haben sich später bei Elternsprechtagen am meisten für sein Engagement bedankt.

Clemens will gern denken, dass er Einfluss auf seine Schüler hat. Er sagt, die Schüler*innen hören sowieso andere Ansichten als seine. „Manche gehen vielleicht Freitags zur Koranschule, da hören sie wieder was anderes. Und wenn ich meinen Beitrag nicht leiste, können sie sich keine Meinung bilden.“

Ein Coming-out ist nie abgeschlossen

Clemens hofft, dass er sich nicht jedes Mal wieder outen muss. Spätestens, wenn er eine neue Klasse bekommt, muss er sich die Frage nach seinem Coming-out allerdings wieder stellen. „Wenn ich die nächste Klasse siebte Klasse bekomme, dann kennen die sich noch gar nicht. Da will ich doch erstmal fördern, dass die sich kennenlernen und nicht von mir erzählen.“ Vielleicht ist es dann möglich, sich ganz nebenbei zu outen. Teilweise hat er das in der Oberstufe schon so gemacht. Auf den Vorschlag einer Schülerin sagte er neulich: „Ja, da hat mich mein Mann auch schon drauf aufmerksam gemacht.“


*Name geändert