Angeblich sind wir zu unvorsichtig bei der Partnerwahl. Ich denke: Es ist andersrum.

Sechs große Fehler machen wir bei der Suche nach dem Partner fürs Leben, behauptet Autor Tim Urban. Entschuldigung? Einspruch! 

© Spencer Platt/Getty Images

Auf der Suche nach dem Partner fürs Leben. © Spencer Platt/Getty Images

Sind Paare glücklicher als Singles? Die Forschung scheint das zu bestätigen, schreibt Tim Urban bei Wait but Why, kürzlich neu veröffentlicht bei Quartz. Allerdings müsste man Paare in zwei Gruppen teilen: glückliche und unglückliche. Und unglückliche Paare sind in der Regel unglücklicher als unglückliche Singles, das belegt Urban in seinem Essay mit Studien aus der Glücksökonomie.

Glückliche Paare sind dagegen sehr sehr glücklich. Und viel glücklicher als Singles, sieht man von den sehr sehr glücklichen Singles einmal ab. Die sollten an dieser Stelle aufhören zu lesen, um die geht es nämlich nicht. Ihr könnt euer Weltbild von Anna bestätigen lassen.

Wir laufen mit viel Optimismus ins Unglück?

Aber es gibt eben auch die anderen. Die, die suchen. Oder sich suchen lassen. Jene, die gern verliebt und ein wenig gebunden sein wollen. Natürlich wollen all jene zu den sehr (sehr) glücklichen Paaren gehören. Und irgendwie gehen wir auch davon aus, dass wir das tun werden. Wir laufen mit viel Optimismus ins Unglück.

„Wie überwältigend wichtig es ist, den richtigen Partner fürs Leben zu finden ist, als dachte man darüber nach, wie groß das Universum ist oder wie erschreckend der Tod“, schreibt Tim Urban.

Wie bitte? giphy.com
Wie bitte? giphy.com

Gehen wir davon aus, dass uns 55 Jahre mit einem Partner bevorstehen. Dann sprechen wir laut Tim von 20.000 gemeinsamem Malzeiten, 100 Urlauben, 18.000 „Wie war dein Tag?“, und der Person, die unsere Kinder erziehen und uns therapieren wird.

So. Tief durchatmen.

Das klingt verdammt anstrengend. Und weil die Entscheidung so wichtig und groß und bedeutsam ist, denken wir Tim zufolge möglichst wenig darüber nach. So entstünden sechs Fehler, die wir immer wieder machen. Ich halte diese Annahmen, größtenteils, für Unsinn. Er zitiert hervorragende Studien – aber er zieht ziemlich merkwürdige Schlüsse aus ihnen. Nämlich diese:

1. Wir wissen nicht, was wir eigentlich von einer Beziehung erwarten.
2. Wir lassen uns zu sehr von romantischen Idealen leiten.
3. Wir suchen meist nur in unserem unmittelbaren Umfeld, statt das Jagdrevier zu vergrößern (Online-Dating, Speed-Dating).
4. Die Gesellschaft erwartet, dass wir mit 35 Jahren verheiratet sind.
5. Aus biologischen Gründen handeln wir zu instinktgetrieben.
6. Die biologische Uhr tickt (vor allem für Schwangerschaften).

1. Wir wissen nicht, was wir eigentlich von einer Beziehung erwarten.

Er meint: Wir reden uns ein, wir wüssten, was wir von der Beziehung erwarten. Wenn sie dann da ist, dann verhalten wir uns plötzlich anders – und wir erwarten auch Anderes. Tim schreibt, das liege daran, dass uns in der Regel die Erfahrung fehlt. Viele Beziehungen haben wir schließlich nicht, bevor wir die „große Entscheidung“ treffen. Ach was.

Das Problem bei Partnerschaften ist ja: Es gehören immer zwei dazu. Mindestens. Und an dieser Stelle ist die Geschichte unserer Erwartungen auch schon zu Ende. Was sollen wir denn vom Anderen erwarten? Wir kennen ihn doch noch gar nicht, dann kaum, dann sind wir verliebt und dann lernen wir ihn kennen. Wie glücklich könnten wir sein, wenn es Erwartungen gar nicht gäbe? Sie sind das große Übel unserer Gesellschaft.

2. Wir lassen uns zu sehr von romantischen Idealen leiten.

Liebe reicht nicht, findet Tim. Okay, da kann ich zustimmen. Die Argumentation ist aber: Die Witze sind schlecht und die Streits alltäglich, die innere Stimme ist auch nur am Meckern, die Liebe aber, ja, die Liebe, die hält uns davon ab, den anderen abzuschießen.

Ähm … nein.

Für Dummheit kann die Liebe nichts. Schuld trägt die Einsamkeit, die Verzweiflung, die große Hoffnung, endlich jemanden gefunden zu haben. Liebe kann man sich auch einreden. Und dann geht sie nicht wieder weg. Genau wie eine Erkältung.

3. Wir suchen meist nur in unserem unmittelbaren Umfeld, statt das Jagdrevier zu vergrößern (Online-Dating, Speed-Dating).

… und daran sei die Gesellschaft Schuld. Wer auch sonst. Das stimmt aber nicht. Online-Dating ist normal geworden. Es muss gar nicht die Rating-Webseite sein. Man lernt Menschen über Freunde in gemeinsamen WhatsApp-Chats und Facebook-Gruppen kennen. Das ist auch das Internet. Mit dem Unterschied, dass das erste Date dann nur eine mutige Frage entfernt ist.

4. Die Gesellschaft erwartet, dass wir mit 35 Jahren verheiratet sind.

Hä?

Ich bin 29 Jahre alt, ich kann das nicht beurteilen. Deshalb habe ich ganz viele Leute gefragt.

Und die haben alle Nein gesagt; das könnt ihr nachlesen, wenn ihr auf den Tweet klickt. Ihr dürft mir aber gern widersprechen, wenn ihr das anders seht. Dann schon mal vor ab als Tipp: Wer meint, er müsse der Gesellschaft zuliebe heiraten, abnehmen, zunehmen oder sich einen Bart wachsen lassen, der ist echt noch nicht bereit für eine ernsthafte Beziehung. Den Straßenverkehr. Einkaufen ohne Mama. Goldfische, Topfpflanzen, ungesicherte Steckdosen. Und so.

5. Aus biologischen Gründen handeln wir zu instinktgetrieben.

… und deshalb wollen wir uns schnell verlieben, Sex haben, den Vertrag aufsetzen und dann sind wir eben wieder unglücklich verheiratet. Nein. Alles, was Liebenden der Gegenwart nachgesagt wird, spricht dagegen. Mit Sicherheit gibt es viele Menschen, die zu schnell heiraten. Es gibt aber genauso viele, die sich Zeit lassen. Die eher zu verzagt handeln, als zu schnell. Viele, die ihre Beziehung ihrer eigenen Unsicherheit opfern.

6. Die biologische Uhr tickt (vor allem für Schwangerschaften).

Statistisch betrachtet scheint da was dran zu sein: Das durchschnittliche Heiratsalter liegt in Deutschland übrigens für Frauen bei 30,9 Jahren und für Männer bei 33,6. Tendenz steigend, seit Jahren schon.

Ja, das ist nicht schön. Na und? Mütter werden älter, 30,9 Jahre alt sind sie im Schnitt bei der Geburt des ersten Kindes. Und unsere Gesellschaft hält das ganz gut aus, die Medizin richtet sich darauf ein und – yay – wir Frauen haben die Chance, vorher unser Arbeitsleben auf die Spur zu bringen.

So viel dazu. Nein, ich denke nicht, dass wir alles falsch machen. Ich denke, wir schlagen uns ganz gut. Im Zweifel ist unser Problem bestimmt nicht, dass wir uns zu schnell und zu verängstigt auf die Falschen einlassen. Wichtiger ist es doch, dass wir uns überhaupt auf jemanden einlassen. Dass wir es zunehmend ungern tun, ist ein Problem der Gegenwart. Darüber kann es aber gar keine Studien geben, weil es gerade erst passiert.

Es ist nicht unsere Unvorsicht, die uns Fehler machen lässt. Es ist unsere Vorsicht. Es ist die Vorsichtig, die uns allein bleiben lässt oder rastlos auf der Suche. Wir sollten unvorsichtig sein! Uns verlieben, unserer biologischen Uhr folgen, warum auch nicht? Einen Partner für das ganze Leben zu suchen, das ist eine verdammt große Aufgabe. Woher soll ich wissen, wer ich in zehn Jahren bin? Wir müssen uns aufeinander einlassen. Und wenn es nicht geht? Freunde bleiben.

Das Buch „Practical Magic“ von Alice Hoffmann endet mit den Worten „… And fall in love whenever you can“. Ich halte das für die Lösung. Lasst euch auf einen Menschen ein, lasst euch fallen. Haltet ihn aus. Und wenn ihr frei seid, dann verliebt euch, wann immer ihr könnt.