Angst vor Doping-Recherche: Wie der kenianische Laufverband meinen Diplomfilm verhindern wollte

Die wichtigste kenianische Lobby versuchte mit allen Mitteln die Produktion meines Diplomfilmes zu verhindern. Es gab nur einen Weg, den Film trotzdem drehen zu können.

© SIMON MAINA/AFP/Getty Images

Kenianische Läufer während einer Trainingseinheit in Iten. © SIMON MAINA/AFP/Getty Images

Was für die deutsche Wirtschaft die Autoindustrie ist, ist für Kenia das Marathonbusiness. Ein Dopingskandal wäre für Kenia ungefähr so schädlich, wie ein Abgasskandal für einen deutschen Autohersteller. Die Kenianer sind die erfolgreichsten Marathonläufer weltweit. Bei den Olympischen Spielen gewann in Eliud Kipchoge gerade wieder ein Kenianer eine Goldmedaille. Immer wieder wird den kenianischen Läufern Doping unterstellt, aber bislang konnte nie desgleichen nachgewiesen werden.

Im Jahr 2013 plante ich einen Film über zwei kenianische Marathonläufer. Beide waren niemals zuvor in Europa gewesen und standen kurz vor ihrer ersten Reise nach Deutschland. Ein deutscher Manager hatte sie gescoutet, um sie hierzulande bei Marathonläufen antreten zu lassen. Mein Film „The Long Distance“ sollte das globale Marathongeschäft aus zwei Perspektiven erzählen: der deutschen und der kenianischen. Mir ging es vor allem darum, die Globalisierung in der menschlichen Begegnung zu erforschen, das Thema Doping hatte ich nicht auf der Agenda.

Mein Team und ich waren bereits für einen zweiwöchigen Recherche-Dreh nach Kenia gereist. Das ZDF war in das Projekt eingestiegen. Nun wollte ich erneut nach Kenia fliegen, um den Film zu drehen, den ich über ein Jahr vorbereitet hatte und der mein Regie-Studium an der Filmakademie abschließen sollte.

Das Drehverbot war der Gau

Die Vorbereitungen liefen gut, bis mein Produzent mich anrief. Er teilte mir mit, dass unsere Line-Producerin, die den Dreh in Kenia koordinieren sollte, eine Nachricht vom dortigen Leichtathletikverband Athletics Kenya erhalten hatte. Athletics Kenya hatte erfahren, dass mein Team und ich vor Ort recherchiert und gedreht hatten. Der Verband verdächtigte mich, mit meinem Film seine Sportler des Dopings überführen zu wollen. Das wollte Athletics Kenya auf keinen Fall zulassen. Vielleicht hatte die Arbeit der ARD an einer Dokumentation über Doping in Kenia sie nervös gemacht.

Isaiah Kiplagat, Chairman von Athletics Kenya. © Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images
Isaiah Kiplagat, Chairman von Athletics Kenya. © Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images

Wir hatten alle Drehgenehmigungen eingeholt, die man laut der kenianischen Regierung benötigt. Athletics Kenya gab nun an, wir würden eine weitere Genehmigung benötigen, die sie selber erteilen würden. Von der Genehmigung hatten weder wir noch unsere Ansprechpartner in Kenia je gehört. Die fehlende Erlaubnis drohte nicht nur meinen Film zu gefährden. Der Leichtathletikverband nahm sie auch zum Anlass, dem Protagonisten meines Filmes, Sportmanager Volker Wagner, die Arbeitslizenz zu entziehen. Ohne Lizenz konnte er keine kenianischen Sportler nach Deutschland holen. Das war nicht nur für ihn ein Problem, sondern auch für die Sportler, die bei ihm unter Vertrag standen.

Die Zeit drängte. Die Marathonsaison begann bald, die komplette Filmproduktion war vorbereitet. Doch der Verband untersagte alle weiteren Dreharbeiten. Das Drehverbot war der Supergau, für den Film und für mein Diplom. Über ein Jahr hatte ich auf das Projekt hingearbeitet. Jetzt, kurz nachdem das ZDF eingestiegen war, wollte ich es nicht als gescheitert erklären.

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Wir kommunizierten über unsere kenianische Producerin mit dem Verband in Kenia. Mit Isaiah Kiplagat hatte sich der Präsident persönlich der Sache angenommen. Zusammen mit seinem Stellvertreter David Okeyo und seinem Schatzmeister Joseph Kinyua steht er im Verdacht, 650.000 Euro Sponsorengelder auf private Konten umgeleitet zu haben. Vor dem Internationalen Leichtathletikverband IAAF streiten sie jedoch alles ab.

„Verlasst so schnell wie möglich das Land“

Zunächst dachte ich an ein Missverständnis, das sich schnell aus dem Weg räumen ließe. Wochen vergingen, in denen wir versuchten die Wogen zu glätten und durch unsere kenianische Producerin die Sachverhalte richtig stellen zu lassen. Athletics Kenya forderte, dass wir unser gesamtes Rohmaterial abgeben. Also schickten wir eine Festplatte mit unseren bereits gedrehten Sequenzen an den Verband. Ich versuchte noch einmal zu erklären, dass es in dem Film keinesfalls um Doping gehen sollte – ohne Erfolg.

Schließlich flog ich mit zwei Kollegen aus meinem Team nach Nairobi, um die Sache persönlich zu klären. Ich erhoffte mir Unterstützung vom Goethe Institut in der kenianischen Hauptstadt. Dort hatte man nach der Ankunft klare Worte für mich: „An eurer Stelle würde ich so schnell wie möglich das Land verlassen. Hier sind schon Menschen wegen weniger ins Gefängnis gekommen. Ihr habt es mit mächtigen Leuten zu tun.“

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Das Hauptquartier von Athletics Kenya in Nairobie © EPA/DAI KUROKAWA

Trotz der Warnung entschied ich zu bleiben. Ich wollte unbedingt eine Lösung finden, nicht nur um den Film drehen zu können, sondern auch, weil ich wollte das Volker Wagner seine Lizenz zurückerhält. Ich bestand also auf ein Treffen mit dem Verband. Vorher fuhren wir zur deutschen Botschaft in Nairobi, um sie über unseren Fall zu informieren und für mögliche ungewollte Zwischenfälle vorzusorgen.

Nachdem der Verband das Treffen zunächst hinausgezögert hatte, gab man uns nach einigen Tagen einen Termin. Wir warteten vor der Zentrale, als eine Kolonne schwarzer Limousinen und SUVs mit verdunkelten Scheiben vorfuhr. Männer in schwarzen Anzügen stiegen aus und gingen ins Gebäude. Wir wurden hinter ihnen in einen Raum mit einem langen ovalen Holztisch und Ledersesseln geführt, an dem der Tross platzgenommen hatte. Am Kopfende des Tisches nahm der Verbandspräsident Kiplagat platz. An der Wand über ihm hing ein großes Foto seiner selbst.

Warum trifft sich der Präsident mit einem Filmstudenten?

In einem nicht enden wollenden Monolog, der keine Rechtfertigung meinerseits zuließ, wiederholte er die Anschuldigung: Wir würden einen Film über Doping kenianischer Athleten produzieren und hätten ohne ihre Drehgenehmigung verbotene Aufnahmen gemacht. Seiner Meinung nach seien wir schon so sehr im Unrecht gewesen, dass man während der Dreharbeiten auf uns hätte schießen dürfen. Eine Leinwand fuhr von der Decke. Wir sollten Einblick in das gedrehte Videomaterial geben. Einer der Männer am Tisch scrollte wild durchs Material. Alles wurde genau kontrolliert. Dann fasste der Präsident Kiplagat seine Entscheidung zusammen: „Ihr dürft den Film auf keinen Fall drehen.“.

Dann durfte ich das Wort ergreifen. Ich sprach von den fünftausend Kilometern, die ich gereist war, nur um dieses Gespräch zu führen. Ich erzählte von meinem Lebensweg und dass ich schon als Kind Regisseur werden wollte, was ohne einen Diplomfilm schwierig werden würde. Ich appellierte an ihr Gewissen und erinnerte sie an einen ihrer Söhne oder Enkel der vielleicht in meinem Alter ist und der vielleicht einen Studienabschluss gemacht hat oder bald einen machen möchte. Ich endete mein Plädoyer mit der Bitte, diesen Film machen zu dürfen und versicherte ein letztes Mal, dass es nicht in meiner Absicht lag, Dopingfälle aufzudecken.

Einige Augenblicke blieb es Still im Raum. Niemand sprach. Spannung lag in der Luft. Ich hielt den Atem an.

Dann sprach Isaiah Kiplagat, der Präsident des Laufverbandes. Wir dürften den Film drehen. Meine Worte hatten gewirkt, er hatte sich umentschieden und willigte wortkarg ein. Die Drehgenehmigung würde jedoch Geld kosten, sagte er. 2000 Dollar musste unsere kenianischen Producerin in einem Umschlag an ihn übergeben. Sie erhielt eine Quittung auf der „filming permission“ steht. Die genauen Gründe für diese Genehmigung sind uns bis heute schleierhaft. Es war ein Deal, über den anschließend nie wieder gesprochen wurde. Mein Protagonist erhielt seine Lizenz zurück und wir konnten mit den Dreharbeiten beginnen. Es gab keine weiteren Vorfälle.

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Bis heute bleibt die Frage, warum Athletics Kenya so eine Angst vor einem Diplomfilm über Doping hatte, wenn offiziell immer wieder beteuert wird, dass kenianische Sportler trotz ihrer großen Erfolge sauber sind. Warum trifft sich der Präsident des Leichtathletikverbandes persönlich mit einem Filmstudenten aus Deutschland? Es mehren sich Indizien, die auf Doping in Kenia hinweisen. Der große Skandal ist bislang ausgeblieben, noch fehlt es an stichhaltigen Beweisen.