Arbeiten im Startup: Vergiss Berlin, zieh lieber nach Aachen!

Wenn ihr in einem jungen Unternehmen arbeiten oder selbst eins gründen wollt, müsst ihr nicht zwangsläufig nach Berlin pilgern. Andere Regionen könnten der Hauptstadt in der Zukunft den Rang als Startup-Metropole Nummer eins ablaufen.

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Die Aachener Altstadt. © dpa/picture alliance

Als menschlicheres Silicon Valley wird Berlin oft bezeichnet – als ein Ort, an dem der Gründer*innen- und Erfinder*innen-Geist die Stadt prägt und an dem man es sich trotzdem noch leisten kann, zu leben. Zeitweise hat es Berlin sogar geschafft, Europas Startup-Metropole Nummer eins zu sein, bekommt dann aber doch immer wieder den Rang vom noch etwas hipperen London abgelaufen.

Immerhin mehr als 620 Startups gab es 2015 in Berlin, mit insgesamt über 13.000 Beschäftigten. Das macht allerdings laut Deutschem Startup Monitor nur rund 17 Prozent aller Startups in Deutschland aus. Im Jahr zuvor waren es noch über 30 Prozent. Was sind das für Regionen, die Berlin allmählich den Rang ablaufen? Und was ist das Besondere an ihnen? Wir stellen euch die anderen Startup-Hochburgen des Landes vor, in denen ihr auch in hippen Unternehmen arbeiten oder selbst gut welche gründen könnt.

Nordrhein-Westfalen und Metropolregion Rhein-Ruhr

Als hippe Startup-Zentren waren Städte wie Düsseldorf und Aachen bisher nicht bekannt. Mit 14,8 Prozent der Gründungen ist die Region der Hauptstadt nun aber dicht auf den Fersen. Was sind ihre wichtigen Standorteigenschaften?

In der Region Rhein-Ruhr sind zahlreiche etablierte Unternehmen präsent, die bereit sind, für neue Technologien von kreativen Köpfen viel Geld auszugeben. Für die klugen Tüftler*innen sorgen die Hochschulen – das Ruhrgebiet bildet eine der dichtesten Hochschullandschaften Europas.

International bekannt als Talentschmiede ist die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen (RWTH). In Zusammenarbeit mit über 200 Unternehmen und Forschungsinstituten unterstützt sie neue Geschäftsideen mit Stipendien, Veranstaltungen und Coachings – vor allem in den Bereichen High-Tech und Hardware.

„Aachen ist stark bei der Entwicklung neuer Hardware. In Zukunft können wir dafür auch das Startup-Zentrum Deutschlands sein.“ – Dr. Claus Peter Groos, RWTH Aachen

Jetzt wird Aachen als europäisches Stanford gehandelt – wegen eines neuen Projekts der RWTH. Der Forschungscampus soll künftig Wissenschaftler mit der Industrie zusammenbringen, auf diese Weise mehr private Investoren ins Forschungsboot holen. „Als Stadt am Rande Deutschlands müssen wir etwas Besonderes bieten, um ein attraktiver Standort zu sein“, weiß Dr. Claus Peter Groos, Geschäftsführer der RWTH Aachen Campus GmbH. Er arbeitet daran, viele Wissenschaftscluster auf dem 2,6 Quadratkilometer großen Campus entstehen zu lassen.

Aktuell gibt es zehn Forschungszentren, in zehn Jahren sollen es 50 sein. Dr. Groos blickt optimistisch in die Zukunft: „Aachen ist stark bei der Entwicklung neuer Hardware. In Zukunft können wir dafür auch das Startup-Zentrum Deutschlands sein.“

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Auch leben lässt es sich in der Region allemal. Zwar zählen Düsseldorf und Köln zu den teuersten Städten Deutschlands, doch in die vielen günstigeren Nachbarstädte ist es mit PKW und Bahn nicht weit. Ein erschwingliches, nettes Fleckchen sollte dort also jeder finden.

Ein klarer Vorteil der Städtedichte ist auch das kulturelle Angebot. Bonn, Düsseldorf und Köln gehören zu den Top Ten des Kultur-Städterankings des Hamburgischen WeltWirtschaftsinstituts (HWWI). Die Region beheimatet einige der am besten besuchten Kulturveranstaltungen Deutschlands, zum Beispiel das Festival „Bochum Total“ und das Düsseldorfer Schützenfest.

Stuttgart/Karlsruhe

Aus der Region Stuttgart/Karlsruhe kommen 8,9 Prozent der deutschen Startups. Für den Erfolg als Startup-Hochburg sind auch dort klar die Hochschulen verantwortlich. Viele der besten Entwickler*innen und Coder*innen kommen aus Karlsruhe, das spiegelt sich in der Vielzahl an dort ansässigen IT-Unternehmen wider.

Die Hochschulen bieten außerdem Entrepreneurship-Studiengänge und Workshops an, es gibt zahlreiche Vernetzungstreffen und Förderprogramme für Gründer*innen. „Es ist die Vielfalt, die Baden-Württemberg ausmacht“, erklärt Heiner Scholz, „wir haben viele Tüftler und Erfinder.“ Der Stuttgarter will deshalb mehr Austausch schaffen – zwischen Kreativen, Erfindern, Startups und Konzernen. Er plant den großen Co-Working Space „Live@Stuttgart“, der als Plattform für die Zusammenarbeit verschiedener Akteur*innen dienen soll. „Aktuell fehlt Stuttgart so ein Ort. Die Region ist wirtschaftsstark, aber damit die Kreativen und Entrepreneure hier bleiben, müssen wir eine modernere Form von Arbeitsplatz bieten. Dann können wir mit Berlin auf jeden Fall mithalten.“

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An Coolness fehlt es also noch, doch was das Kulturprogramm angeht, hat Stuttgart der Hauptstadt offiziell schon den Rang abgelaufen. So viele Opern- und Theaterplätze pro Einwohner wie in der schwäbischen Stadt gibt es im restlichen Teil des Landes nicht. Und Karlsruhe glänzt mit den meisten Ausstellungen pro Einwohner.

Entsprechend unattraktiv wirkt die Region dafür, wenn man die Lebenshaltungskosten betrachtet. Da belegt Stuttgart deutschlandweit Platz zwei der teuersten Städte. Von wegen sparsame Schwaben: Zwar sind die Löhne in Stuttgart hoch, doch rund 91 Prozent des Netto-Gehalts gehen für die Lebenshaltungskosten drauf – und das liegt nur bedingt am exklusiven Automobilgeschmack der Süddeutschen.

München

Sieben Prozent der deutschen Startups haben ihren Unternehmenssitz in München. Zu verdanken ist das vor allem den vier Hochschulen in der bayerischen Hauptstadt, die zahlreiche Entrepreneurship-Studiengänge anbieten und ihre Studenten in Workshops und Coachings ans Gründen heranführen.

Das Zentrum für Innovation und Gründung der TU München, „UnternehmerTUM“ gilt als eines der ältesten Gründungszentren Deutschlands. Unterstützt wird es von Unternehmen wie MAN, Bosch und der BMW Group. Die hohe Dichte an großen Konzernen in München gehört also klar zu den Erfolgsfaktoren.

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„Sie beteiligen sich an den Gründungszentren, weil sie möglichst nah an den innovativen Startups dran sein wollen“, erklärt Thomas Kirchner. Er ist Alumni der TU München und Mitgründer des Startups ProGlove, das einen intelligenten Arbeitshandschuh entwickelt hat. Kapital bekommt das junge Unternehmen unter anderem von Großkonzernen wie Intel. Diese Art der Kooperation ist typisch für München, wo vor allem Startups aus den Bereichen Hardware und Hochtechnologie herkommen.

Für das Privileg, einige der renommiertesten Arbeitgeber Deutschlands vor der Haustüre zu haben, müssen die Münchner teuer bezahlen. Der Mietspiegel in der bayerischen Hauptstadt ist deutschlandweit mit Abstand am höchsten. WG-Zimmer für 700 Euro im Monat sind inzwischen Normalität. Bei den Städten mit den höchsten Lebenshaltungskosten belegt München Rang drei. Und dann wären da noch die sich hartnäckig haltenden Gerüchte von der selbstverliebten, langweiligen Schickeria …

Hannover/Oldenburg

Fast mit München mithalten können diese beiden Städte in Niedersachsen. Mit 6,9 Prozent der Gründungen steht die Region sogar noch besser da als Hamburg. Eines der bekanntesten Startups aus Oldenburg ist der Onlineshop Brille24. Der Standort des Unternehmens wurde von seinem Gründer gewählt, weil der in Oldenburg studierte.

Ein für die Region typischer Verlauf: Auch in Niedersachsen sind die Hochschulen aktiv bei der Förderung von Entrepreneurship. Beratungen und Innovation-Center an der Hochschule Hannover, der Leibniz Universität Hannover und der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg prägen die Startup-Landschaft. Mittlerweile unterstützen aber auch die Städte selbst mit Coworking-Spaces und Veranstaltungen.

Diese Gründer*innen- und Studierendenszene wird wohl nach und nach auch die Lebensqualität in der Region verändern. Bisher ist Oldenburg aber eher für seine besondere Wirtschaftsfreundlichkeit als für wilde Startup-Partys und kulturelle Highlights bekannt. Günstig leben kann man dort aber – für rund 8,21 Euro Miete pro Quadratmeter. Geld für öffentliche Verkehrsmittel spart man sich auch: Das Städtchen gilt nämlich als Hochburg für Fahrradfahrer. Passend zum Nachbarn im Südosten: Hannover zählt zu den grünsten Städten Deutschlands. Auch hier sind die Mieten moderat: rund 8,71 Euro pro Quadratmeter. Im kulturellen Bereich hat Hannover aber noch Aufholbedarf. Im Städte-Ranking schafft es die Landeshauptstadt nur auf Platz 14.