Warum Arbeit keinen Spaß machen muss

Fürs Reisen, Fußballspielen oder Singen bezahlt werden: Es gibt immer mehr Jobs, die Spaß und Lust aufs Leben machen. Für viele sieht die Realität aber anders aus. Kein Problem, meint Buchautor Volker Kitz.

Auf der Arbeit. Foto: StartUpStockPhotos/ pixabay.com

Volker Kitz kritisiert, dass wir eingeredet bekommen, dass Arbeit unbedingt Spaß machen muss. Wer kennt nicht die Tage, an denen wir am liebsten zu Hause bleiben wollen und absolut keine Lust auf nervige Arbeit haben? In seinem Buch Feierabend! Warum man für seinen Job nicht brennen muss plädiert Kitz für mehr Gelassenheit und Ehrlichkeit im Arbeitsleben und erklärt, warum Leidenschaft und gute Arbeit nicht unbedingt zusammengehören.

Foto: Andreas Labes

ze.tt: Warum erwarten gerade junge Menschen, dass Arbeit Spaß machen muss?

Volker Kitz: Weil sie es nicht anders kennen. Man liest und hört nur von guten Jobs. Uns wird ständig eingeredet, dass Arbeit Spaß machen muss – in Zeitschriften, Unternehmen und Stellenanzeigen. Niemand redet ehrlich darüber. „Bei uns arbeiten nur nette Teams, du hast einen großen Gestaltungsspielraum“ – so steht es in den meisten Stellenanzeigen. Doch die Realität sieht anders aus. Nicht jeder kann seine persönlichen Vorstellungen umsetzen. Unternehmen haben Ziele und die kann man nur erreichen, wenn man sich diesen Zielen unterordnet, wenn man auch mal eine Anweisung von oben akzeptiert. Das sagt niemand in der Stellenanzeige.

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Ist das der einzige Grund, warum wir häufig von unserer Arbeit enttäuscht sind?

Nein, viele junge Menschen kennen Routine nicht und in den Medien wird die Alltagsroutine auch nicht kommuniziert: Journalisten sind da immer dem großen Skandal auf der Spur, Lehrer lösen Familienprobleme ihrer Schüler und bei Ärzten geht es immer um Leben und Tod.  In Wahrheit besteht aber jede Tätigkeit aus Routine. Und das ist gut so: Wer möchte schon mit einem Piloten fliegen, der vor dem Start sagt, der Flug sei für ihn eine große Herausforderung? Doch junge Berufseinsteiger sind darauf nicht vorbereitet, fallen nach der ersten Routine in ein Loch und fragen sich, warum die Arbeit nicht so Spaß macht und herausfordernd ist wie erhofft.

Nur bei der Arbeit wird uns eingeredet, sie müsste der Lebensinhalt sein.“

Wir verbringen aber doch einen großen Teil unseres Lebens mit Arbeiten. Ist dann nicht klar, dass es unser Lebensmittelpunkt sein soll? 

Wenn man es ausrechnet, verbringen wir nur einen kleinen Teil unseres Lebens mit Arbeit. Bei einer 40-Stundenwoche, sechs Wochen Jahresurlaub und einer Lebensarbeitszeit von 40 Jahren verbringen wir insgesamt nur gut acht Jahre Lebenszeit mit der Arbeit. Bei einer Lebenserwartung von über 80 Jahren sind das nicht einmal zehn Prozent unserer Lebenszeit. Zwölf Jahre lang schauen wir Fernsehen, zwölf Jahre unterhalten wir uns mit anderen und mit Schlafen verbringen wir sogar 24 Jahre. Trotzdem kommt niemand darauf, Schlafen als Lebensinhalt zu sehen. Nur bei der Arbeit wird uns eingeredet, sie müsste der Lebensinhalt sein. Der Lebensinhalt der meisten Menschen ist hingegen ein Mosaik aus Arbeit, Freunden, Familie und Hobbys, sie haben gar keinen besonderen Schwerpunkt. Das ist eigentlich der Schlüssel zur Zufriedenheit, wenn wir uns nicht ständig erzählen ließen, etwas stimmte mit uns nicht.

Acht Jahre sind ja trotzdem nicht wenig. Was ist also, wenn die Arbeit so gar keinen Spaß macht? 

Wenn man wirklich unter der Arbeit leidet und gar nicht mehr hingehen will, sollte man den Job wechseln. Mein Buch ist kein Plädoyer dafür, möglichst unter seiner Arbeit zu leiden, im Gegenteil. Wir schauen aber meistens nur auf die Extreme: Leute, die ihren Job besonders toll finden und damit in der Öffentlichkeit stehen – Blogger, Designer, Sportler – oder aber auf diejenigen, die besonders darunter leiden. Keines von beidem ist repräsentativ. Die Masse der Menschen macht ihre Arbeit gut und ist damit ganz zufrieden. Sie leidet nur darunter, dass ihr ständig gesagt wird, ein normaler Job reiche nicht, sondern man müsse jeden Tag vor Begeisterung platzen.

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Neben dem Faktor Spaß ist für die Generation Y auch wichtig, dass sie einer sinnvollen Arbeit nachgehen. Was halten Sie von dieser Erwartung? 

Es ist wichtig, eine sinnvolle Arbeit zu machen. Allerdings haben wir die Sinnschraube überdreht. Viele halten nur noch solche Tätigkeiten für sinnvoll, die die Welt in großem Stil verändern, wenn es um Leben und Tod geht und das möglichst unkommerziell. Die Gesellschaft braucht nicht nur Juristen, die Kriegsverbrecher vor den Internationalen Strafgerichtshof stellen, sondern auch Staatsanwälte, die in Hannover für Gerechtigkeit sorgen. Mit einer Teilzeitstelle. Mir macht Sorge, dass wir wichtige Arbeit für die Gesellschaft entwerten. Viele Jobs erscheinen uns zu alltäglich, um sinnvoll zu sein. Aber ohne eine ganz normale Hausärztin kämen wir nicht weit in der Gesellschaft, ohne Lohnbuchhaltung bekämen wir kein Gehalt. Es sind diese Tätigkeiten, die unsere Gesellschaft am Laufen halten.

Wenn Arbeit ausschließlich Spaß machen würde, müssten wir ja nicht dafür bezahlt werden – sondern eher noch etwas draufzahlen.“

Trotzdem reden sich viele vor anderen ihren Job schön.

Ja, vor anderen und vor sich selbst. Aber wenn Arbeit ausschließlich Spaß machen würde, müssten wir ja nicht dafür bezahlt werden – sondern eher noch etwas draufzahlen. Ich habe den Eindruck, Unternehmen, die zu viel darüber reden, wie toll die Arbeit bei ihnen ist, wollen sich manchmal davor drücken, über eine angemessene Bezahlung zu sprechen.

Gerade Berufseinsteiger werden häufig unterbezahlt und haben Angst, etwas zu sagen – sie könnten ja ihren Job verlieren. Was können sie da tun?

Wer gute Arbeit macht, darf dafür auch selbstbewusst eine angemessene Bezahlung verlangen. Ich möchte mit meinem Buch den Blick wieder auf diejenigen lenken, die ihre Arbeit gut machen, statt sie nur gut zu finden. Das sind zwei unterschiedliche Dinge. Es ist ein grundsätzliches Missverständnis, dass man alles, was man leidenschaftlich macht, auch gut macht. Leidenschaft und Können haben nicht zwingend etwas miteinander zu tun. Ein Beispiel dafür sind Castingshows, in denen die Teilnehmer mit großer Leidenschaft sehr schlecht singen.

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Macht Ihnen Ihre Arbeit Spaß?

[Lachend] Ich mache meine Arbeit gerne, aber sie ist nur ein Teil meines Lebens. Und sie ist nicht so glamourös, wie viele sich das vorstellen. Als Buchautor verbringe ich meine Tage mit Schreiben. Auch das ist Routine. An meiner eigenen Arbeit merke ich, dass das Ergebnis mit etwas Distanz meist besser wird.