Arbeitsplatzphobie: Wenn der Job einen zum Zittern bringt

Allein der Gedanke an seinen Arbeitsplatz bereitete Burkhard Magenschmerzen. Die Diagnose: Arbeitsplatzphobie. Die Krankheit kann jede*n treffen – egal wie alt, egal wie sehr man seinen Job mag.

Jede*r hat mal eine schwere Phase bei der Arbeit. In manchen Fällen steckt dahinter eine Arbeitsplatzphobie. photocase.de / inkje

Burkhard Berger war leitender Angestellter bei einem Busunternehmen. Er hat sich hochgearbeitet, vom Mechaniker bis zum Betriebsleiter. Doch dann fing es an: Burkhard schnürt sich der Magen zu, wenn er nur an seine Arbeit denkt. Er sitzt morgens am Frühstückstisch und hört den Bus, der vorm Haus vorbeifährt. Plötzlich kriegt er keinen Bissen mehr herunter. Burkhard nimmt 15 Kilo ab. Und er nimmt riesige Umwege in Kauf – nur, um nicht an seiner Arbeitsstätte vorbeifahren zu müssen.

So ein Vermeidungsverhalten sei ein Anzeichen für Arbeitsplatzphobie, erklärt Dr. Beate Muschalla. Sie forscht seit mehr als zehn Jahren an dem Thema, unter anderem an der Charité in Berlin. „Die Arbeitsplatzphobie ist ein Sonderfall der Arbeitsangst. Die Phobie liegt vor, wenn schon allein der Gedanke an den Arbeitsplatz zu einer Angstreaktion führt: Die Leute bekommen zittrige Knie, schwitzen, der Herzschlag beschleunigt sich oder sie werden fahrig und aufgeregt.“ Wenn man einfach keine Lust mehr auf seinen Job hat, ist das also noch lange keine Arbeitsplatzphobie.

Ausgebrannt

Auslöser für die Phobie können zum Beispiel Unfälle am Arbeitsplatz sein, Umbrüche in der Branche oder Konflikte mit den Kolleg*innen. Die Arbeitsplatzphobie kann als eigenständige Krankheit auftreten oder als Begleiterscheinung einer Depression. Und: Sie kann jede*n treffen. „Arbeitsängste können in allen Berufsgruppen vorkommen“, meint Dr. Muschalla.

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„Krankhafte Ängste sind aber die Ausnahme, meistens handelt es sich um vorübergehende Ängste.“ Das sei dann auch normal. Etwa fünf Prozent der Berufstätigen erwischt jedoch eine ausgeprägte Arbeitsangst. „Mitarbeiter mit Arbeitsängsten kann man daran erkennen, dass sie bestimmte Situationen oder Personen am Arbeitsplatz vermeiden. Oder aber zu viel arbeiten und deswegen dauerhaft ausgebrannt und angespannt wirken.“

Krank sein? Das darf es nicht geben

Es war nicht so, dass Burkhard seinen Job grundsätzlich nicht gemocht hätte. „Aber in den letzten Jahren hat sich die Busbranche sehr verändert. Es gibt einfach zu wenig Fahrer.“ Weil ihm das Personal fehlt, muss Burkhard selbst als Fahrer einspringen – und das ständig. Doch eigentlich gehört das gar nicht zu seinen Aufgaben. Seine eigentliche Arbeit bleibt also liegen, türmt sich vor Burkhard auf. Sein Chef ist ebenfalls nicht gerade ein umgänglicher Zeitgenosse.

Krank sein? Gibt es für Burkhard nicht. Sonst würden Buslinien ausfallen, die Leute kämen nicht von zu Hause weg. Ganz zu schweigen von dem Berg an Aufgaben, die an seinem Schreibtisch auf Burkhard warten. „Ich bin sogar mit Lungenentzündung zur Arbeit gegangen“, erzählt er. Das geht lange gut. Doch wegen einer verschleppten Erkältung muss Burkhard irgendwann doch eine Auszeit nehmen. „Als ich nach der Krankheit den Betriebshof betreten habe, hab ich mir nur gesagt: nee!“

Ich bin sogar mit Lungenentzündung zur Arbeit gegangen.“

Er macht kehrt, fährt zum Arzt, sagt dem: „Ich kann nicht mehr!“ Er sei anscheinend überzeugend gewesen, meint Burkhard. „Der Arzt schrieb mich direkt krank. Ich sollte zu einem Psychiater.“ Der Angestellte hat Glück, dass er schon nach sechs Wochen einen Termin bekommt – denn die Wartezeiten sind normalerweise lang. „Bis dahin hat mich der Arzt mit Medikamenten zugepflastert.“ Doch die Tabletten helfen. Burkhard bleibt zu Hause, bis zu dem Termin beim Psychiater.

Angst vor Zugluft

Die Nachbar*innen in Burkhards Dorf werden aufmerksam, als er nach zwei, drei Wochen Krankheit nicht wieder in seinen Beruf zurückkehrt. „Da kamen dann schon Fragen auf: Wie es mir geht, was ich habe. Man wird dann schon beobachtet“, erzählt der 62-Jährige. Er habe aber lieber darauf verzichtet, mit seinen Nachbar*innen über seine Krankheit zu reden. „Da herrscht noch die Meinung: Wer nicht arbeitet, der ist faul. Und wer zum Psychiater muss, gehört eigentlich in die Klapse.“

Die Angst vor dem Arbeitsplatz kann sich auf ganz verschiedene Aspekte beziehen, meint Beate Muschalla: Man könne Angst vor seinem*r Chef*in oder bestimmten Kund*innen haben. Oder davor, dass der Drucker auf der Arbeit einen sterbenskrank machen könnte. Die Gedanken beeinflussen das soziale Klima am Arbeitsplatz und halten die Betroffenen von ihrer Arbeit ab.

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„Wir hatten mal einen Fall, da hat jemand Angst vor der Zugluft im Großraumbüro gehabt. Er würde dort nicht mehr hin wollen, weil ihm das seine Gesundheit ruiniert.“ An seinem Schreibtisch streifte dem Angestellten ein beständiger Windzug über den Nacken. „Das war für ihn nicht mehr auszuhalten.“ Der Arbeitgeber löste das Problem – zumindest in erster Instanz – geschickt: Er setzte den Angestellten in eine andere Ecke des Raums und baute einen Windschutz um dessen Schreibtisch.

Damit war die Krankheit natürlich nicht kuriert, die Angst muss psychotherapeutisch behandelt werden. Es muss geprüft werden, was genau jetzt eigentlich hinter der Angst steckt, ob es ungelöste Konflikte gibt. Die Maßnahmen seines Arbeitgebers seien aber wichtig für den Angestellten gewesen, weil sie zeigten, dass er Unterstützung bekommt. Der Trick war für ihn wie eine Krücke „Der Mann war so weit, dass er gesagt hat. Okay, ich versuche es wieder mit der Arbeit, ich gehe wieder hin,“ meint Muschalla „In allen Fällen ist es wichtig, die Betroffenen zeitnah wieder in die Jobsituation zurück zu bekommen.“

Die Beziehung auf der Kippe

Bei Burkhards Gespräch mit dem Psychiater kommt heraus: „Im Grunde genommen hatte ich schon vor zwei Jahren innerlich gekündigt. Ohne dass ich das wirklich gemerkt hab.“ Der Arzt schlägt Burkhard eine Reha in einer speziellen Klinik vor. Der Angestellte nimmt den Rat an.

Dr. Muschalla hat 2013 mit einem Kollegen eine Studie durchgeführt und festgestellt: Etwa 17 Prozent der Patient*innen, die eine Therapie in einer psychosomatischen Reha machen, leiden unter der Arbeitsplatzphobie. Insgesamt 60 Prozent von Reha-Patient*innen haben Ängste, die sich auf ihren Arbeitsplatz beziehen.

Ich war so verschlossen, wollte niemand anderen belasten.“

Burkhard ist seit knapp drei Wochen in der Reha-Therapie, zwei Wochen hat er noch vor sich. Er macht Sport, ist kreativ, wird von dem Therapieprogramm abgelenkt. Er fühlt sich ernst genommen und hat das Gefühl, dass ihn die drei Wochen schon viel, viel weitergebracht haben.

Seine Familie, seine Mutter und Brüder unterstützen ihn ebenfalls. Und auch seine Lebensgefährtin – obwohl es dazu fast nicht mehr gekommen wäre. „Ich war so verschlossen, wollte niemand anderen belasten. Die Probleme wollte ich mit mir allein lösen.“ Am Sonntag, wenn Burkhard frei hat, sitzt er meistens auf seinem Balkon. Und schweigt. Seine Partnerin weiß nicht, wie schlecht es ihm mit seiner Arbeit geht. Sie denkt, sie sei schuld daran, dass Burkhard dort sitzt und vor sich hin grübelt. Die Beziehung belastet das, sie geht fast kaputt. „Das konnte ich gerade noch abwenden,“ erzählt Burkhard. „Zum Glück kam die Diagnose zum richtigen Zeitpunkt.“

Gefahr: Arbeitsunfähigkeit

In vielen Fällen werden die Patient*innen bei einer Arbeitsplatzphobie schrittweise wieder in die Jobsituation eingegliedert. Sie können wieder arbeiten. Burkhard wird allerdings nicht mehr in seinen Beruf zurückkehren.

Nach der Reha wird er als nicht mehr arbeitsfähig entlassen werden. So lange es geht, wird er krankgeschrieben. Danach muss er sich arbeitslos melden, bevor der heute 62-Jährige mit Abschlägen in Rente gehen kann. Für ihn ist das schon schwierig. Er hat sein Leben lang geschuftet. „Es stört mich, dass ich jetzt das soziale Sicherheitsnetz ausnutzen muss. Das macht mir ein schlechtes Gewissen“, erklärt er. Aber es sei für Burkhard besser, als in den Job zurück zu kehren und vor die Hunde zu gehen.

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Das sei die große Gefahr bei der Phobie, meint Dr. Beate Muschalla: die Arbeitsunfähigkeit. Dass man gelegentlich Ängste in seinem Job erlebt oder nicht die volle Leistung bringen kann, sei dagegen ganz normal. „Gelegentliche Angst und Unbehagen kann jeder gesunde Mensch tolerieren“, erklärt die Expertin.

In seltenen Fällen kommt es stattdessen zur Arbeitsplatzphobie. Dann, wenn die Panik bei der Arbeit zu stark wird, an jedem Arbeitstag vorhanden ist und einen dementsprechend behindert. In diesen Fällen sollte man offen mit einem Arzt reden. Und nicht nur sagen, dass man körperliche Probleme hat – zum Beispiel mit dem Magen, wie Burkhard. Sondern erklären, dass einen jeden Tag bei der Arbeit die Angst begleitet.