Asiatinnen gelten als sexy, Asiaten als unmännlich. Oder?

Wer in Deutschland an Asiat*innen denkt, denkt vielleicht an unmännliche Streberjungs, an die asiatische Inhaberin eines Blumenladens, einen Asia-Nudel-Verkäufer oder hat eine Sex-Fantasie mit „Asian Chicks“. Ein Essay über die Entstehung von Vorurteilen.

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Ein chinesisches Paar feiert Neujahr. © WANG ZHAO/AFP/Getty Images

„Du bist bestimmt richtig eng!“ Das ist einer der drei beschissensten Sprüche, die sich meine Freundin Mai anhören muss. Sie gilt hier als Asiatin, obwohl sie in Deutschland geboren ist. Ihr Vater ist Vietnamese. Daher ihr „asiatisches“ Äußeres.

Die zwei anderen Sprüche auf der Beschissenheits-Top 3 lauten: „Wieso guckst du denn so? Ich dachte, Asiatinnen sind immer freundlich“ und „als Asiatin machst du doch sicher alles“.

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Asiatinnen wie Mai werden als gehorsame Frauen, immer willig und bereit für Sex wahrgenommen. Diese Festschreibung ist ziemlich alt, die erste dieser Art kam von Pìerre Loti, einem Franzosen. Er schrieb den Roman „Madame Chrysantheme“ im Jahr 1887.

Im Buch geht es um einen Marine-Offizier, der während seiner Zeit in Nagasaki mit einer Geisha verheiratet war. Seine Ehefrau wünschte er sich mit „crème-farbener Haut, schwarzen Haaren und Katzenaugen“. Außerdem sollte sie „hübsch und nicht viel größer als eine Puppe sein“. In einer Szene des Buches katzbuckeln gleich drei japanische Frauen zu seinen Füßen und bedienen ihn. Unterwürfig, klein und hübsch.

Das Buch wurde in den ersten fünf Jahren nach Erscheinung 20 Mal neu aufgelegt. Es wurde in fast alle Sprachen Europas übersetzt und war die Grundlage der Oper „Madame Butterfly„, ein Kassenschlager bis heute. So sah bald der gesamte Westen japanische – also asiatische – Frauen, wie im Buch beschrieben.

Ein Buch ist also schuld daran, dass meine Freundin Mai dummen Kommentaren ausgesetzt ist. Aber nicht ausschließlich. Auf welche Art lernten zahlreiche, männliche US-Amerikaner Asiatinnen in der Realität kennen? Als devote, gehorsame Sexsklavinnen. Im Vietnamkrieg mussten eine halbe Million vietnamesische Prostituierte den amerikanischen Soldaten diesen Traum erfüllen.

Dieses Klischee wird bis heute nicht nur in Pornos, sondern auch in Hollywood reproduziert – und so nach Deutschland transportiert. In Stanley Kubricks „Full Metal Jacket„, einem Film über den Vietnam-Krieg, sind zwei der drei mitwirkenden Asiatinnen Prostituierte. Wenige asiatische Frauen dürfen bis heute überhaupt Hauptrollen spielen. Wo es eine asiatische Hauptrolle mit Eigenschaften außerhalb des Klischees gibt, wird auch schonmal statt einer asiatischen Schauspielerin eine weiße Frau besetzt.

Asiatinnen bleiben die sexy Nebenrolle – selbst Lucie Liu als eine der drei Engel in „3 Engel für Charlie“. Ein Beispiel für eine Hauptrolle, die auch von einer asiatischen Schauspielerin gespielt wird, ist Suzie in „Die Welt der Suzie Wong“. Sie spielt eine Prostituierte.

Mai kann für all diese Dinge: nichts. Dennoch muss sie mit ihnen Leben.

„Asiaten sind doch alle Streber“

Ich habe noch einen asiatisch aussehenden Kumpel, nennen wir ihn Christian. Auch er hat mir eine Top 3 der beschissenen Sprüche zusammengestellt. „Asiate? Dann kannst du sicher super Mathe“ ist einer davon. „Asiaten, die haben doch alle kleine Pimmel“ ein anderer. Christian, der ebenfalls in Deutschland geboren ist, wird als Streber abgestempelt, als extrem fleißig und irgendwie unmännlich.

Christians Vater kam als Vertragsarbeiter aus Vietnam in die DDR. In den 1970er Jahren wurde dort dringend Arbeitskraft benötigt. Vietnames*innen sollten die Lösung sein – als billige und fleißige Arbeitskräfte sollten sie die Planwirtschaft ankurbeln.

Allerdings: Kontakt mit den DDR-Bürgern war nicht gestattet. Es entstand eine richtige Parallelgesellschaft. Vietnames*innen waren also immer die Sonderlinge in der sowieso schon reizarmen DDR. Natürlich entstanden trotzdem einige wenige Beziehungen. Schwangere Frauen wurden in der Regel aber abgeschoben, ebenso Väter.

Der Ausschluss der vietnamesischen Gastarbeiter*innen aus dem deutschen Alltag trug zur Entsexualisierung des vietnamesischen Mannes bei, während die vietnamesische Frau weiter exotisiert wurde. Das sagt auch Kien Nghi Ha, Berliner Kulturwissenschaftler, Politologe und Herausgeber des Buches „Asiatische Deutsche„. Im Interview mit ze.tt sagt er, dass deutsche Männer ihre Phantasien über asiatische Frauen nur selten mit der Realität abgleichen konnten. Dadurch konnte die asiatische Frau ein regelrechtes Sehnsuchtsobjekt werden.

Nach dem Fall der Mauer verschlechterte sich die Lage der vietnamesischen Gastarbeiter*innen: Die meisten von ihnen wurden abgeschoben. Einige wenige blieben illegal und arbeiteten hart, um sich eine Existenz aufzubauen. Beispielsweise, indem sie sich mit einem Imbiss oder einem Blumenladen selbstständig machten. Sie sind nie wirklich angekommen, wie Rostock Lichtenhagen beweist. Auch in die BRD kamen viele Vietnames*innen, als sogenannte „boat people“. Als Geflüchtete des Vietnamkriegs. Die Medien zelebrierten ihre Opferrolle.

Im heutigen Deutschland dominiert das Bild des „vietnamesischen Bildungswunders„. Das meint Kinder aus vietnamesischen Migrantenfamilien, die durch exzellente Schulleistungen auffallen. Gesellschaftlicher Aufstieg funktioniert nur durch Bildung – so der Gedanke dahinter.

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„Du bist ja so dünn. Asiaten nehmen eh nie zu.“ Der dritte und letzte Spruch in Christians Top 3. Er verweist auf die angebliche körperliche Schwäche von Asiaten, spricht asiatischen Männern dadurch auch ihre Sexyness ab.

Hieran hat Hollywood ebenfalls seinen Anteil: Asiatische Männer bekommen selten Hauptrollen. Tom Cruise spielte tatsächlich den „Last Samurai“. Wenn Asiaten außerhalb des Martial-Art Genres überhaupt in Filmen mitspielen dürfen, sind sie niemals Helden. Die einzige asiatische Figur im Film „Hangover“ ist ein unattraktiver Möchtegern-Gangster, und an Witzen über kleine Pimmel wird auch nicht gespart. Asiatische Männer dürfen zudem keine weißen Frauen küssen, sie erscheinen äußerst selten als sexuell attraktiv.

In den USA hat das für asiatisch aussehende Männer und Frauen spürbare Konsequenzen: Die US-amerikanische Dating-Plattform OKCupid hat herausgefunden, dass Hautfarbe und ethnisches Aussehen das Schreibverhalten ihrer Nutzer beeinflussen. Asiatische Frauen bekommen demnach die meisten Nachrichten, asiatische Männer quasi keine. Zahlen für Deutschland existieren nicht.

Ein kleiner Lichtblick für die Zukunft

Meine Freunde Mai und Christian sind clever genug, auf idiotische Sprüche nicht allzu viel zu geben. Asiatische Männer können sexy sein und asiatische Frauen mehr als nur sexy. Nicht das Bild des Menschen, der*die vor einem steht, zählt, sondern die persönliche Begegnung und der individuelle Austausch.

Auch in Hollywood scheint es langsam ein Umdenken zu geben. In der Netflix-Serie „Unbreakable Kimmy Schmidt“ gibt es einen liebenswerten, asiatischen Charakter – Dong. Er ist ein vietnamesischer Asylbewerber, und die Hauptfigur Kimmy verliebt sich in ihn. Sie dürfen sich sogar küssen.

Disclaimer: Natürlich ist es bereits homogenisierend, wie das Wort „asiatisch“ in diesem Artikel verwendet wurde. Asien besteht aus weit mehr als Vietnam, China und Korea. Es geht in diesem Text um Klischees – und deswegen wird asiatisch hier auch gleichmacherisch verwendet.

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