Atlas der Angst: Wovor wir uns fürchten

Du hast krasse Angst vor Spinnen? Gäähn. Sei froh, dass du keine Angst vor Händen hast, der Zahl 8 oder der Farbe Gelb. Und ja, das gibt es.

© Picture Alliance/Cultura RF

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Auch wenn wir es meist nicht wahrnehmen, begleiten uns Angstgefühle durch den Alltag. Wir schnallen uns im Auto an, wir schließen die Haustüre ab, wir lassen uns Muttermale wegmachen, wir gucken beim Überqueren von Straßen nach link und rechts. Diese gesunde Vorsicht, eine unterbewusste Angst vor potenziellen Gefahren, lässt uns jeden Tag unversehrt überstehen.

Manche Menschen empfinden diese Furcht in überhöhtem, und andere in exzessivem Ausmaß – sie leiden an einer Angsterkrankung, einer Phobie. Damit verbunden sind häufig Herzklopfen und Schwächegefühle, sowie das Auftreten von sekundären Ängsten vor dem Sterben, Kontrollverlust oder dem Gefühl wahnsinnig zu werden.

Normale Angst oder Ängstlichkeit ist demnach noch keine Phobie. Ist sie adäquat und angemessen, ist alles im grünen Bereich. Wird sie von dem Betroffenen übertrieben empfunden und beeinträchtigt den Alltag, wird Angst zur phobischen Störung. Laut internationaler statistischer Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD), einem amtlichen, weltweit anerkannten Diagnose-Klassifikationssystem, das von der Weltgesundheitsorganisation herausgegeben wird, ist eine phobische Störung folgendermaßen definiert:

„Eine Gruppe von Störungen, bei der Angst ausschließlich oder überwiegend durch eindeutig definierte, eigentlich ungefährliche Situationen hervorgerufen wird. In der Folge werden diese Situationen typischerweise vermieden oder mit Furcht ertragen.“

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Bleibt eine Phobie unbehandelt, kann sie sich unter Umständen verselbstständigen. Es kommt zur sogenannten Erwartungsangst, der Angst vor der Angst. Grundsätzlich werden phobische Störungen in Agoraphobie, soziale Phobien und spezifische (isolierte) Phobien unterteilt.

Nach Daten der Modulstudie zur psychischen Gesundheit des Robert Koch-Institutes leiden 15,3 Prozent der Deutschen unter einer Angststörung. Davon sind ungefähr die Hälfte spezifische Phobien wie Tierphobien, Höhenangst, Flugangst oder Spritzenphobien – das sind  ungefähr 6,6 Millionen Betroffene.

Alles kann Gegenstand der Angst sein

© picture alliance / blickwinkel
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Gegenstand der Phobie kann im Grunde so ziemlich alles sein. Andreas Ströhle, Angstexperte und Universitätsprofessor an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité in Berlin, bestätigt das: „Man kann aus allem eine Phobie machen, klinisch relevant sind jedoch die im ICD-10 unter Punkt F40.2 genannten.“

Da steht: „Spezifische (isolierte) Phobien: Phobien, die auf eng umschriebene Situation wie Nähe von bestimmten Tieren, Höhen, Donner, Dunkelheit, Fliegen, geschlossene Räume, Urinieren, oder Defäkieren auf öffentlichen Toiletten, Genuss bestimmter Speisen, Zahnarztbesuch oder auf den Anblick von Blut oder Verletzungen beschränkt sind.“

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Klinisch relevant ist Angst, sobald sie den Betroffenen im Alltag beeinträchtigt. Behandlungsversuche werden mittels kognitiver Verhaltenstherapie mit Exposition unternommen. Dabei wird der Patient mit dem angstauslösenden Objekt oder der angstauslösenden Situation konfrontiert. Das Problem bei der Behandlung: Sie kann sowohl zur schnellen Besserung oder gar Beseitigung als auch zu einer Verfestigung und Erweiterung der Angstsymptome führen.

Dass tatsächlich und ernsthaft A-L-L-E-S Gegenstand einer Phobie werden kann, zeigen diverse Auflistungen im Netz. So witzig einzelne Phobien auch klingen, es gibt sie. Hier eine kleine Auswahl:

  • Ambulophobie – Angst, zu stehen und zu laufen
  • Anatidaephobie – Angst, von Enten beobachtet zu werden
  • Anthrophobie/Anthophobie – Angst vor Blumen
  • Arachibutyrophobie – Angst, dass Erdnussbutter am Gaumen klebenbleibt
  • Chirophobia – Angst vor Händen
  • Deipnophobie – Angst, vor einer Mahlzeit, bzw. einer Unterhaltung während einer Mahlzeit
  • Dextrophobie – Angst vor Dingen, die sich an der rechten Körperhälfte befinden
  • Germanophobie/Teutophobie – Angst vor Deutschland, seiner Kultur etc.
  • Hippopotomonstrosesquippedaliophobie – Angst vor langen Wörtern
  • Kyphophobie – Angst sich zu bücken
  • Melophobie – Angst vor oder Hass auf Musik
  • Octophobie – Angst vor der Zahl 8
  • Optophobie – Angst, die Augen zu öffnen
  • Panophobie/Pantophobie – Angst vor Allem
  • Phronemophobie – Angst vor Gedanken
  • Xanthophobie – Angst vor der Farbe Gelb

„Diese Phobien haben zwar einen gewissen Unterhaltungswert, sind aber dennoch ernstzunehmen. Sie sind sehr rar, aber durchaus real“, sagt Dr. Ströhle. „Eine Hippopotomonstrosesquippedaliophobie, also die Angst vor langen Wörtern ist mir offen gestanden in den mehr als 20 Jahren Angstambulanz allerdings noch nie untergekommen.“

Konditionierte Angst

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Es gibt nicht wenige Menschen, die ihre Phobie langsam entwickelt haben. Gleichmäßig verteilt sind die Ängste nicht; laut Ströhle sind bestimmte Objekte und Situationen eher geeignet, Angstgefühle auszulösen, als andere. Dinge, die in der Menschheitsgeschichte oder im Leben des Betroffenen eine bestimmte Rolle gespielt haben. Dinge oder Lebewesen, mit denen wir ein Gefühl assoziieren. Die Angst vor Mäusen und Ratten tritt beispielsweise häufiger auf als die Angst vor einem Kinn (Geniophobie), denn Nagetiere wurden einst als Fressfeinde betrachtet.

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Dass Angstreaktionen konditioniert werden können, zeigt unter anderem das berühmte Little-Albert-Experiment aus dem Jahr 1920. John B. Watson und sein Team haben an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore in den USA dem wenige Monate alten Albert mithilfe einer laut knallenden Eisenstange die Angst vor Ratten angelernt. Am Ende des Experiments hatte der Junge nicht nur massive Angst vor Ratten, sondern auch vor rattenähnlichen Reizen, wie Fellen (Hase, Hund, Pelzmantel), Baumwollbüscheln und weißen Bärten. Es liegt auf der Hand, dass das Experiment aus heutiger Sicht sehr umstritten ist und den ethischen Standards nicht mehr entspricht.

„Dabei dürfen genetische Komponenten nicht vergessen werden. Es kann davon ausgegangen werden, dass es auch eine gewisse genetische Vorbelastung für Angststörungen gibt“, sagt Dr. Ströhle. Zusätzlich könnte bei der Entwicklung von phobischen Störungen teilweise auch eine kleine Dosis Aberglaube eine Rolle spielen.

Auf die Frage nach dem seltsamsten Patientenerlebnis in seiner beruflichen Laufbahn antwortete Dr. Ströhle: „Das war eindeutig ein hauptberuflicher Pilot mit Flugangst.“ Oha!