„Ich glaube nicht, dass die Linke uns wieder zu Wähler*innen macht“

Kann es die Linke schaffen, junge Menschen für Parteipolitik zu begeistern? Tessa Högele war auf ihrem Parteitag dabei und hat wenig Hoffnung.

© STEFFI LOOS/AFP/Getty Images

Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag. Tessa Högele is not impressed. © STEFFI LOOS/AFP/Getty Images

Hach. Dieser Artikel beginnt mit einem ratlosen Seufzer der Autorin. Es geht um die Partei Die Linke. Vergangenes Wochenende hielt diese ihren Parteitag in Magdeburg ab.

Betrachtet man die Statistik der letzten Bundestagswahl (PDF), stellt man fest: Besonders die sogenannte Generation Y, die zwischen 1980 und 1995 Geborenen, beteiligten sich unterdurchschnittlich bei der Wahl. Ich bin Teil dieser Generation. Uns wird als vermeintlich homogene Masse so Einiges vorgeworfen. Unter anderem, kein Interesse an Politik zu haben, für keine politischen Themen mehr zu brennen. Ich glaube, das ist falsch. Menschen in meinem Alter sind nicht politikverdrossen. Wir sind parteiverdrossen.

Ich kenne in meinem Freundeskreis niemanden, der oder die Mitglied einer Partei ist. Ich kenne dafür umso mehr, die bereits abgeschlossen haben mit dem sogenannten Establishment. Die meisten von ihnen sind kluge Köpfe, die an ihrem Rosa-Brillen-Idealismus festhalten und die einfach nicht daran glauben, dass sich durch den Gang in die Wahlkabine etwas in ihrem Interesse in der Welt ändern wird.

Was dafür die Ursachen sind und ob das richtig oder falsch so ist, soll nicht Inhalt dieses Artikels sein. Mich beschäftigt seit dem Parteitag der Linken, ob die Partei meine parteiverdrossenen Freund*innen und mich wieder zu Wähler*innen mit Hoffnung auf Veränderung machen kann.

Ist die Linke die Partei, die es schafft, zunehmend junge Akademiker*Innen aus großen Städten anzusprechen?

Linke Inhalte mit Fragezeichen

Voraussetzung dafür, die Linke gut zu finden, ist natürlich, dass man prinzipiell linke und soziale Standpunkte befürwortet. Das trifft zumindest auf meinen Freundeskreis zu, der zwar nicht repräsentativ ist, aber ich orientiere mich einfach an dem Spruch „Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz (…)“. (Da die Autorin nicht an den zweiten Teil des Satzes glaubt, wurde er hier kurzerhand weggelassen.) Die Linke ist meiner Meinung nach die einzige im Bundestag vertretene Partei, die für linke Inhalte steht und eine Alternative zur vermeintlich alternativlosen Politik der Großen Koalition bietet.

Wichtige Themen sind beispielsweise ein Nein zu Waffenexporten und Aufrüstung der Bundeswehr. Die Linke fordert außerdem höhere Löhne, gesicherte Renten und mehr sozialen Wohnungsbau. Doch auch wenn die Partei viele Positionen vertritt, die ich so unterschreiben würde, lässt sie mich zugleich mit vielen Fragen zurück. Sie möchte beispielsweise das Rentenniveau anheben, um auch im Alter den Lebensstandard zu sichern. Das klingt an sich super. Aber ist auch mein Lebensstandard im Alter gesichert? Die Linke möchte die Rente mit 67 abschaffen. Aber können sie mir wirklich garantieren, dass ich nicht bis 70 arbeiten muss?

Kurz: Wie möchte Die Linke all ihre Vorhaben finanzieren, ohne dass kommende Generationen darunter leiden müssen? Ich bin überzeugt, dass beispielsweise durch eine neue Erbschaftsregelung oder eine stärkere Belastung von Unternehmen Finanzmittel bereitgestellt werden können. Aber wird das reichen? Ich stimme Bundesgeschäftsführer Matthias Höhn zu, wenn dieser schreibt: „Viele wollen wissen, wofür Die Linke ganz konkret steht und wie sie das umsetzen will.“

Auch beim Thema Flüchtlinge tun sich mir Fragen auf. Bisher stand die Linke stets für ein bedingungsloses „Refugees welcome“ ein. Doch zu Beginn des Jahres sprach Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht im Interview mit dem Berliner Kurier von „Kapazitätsgrenzen und Grenzen der Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung“. Wie viele in ihrer Partei denken ähnlich darüber? Eine Debatte über ihre Position hätte ich mir vom Parteitag erhofft. Stattdessen wurde Wagenknecht von Tortenwerfern abgestraft, was dazu führte, dass man sich von der Jugendpartei solid bis hin zur Parteispitze mit ihr solidarisierte. Wagenknechts Aussagen in der Zeitung wurden nicht weiter diskutiert.

Revolution oder „Berlin Tag und Nacht“?

Doch das eigentliche Problem der Linken sind meiner Meinung nach nicht die Inhalte. Das Problem lautet: Will die Linke „Revolution oder Berlin Tag und Nacht“? (Geklaut aus „Schüsse in die Luft“ von Kraftklub.) Möchte sie Protest- und Oppositionspartei bleiben – oder will sie eine gestaltende Kraft in einer Koalition mit SPD und Grünen sein?

Will man zum Beispiel ab September in Berlin mitgestalten, hieße das, mit SPD und Grünen eine rot-rot-grüne Regierung zu bilden. Doch Koalition bedeutet – wie jede Partnerschaft – Kompromisse finden. Und der Kompromiss wird nicht links der Linkspartei liegen, sondern rechts davon. Die Linke müsste, um als Koalitionspartner für die anderen beiden Parteien in Frage zu kommen, deutlich weiter in die politische Mitte rücken. Doch damit wird sie wiederum uninteressanter für das junge, idealistische Wählerklientel, das sich ja oftmals noch linker als die Parteispitze verortet und einen derartigen Mitteruck als Verrat an den eigenen Idealen sehen würde.

Auf dem Parteitag in Magdeburg zeigte sich, dass die Partei auch intern über die Frage „Regieren ja oder nein“ debattiert. In Thüringen regiert sie bereits mit, stellt sogar den Ministerpräsidenten. Doch als Landesregierung müsste sie eben auch das Abschieben von Flüchtlingen umsetzen, was die Partei ja eigentlich ablehnt. Susanne Hennig-Wellsow, Landes- und Fraktionsvorsitzende in Thüringen, sagte dazu in ihrer Rede: „Wer glaubt, dass das unser Hobby ist und nicht an unserer Menschlichkeit nagt, der hat sich geirrt.“ Trotzdem erntete sie einige Buhrufe aus dem Publikum. Mutmaßlich von Menschen, die die Linke lieber weiter als Protestpartei sehen möchten.

Was ist die Alternative?

Doch auf Bundesebene die ewige Protestpartei und Opposition zu bleiben, würde bedeuten, das Gestalten anderen zu überlassen. Anderen, die weiter den neoliberalen Kurs der Großen Koalition fahren. Auch das würde, denke ich, gerade bei den jungen und idealistischen Wähler*innen zu Frust und Resignation führen. Mit der Folge, dass sich viele doch wieder außerparlamentarischen Aktionsgruppen zuwenden und den Glauben an einen Wandel durch die Linke verlieren.

Was ist die parteipolitische Alternative für mich und meine Freund*innen? Darauf warten, dass die SPD so weit nach links rückt, dass die Linke nichtmehr von ihren Positionen abweichen muss? Oder auf eine absolute Mehrheit der Partei warten, sodass sie keine Koalitionspartner mehr braucht? Beides ist momentan ungefähr so wahrscheinlich wie die Wahl von Franz Beckenbauer zum neuen Bundespräsidenten. (Wobei man ja nie nie sagen soll.)

An dieser Stelle kommen wir wieder zu meinem ratlosen Seufzer vom Beginn. Ich weiß nicht, welcher Weg für die Linke der beste wäre. Ich glaube jedoch nicht, dass die Linke meine idealistischen aber parteiverdrossenen Freund*innen wieder zu fleißigen Wähler*innen machen wird. Ich glaube nicht, dass sie Menschen wie mich wieder an einen Wandel durch institutionelle Politik glauben lassen kann. Dafür bleiben zu viele Fragen offen.


Ihr seht das anders? Oder findet, ich interpretiere die Situation der Linken falsch? Schreibt mir doch nen Brief. Ich freu mich schon auf Debatten bei Bier und Johannisbeersaftschorle.