Auf den Philippinen leben jetzt 20 Millionen Menschen in einem Kriegsgebiet

Präsident Rodrigo Duterte verhängte aufgrund eines Rebellenangriffs das Kriegsrecht in Mindanao. Für die Menschen, die dort leben, herrscht nun quasi über Nacht Krieg.

Ein philippinischer Soldat inspiziert ein Maschinengewehr auf einem gepanzerten Fahrzeug. Archivbild © Gettyimages

Im Süden der Philippinen, der Region Mindanao, haben islamistische Terrormilizen am Dienstag die Großstadt Marawi angegriffen. Bei Schießereien seien mindestens zwei Soldaten und ein Polizist getötet worden, weitere zwölf Menschen verletzt, wie Verteidigungsminister Delfin Lorenzana mitteilte. Eine katholische Kirche, ein Gefängnis, zwei Schulen und mehrere Wohnhäuser seien bei den Angriffen niedergebrannt worden.

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Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte verhängte als Reaktion darauf jetzt das Kriegsrecht über die Region, die etwa ein Drittel des Landes ausmacht. Während der Zeit des Kriegsrechts gelten Sondergesetze, die es dem Militär ermöglichen, Häuser zu durchsuchen, ohne dass sie dafür eine richterliche Erlaubnis benötigen und verdächtige Personen ohne Prüfung festzunehmen.

Dieser Ausnahmezustand soll zunächst für 60 Tage gelten, könnte aber auch auf ein Jahr verlängert werden, wie Duterte in einer Videobotschaft erklärte. Das weckt Erinnerungen an den früheren philippinischen Diktator Ferdinand Marcos, der damit seine Macht gefestigt hatte.

Und plötzlich: Krieg

Auf Fotos aus der 200.000-Einwohner-Stadt Marawi sind Flaggen der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) vor einer Polizeistation zu sehen, die rund 100 Angreifer waren komplett in schwarz gekleidet.

In der ganzen Stadt sei der Strom ausgefallen und überall würden Scharfschützen der Terroristen lauern, sagte Minister Lorenzana. Bei den Bewaffneten handele es sich mutmaßlich um Mitglieder der Terrorgruppen Abu Sayyaf und Maute, die dem sogenannten IS die Treue geschworen haben, sagte ein Armee-Sprecher. Von zivilen Opfern in der Stadt ist laut der Deutschen Presseagentur (dpa) nichts bekannt. Die Kämpfe seien ausgebrochen, als philippinische Soldaten vergeblich versuchten, einen Abu-Sayyaf-Anführer festzunehmen.

Die Terroristen brachten nach Berichten von Einwohner*innen auch ein Krankenhaus unter ihre Kontrolle. Ärzt*innen, Pfleger*innen und Patient*innen würden von den Bewaffneten festgehalten. Der Leiter des Krankenhauses, Mohammad Abedin, sagte: „Bitte betet für uns hier.“

Der Generalstabschef der Philippinen, Eduardo Ano, rief die rund 20 Millionen Menschen in der Region auf, sich in ihren Häusern zu verbarrikadieren, wie die dpa berichtet. Diese leben de facto über Nacht in einem Kriegsgebiet: Für sie kann es in der kommenden Zeit schon gefährlich sein, überhaupt vor die Haustür zu treten.

Von Moskau aus, wo Eduardo Ano Präsident Duterte bei einem Besuch begleitete, versicherte er, es gebe ausreichend Regierungssoldaten in der Stadt, um die Lage rasch unter Kontrolle zu bekommen. Der Bürgermeister Marawis, Majul Gandamra, sieht das vor Ort aber anders: Es gebe eben nicht genügend Soldaten in der Stadt. Verstärkung würde dringend benötigt. Er selbst habe sich mit Verwandten im Rathaus verbarrikadiert. „Wir sind die einzigen hier, die das Gebäude verteidigen. Es ist sicher, aber um uns herum sind Feuergefechte“, sagte er in einem Telefoninterview. „Wir werden nicht zulassen, dass die Terroristen das Rathaus einnehmen.“

Duterte brach seinen Russlandbesuch ab und versicherte seinen Landsleuten in einer Mitteilung, dass er das Kriegsrecht brutal durchsetzen werde. Genügend Waffenkraft gibt es dafür offenbar nicht, jedenfalls bat er Russland vor seinem Heimflug um moderne Waffen zum Kampf gegen die Terrormiliz. Die Philippinen seien dafür nicht gerüstet, sagte er nach Berichten russischer Agenturen bei einem Treffen mit Wladimir Putin.

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Im Süden der mehrheitlich katholischen Philippinen kämpfen muslimische Rebellen schon seit den 1960er-Jahren für Autonomie. Immer wieder verübten sie auch Bombenanschläge, bisher sind mindestens 120.000 Menschen bei Kämpfen ums Leben gekommen.

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