Unsere Filmkritik: Auf die siebte „Star Wars“-Episode können sich alle einigen

Mit „Das Erwachen der Macht“ setzt Regisseur J.J. Abrams das Mammutwerk „Star Wars“ für die nächste Generation fort. Hella Wittenberg (Star Wars-Neuling) und Mark Heywinkel (Fan) haben sich das Weltraum-Abenteuer angesehen. Eine Kritik im Dialog.

© 2014 Lucasfilm Ltd. & TM.

Finn (John Boyega) and Rey (Daisy Ridley) treffen auf einen alten "Star Wars"-Hasen. © 2014 Lucasfilm Ltd. & TM.

Mark: Hella, wir müssen für dieses Gespräch eine Regel aufstellen.

Hella: Geht ja gut los. Und zwar?

Mark: Disney hat die Presse vor der Filmvorführung gebeten, die Story nicht zu spoilern. Und um des Kinospaßes Willen sollten wir uns zur Abwechslung mal daran halten. „Das Erwachen der Macht“ funktioniert mehr als jeder andere Film am besten, wenn man nicht allzu viel weiß. Cool für dich?

Hella: Wir dürfen aber sagen, dass der Film eine über zwei Stunden andauernde Verfolgungs- und Schnitzeljagd ist, oder?

Mark: Rastlos war’s, ja. Ich musste ab dem ersten Drittel aufs Klo, aber es gab keinen Moment, in dem ich mal schnell hätte gehen können: ein wichtiger Dialog folgte auf das nächste Lasergefecht, der Film hat eine hohe Geschwindigkeit. Zwischendurch hatte ich aber doch Zeit, mich zu fragen: Wer von den vielen alten und neuen Gesichtern liefert da eigentlich eine wirklich gute schauspielerische Leistung ab?

Hella: Naja, ich hatte vor allem damit zu tun, Bösewicht Kylo Ren (Adam Driver) unter seiner Maske zu verstehen. Ging mir ein bisschen so wie bei „Dark Knight Rises“ mit Tom Hardy. Und dann habe ich mich ständig gefragt: Welche Rolle verkörpert denn nun die tolle Lupita Nyng’o? Ich habe sie nicht entdeckt.

Mark: Sie war als kleine Alien-Barbesitzerin zu sehen, lieh ihr aber lediglich Stimme und Mimik.

Hella: Ahja, da habe ich ein wenig mehr erwartet. Die alte Garde von Schauspielern aus früheren Episoden war mir als „Star Wars“-Neuling ziemlich egal und nach dem Schauen hat sich daran nicht viel geändert. Das junge Ensemble trägt den Film, aber so soll es auch sein. Ich hatte zwar nicht mit einer schwachen Blase zu kämpfen – vor mir saß nur jemand im Publikum, der die ganze Zeit die Haare durchgewühlt hat. Ob das seine Meinung zum Film war: Zum Haare raufen?

© 2015 Lucasfilm Ltd. & TM.
Die jungen treffen die neuen Helden: Finn, Chewbacca und Han Solo in den Fängen der Stormtrooper. © 2015 Lucasfilm Ltd. & TM.

Mark: Mir kam das vor allem männliche Pressepublikum ja viel eher vor wie eine durchweg begeisterte Fan-Meute. Als der Millennium Falke, Han Solo und Chewbacca zum ersten Mal auftauchten, lachte und klatschte sie laut los. Auch für die vielen kleinen Anspielungen auf die klassische Trilogie gab’s Szenenapplaus. Und es gab einen Batzen Anspielungen – trotz Spoiler-Verbot nenne ich mal zwei: Finn (John Boyega) entdeckt im Millennium Falken sowohl das virtuelle Schachbrett als auch die Trainings-Drohne von Luke aus Episode IV. Bist du als „Star Wars“-Neuling überhaupt bei der Story mitgekommen?

Hella: Geht so. Dass es sich um irgendwelche Anspielungen handelte, konnte ich nur daran erkennen, dass das Publikum so johlte. Trotzdem würde ich sagen, dass man diesen Film beruhigt für sich betrachten kann, weil die neuen Helden Rey (Daisy Ridley) und Finn ja selbst erst alles kennenlernen müssen. Sie finden für und mit uns Neulingen heraus, wer die Guten und die Bösen sind – und ebenso was „Das Erwachen der Macht“ nun eigentlich zu bedeuten hat.

Dieser Artikel könnte dich auch interessieren: „Alles, was du über ‚Star Wars‘ wissen musst“

Mark: Im Grunde bedeutet es nichts anderes als damals in Episode IV von 1977: Es gibt ein Ungleichgewicht in der Macht und die neuen Helden müssen es wiederherstellen. Ohnehin greift Regisseur J.J. Abrams auf vieles zurück, das es schon gab: Manche Szenen übernimmt der „Lost“-Erfinder sogar 1:1 aus dem ersten Sternenkrieg-Abenteuer, es gibt wieder eine große Kampfstation, Tie-Fighter scharmützeln mit X-Wings, ein Vater und ein Sohn führen einen folgenschweren Dialog. Und – um mal zu einer Wertung zu kommen – das finde ich kein Stück lame, sondern ganz großartig. George Lucas hat gesagt „Die Fans werden den Film lieben“ – er hatte recht. „Das Erwachen der Macht“ hält sich stilistisch an die Ur-Trilogie, lässt das Intro unverändert, die Musik, die Sounds, große Teile des Designs – ohne veraltet zu wirken. Die Story um den Skywalker-Solo-Clan wird ebenfalls spannend weitergesponnen. Mein Fan-Herz frohlockt. Und deins?

Hella: Tatsächlich hat mir das Ganze viel mehr gegeben, als ich es vor Filmbeginn erwartet hatte. J.J. Abrams konnte mich nämlich mit seinen „Star Trek“-Verfilmungen nicht hinter dem Ofen hervorlocken. Die Geschichten waren überhaupt nicht mitreißend, geschweige denn neu – und generell war zu viel Computeranimation im Spiel. Bei „Star Wars“ kann man hingegen sehen, dass die Sets tatsächlich existierten und nicht nur am Computer zusammengebastelt wurden. Auch spitze: Endlich mal eine weibliche Protagonistin in einem Action-Abenteuer. Passiert ja eher selten. Ich fand Daisy Ridley so toll, weil ihre Figur immer aus eigener Motivation heraus handelt, ohne irgendeinem Typen hinterherzuhecheln. Sie ist aber auch nicht nur knallhart, sie sorgt sich um das Verbleiben ihrer Familie. Doch wenn ihre Sensibilität zum Vorschein kommt, dann ist das eine weitere, spannende Facette an ihr und keine Schwäche.

© 2015 Lucasfilm Ltd. & TM.
Rey lernt den Droiden BB-8 kennen, der sie in den Sternenkrieg hineinzieht. © 2015 Lucasfilm Ltd. & TM.

Mark: Tatsächlich war’s so, dass Finn ihr hinterherrennt – selbst Raubein Han Solo findet Rey toll und will sie als Co-Piloten engagieren. Den Bechdel-Test besteht „Das Erwachen der Macht“ meiner Erinnerung nach trotzdem nicht. In dem einzigen Dialog zwischen zwei Frauen – den Rollen von Lupita Nyng’o und Daisy Ridley – geht es um einen Typen: Luke Skywalker. Oder habe ich einen wichtigen Frau-zu-Frau-Dialog verpasst?

Hella: Wir sollten trotzdem nicht zu hart mit der Konzeption der Frauenrolle ins Gericht gehen. Rey war den Männern mindestens ebenbürtig, konnte Szenen alleine stemmen und musste keine extreme Sinnkrise durchmachen. Die Dialoge fand ich aber generell sehr knapp und oberflächlich gehalten, da muss ich dir Recht geben. Vielleicht sollte sich J.J. Abrams künftig mehr an Typen wie Todd Haynes oder Wes Anderson orientieren: Die kriegen kluge Gespräche und mehrdimensionale Frauencharaktere hin.

Mark: Welche Note hat „Das Erwachen der Macht“ schlussendlich verdient?

Hella: Eine Zwei. Ich fühlte mich abgeholt, super unterhalten und bin sogar ein kleines bisschen neugierig, was vorher so passierte. Welche Note gibst du?

Mark: Ich bleibe Fan, bin es sogar noch mehr als zu den Episoden I bis III. Ich gebe eine glatte Eins. Es hätte so viel schiefgehen können, ist es aber nicht.

Was weißt du über „Star Wars“? Mach den Test!

Hella: Es ist bei diesem Sci-Fi-Spektakel besonders schwierig, sich eine rundum fundierte Meinung zu bilden. Schließlich wurde ein so extremer Hype um „Das Erwachen der Macht“ aufgebaut, dass man sich dem kaum entziehen konnte.

Mark: Oh ja, gefühlt jedes Supermarkt-Produkt trug plötzlich ein „Star Wars“-Emblem.

Hella: „Star Wars“ ist nicht nur eine Filmreihe, es ist ein Event. Geburtstag und Weihnachten zusammen, sogar für mich als Neuling. Jeder kann was damit anfangen, ob vom Hörensagen oder vom Gucken in Dauerschleife. In jedem Fall hat es J.J. Abrams geschafft, sich vor George Lucas zu verneigen und gleichzeitig etwas Neues zu erschaffen. Und Daisy Ridley, John Boyega, Adam Driver und Oscar Isaac haben sich damit in eine höhere Schauspiel-Liga gespielt.