Auf einem klapprigen Moped durch Vietnam – gefährlich, aber schön

Mit dem Moped 2000 Kilometer durch Vietnam zu fahren ist anstrengend, abenteuerlich, abgefahren, angsteinflößend. Aber auch wunderschön, findet Autor Fabian Held. Er war drei Wochen unterwegs und hat für wenig Geld Land und Leute kennengelernt.

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Mopeds kannst du in Vietnam an jeder Ecke mieten. © photocase.com/klublu

Es war im wahrsten Sinne eine Schnapsidee, die mich nach Vietnam brachte. Mein Freund Max sagte eines kalten deutschen Winterabends zu mir: „Hey, lass uns doch mit dem Moped durch Vietnam fahren“. Ohne groß zu überlegen und mit der Aussicht auf sonnig warmes Wetter haben wir ein paar Tage später die Flüge gebucht. Als Reisevorbereitung diente uns eine Folge der britischen Autosendung „Top Gear“, in der drei kauzige Briten ebenfalls mit kleinen Rollern quer durchs Land knattern. Das Abenteuer lockte.

Zu dritt flogen wir in die Hauptstadt Hanoi, im Norden des Landes. Wir hatten nur einen Plan: Entlang des Ho-Chi-Minh Highway in den Süden nach Ho-Chi-Minh Stadt (in Vietnam ist auch der alte Stadtname Saigon gebräuchlich) reisen.

Wer einen deutschen Führerschein der Klasse B besitzt, darf in Vietnam offiziell kein Moped fahren. Praktisch interessiert das aber niemanden und viele Touristen fahren ohne Schein. Nur ein Unfall darf auf keinen Fall passieren. Denn dann zahlt die Versicherung keinen Cent und im schlimmsten Fall drohen sogar Gefängnisstrafen.

Dieses Risiko muss jedem bewusst sein, der Vietnam auf zwei Rädern erkunden will. Wer sich das nicht traut, kann auch per Nachtbus oder -zug von Stadt zu Stadt kommen – verpasst aber die spektakuläre Natur abseits der Touristengebiete.

Erst Moped, dann Mut finden

Aber zurück zum Anfang der Reise: Hanoi, Moped kaufen. Das ist eigentlich ziemlich leicht. Zahlreiche Backpacker verkaufen ihre Roller und hängen entsprechende Angebote in den Hostels aus. Auch ein Blick auf Craigslist kann nützlich sein. Außerdem gibt es einige auf Backpacker spezialisierte Händler. Ein Moped kostet meist um die 250 US-Dollar.

Sieht klapprig aus, fährt aber. © privat
Sieht klapprig aus, fährt aber. © privat

Die meisten Modelle sind chinesische Fälschungen von Yamaha oder Honda, die auch von Einheimischen gefahren werden. Vorteil: Ihr könnt die Bikes überall und günstig reparieren lassen. Nachteil: Ein gutes Bike zu erwischen ist ohne Vorkenntnisse reine Glückssache.

Nach dem Kauf folgt die größte Herausforderung: das erste Mal fahren. Mitten in Hanoi. Am Anfang gehört eine große Portion Mut dazu, denn der Verkehr in Vietnam ist für europäische Verhältnisse das pure Chaos – alle fahren kreuz und quer. Wer sich nicht sicher fühlt, sollte langsam fahren.

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Zum Glück gibt es bisher nur wenige Autos auf den Straßen. Wegen hoher Importsteuern können sich nur reiche Vietnamesen einen PKW leisten. Daher sind Mopeds so beliebt. Oft sitzen ganze Familien auf einem Roller. Vietnamesen transportieren auch gerne mal zehn volle Kisten Bier, einen mobilen Imbiss oder einen Kühlschrank.

Nach den ersten Stunden hatte ich den Dreh raus. Ich hatte das Gefühl, dass jeder auf jeden achtet. Der Verkehr ist stets im Fluß. Unfälle habe ich kaum gesehen. Allerdings ist es auf Vietnams Straßen nicht gerade ungefährlich: Etwa 12.000 Menschen sterben dort jedes Jahr – pro Kopf sind das mit die meisten Verkehrstoten weltweit.

Vermutlich hängt die hohe Zahl auch mit dem Endgegner der vietnamesischen Straßen zusammen: den Reisebussen. Auf vietnamesischem Asphalt gilt das Recht des Stärkeren und am stärksten sind die Busse. Die anderen Verkehrsteilnehmer machen daher Platz, wenn einer überholt oder auf eine Kreuzung zu fährt.

Zu erkennen sind die Busse an ihrem typischen Hupton. Generell wird in Vietnam ständig gehupt. Es wird als Kommunikationsmittel benutzt. Hupt ein Moped, heißt das so viel wie: „Hallo, hier bin ich, ich fahre jetzt um die Ecke“. Oder: „Hallo, hier bin ich, ich fahre hinter dir und überhole gleich. Fahre einfach ganz normal weiter“. Wenn Autos oder eben Busse hupen, solltet ihr Platz machen.

Auf zwei Rädern durch den Dschungel

Mit einem schrottreifen Moped durch Vietnam ist manchmal anstrengend und gefährlich. Warum das Ganze dann? Ganz einfach: weil das Land wunderschön ist. Egal ob du über die gewundenen Straßen des Dschungels zwischen Phong Na und Khe San, dem Hai Van Pass, oder den trockenen Halong-Buchten rund um Ninh Binh fährst – Vietnam ist reich an spektakulärer Natur. Und wer wirklich alles erkunden möchte, und nicht nur die touristischen Strände entlang der Küste, der kommt ums Moped-Fahren nicht herum.

Besonders empfehlenswert ist der Ho-Chi-Minh Highway (die vietnamesische Abkürzung lautet: DHCM oder QL15), der sich im Westen des Landes an der laotischen Grenze entlang schlängelt. Früher die schnellste Verbindung zwischen Norden und Süden, wurde der DCMH durch die Nationalstraße (QL1A oder AH1) ersetzt, die dicht an der Küste verläuft.

Kleiner Tipp: Fahrt so wenig QL1A wie möglich – dort kommt ihr zwar schneller voran, es ist aber laut und dreckig. Im Norden dominieren außerdem Industrieflächen mit entsprechend hohem LKW-Aufkommen. Besonders schlimm ist die Strecke von Hanoi nach Halong und dann weiter nach Ninh Binh. Das wusste ich leider erst im Nachhinein. Nehmt also lieber den Bus nach Sapa oder in die Halong Bucht und verlasst Hanoi in Richtung Süden.

Fabian Held mit Moped © privat
Fabian Held mit Moped © privat

 

[Außerdem bei ze.tt: Warum ich allein reise – und wieso ich ganz klein angefangen habe]

Von Ninh Binh aus lässt sich der Ho-Chi-Minh-Highway gut finden (QL15 bei Google Maps). Hier herrscht wenig Verkehr und die Natur wird sehr schnell sehr schön. Der einfachste Weg nach Ho-Chi-Minh-Stadt ist, der QL15 zu folgen. Allerdings lohnen sich kleine Abstecher an die Küste. Zum Beispiel nach Dong Hoi: Eine kleine Fischerstadt, in der frisches und leckeres Seafood im Restaurant für etwa einen Euro zu haben ist. Der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende Phong Na Nationalpark ist ebenfalls mit einem Tagestrip erreichbar.

Auch Hue ist einen Besuch wert. Der Sitze des ehemaligen Herrschergeschlechts Nguyen bietet eine (ebenfalls von der UNESCO geschützte) Zitadelle und schöne Strände etwas außerhalb der Stadt. Von dort führt ein kurzes Stück auf dem Highway One zum Hai Van Pass, der sicher zu den schönsten Straßen der Welt gehört. Der Pass schlängelt sich an einem Berg direkt am Meer hinauf. Mopedfahrer werden mit einem atemberaubenden Ausblick belohnt. Von dort geht es weiter in die Lampionstadt Hoi An. Weitere sehenswerte Städte sind zum Beispiel Kon Tum und Da Lat. Eine gute Tour aus dem Süden in den Norden findet ihr hier.

Das sind die für Hoi An typischen Lampions:

Vietnamese markets #lanterns

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Die vietnamesische Gastfreundschaft

Mehr noch als die Natur haben mich die Vietnamesen selbst beeindruckt. Sie sind extrem freundlich, gelassen und liebenswert. Vor allem außerhalb der Touristengebiete sind sie äußerst aufgeschlossen und hilfsbereit.

Mit dem Moped kannst du überall spontan anhalten und den Ausblick genießen © privat
Mit dem Moped kannst du überall spontan anhalten und den Ausblick genießen © privat

Obwohl Vietnamesen teils unter einem US-Dollar am Tag verdienen, wurden wir mehrmals zum Essen und Trinken eingeladen. Wir wollten unseren Anteil bezahlen, was vehement abgelehnt wurde. Zwar konnten wir uns nur mit gegoogelten Bildern, Google Translator und Zeichensprache verständigen, doch wo ehrliche Offenheit herrscht, funktioniert auch das.

Die Tour war eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens. Natur und Menschen haben mich so oft staunen lassen. Hinzu kam das Erfolgserlebnis, es mit einem Haufen Schrott auf zwei Rädern nach Ho-Chi-Minh-Stadt geschafft zu haben. Allerdings hatte meine Reisegruppe auch viel Glück: keine Unfälle oder Polizeikontrollen und wenig Pannen.

Zehn Tipps für eure Moped-Reise durch Vietnam:

  1. Kauft euch eine vietnamesische Sim-Karte! 1,5 Gigabyte Datenvolumen kosten etwa vier Euro. Damit könnt ihr entspannt Google Maps checken. Als Provider empfiehlt sich Viettel. Das Unternehmen gehört dem vietnamesischen Verteidigungsministerium und bietet auch in abgelegenen Regionen ein meist stabiles 3G-Netz. Keine Sorge: Ihr bekommt zwar eine vietnamesische Nummer, WhatsApp funktioniert aber weiter mit eurer alten Nummer.
  2. Nehmt immer ausreichend Wasser mit! Außerdem ist es gut, ein oder zwei Flaschen voll Benzin dabei zu haben. Vor allem im Gebirge gibt es wenige Tankstellen.
  3. Unterschätzt die Hitze nicht! Im Hochland gibt es nur wenig Schatten und mittags werden es bis zu 40 Grad. Das ist für Mensch und Maschine auf Dauer sehr anstrengend.
  4. Lasst alle 500 Kilometer das Öl wechseln! So beugt ihr Motorschäden vor. Ein Ölwechsel kostet etwa vier Euro. Lasst euch vom Mechaniker danach ein wenig vom alten Öl auf die Kette schmieren.
  5. Fahrt nicht nach Einbruch der Dunkelheit (also etwa 18 Uhr)! Viele Vietnamesen fahren ohne Licht, dafür mit umso mehr Alkohol im Blut durch die Nacht. Macht euch lieber früher auf den Weg, dann kommt ihr sicher an.
  6. Ihr habt keine Lust eine bestimmte Strecke zu fahren? Es ist kein Problem die Mopeds in einem Nachtzug- oder Bus mitzunehmen. Das ist zwar – für vietnamesische Verhältnisse – teuer, aber nützlich. Die Mitarbeiter in Hostels können euch weiterhelfen. Eventuell müsst ihr mit Schäden an euren Zweirädern rechnen, da die Bikes ohne großen Schutz in den Kofferraum gelegt werden.
  7. Fahrt nicht alleine! Auf vielen Strecken entlang der laotischen Grenze ist nur wenig Verkehr. Falls etwas passieren sollte, kann euch im Notfall niemand helfen. Ihr habt keine Freunde, die mitkommen wollen? Kein Problem. In Hanoi, Hoi An und Saigon suchen viele Backpacker nach Mitfahrern. Ansonsten schließt euch einfach einer bestehenden Gruppe an.
  8. Schreibt euch das vietnamesische Wort für „Gasthaus“ auf! In größeren Städten gibt es zwar immer günstige Hotels, aber falls ihr eine Tour doch mal nicht schafft, könnt ihr euch so eine Unterkunft suchen.
  9. Fahrt nie mit zu viel Bargeld im Portemonnaie! Falls euch die Polizei doch mal anhalten sollte, nehmen die Beamten in der Regel alle Scheine und lassen euch erst dann weiter fahren. 300000 bis 400000 Dong im Geldbeutel sollten reichen. Kleiner Tipp: Um den beliebten Badeort Mui Ne herum werden quasi alle Touristen kontrolliert.
  10. Handelt um Preise! In der Regel bezahlen Touris einen 200 bis 300-prozentigen Aufschlag. Bevor ihr etwas kauft oder eine Dienstleistung in Anspruch nehmt, könnt ihr problemlos um den Preis verhandeln. Das ist so üblich.

So viel kostet euch der Trip

Die Währung in Vietnam ist der Dong, aber auch der Dollar ist weit verbreitet. Ein Euro entspricht etwa 25.000 Dong. Vor Ort reichen 250 Euro pro Woche. Generell ist der Norden billiger als der Süden. Hostels und günstige Hotels gibt es meist ab etwa vier Euro. Ein Mittagessen kostet etwa ein bis zwei Euro. Flüge ab Frankfurt nach Hanoi kosten zum Beispiel mit Etihad oder Asiana Airlines zwischen 550 und 600 Euro.

Kleinere Reparaturen am Moped gibt es für unter einem Euro, ein neuer Motor kostet etwa 50. Das Bike kannst du einfach in Saigon verkaufen. Wer sein Moped pfleglich behandelt und intakt verkauft, kann sogar einen kleinen Gewinn erzielen.