Auf seinem neuem Album blickt Casper in Abgründe, die viele von uns kennen

Mit Lang lebe der Tod lässt uns der Musiker so nah an sich ran wie noch nie. Damit beweist er große Stärke.

Endlich kann alles raus. © dpa

Sein neues Album spiele für ihn im Jetzt, sagte Casper kürzlich in einem Interview mit Diffus. Er wollte unbequeme Musik machen, für unbequeme Zeiten.

Das ist ihm gelungen. Auf Lang lebe der Tod, das heute erscheint, nimmt der Rapmusiker uns mit auf eine Reise in sich selbst. Wir spüren, das ihm nicht passt, was in der Gesellschaft gerade los ist.

Aber da ist noch etwas mehr: Die letzten Songs des Tonträgers bilden einen emotionalen Dreiklang, mit dem er uns so tief in sein Innerstes blicken lässt wie noch nie.

Zum ersten Mal wird er politisch

Das Album behandelt ganz zentral das Thema Tod. Allein das macht es zu seinem bis dato düsterstem Werk. Der Auslöser dafür war, laut Casper, ein grausames Video. Darin ist zusehen, wie ein Mensch auf der Straße an seinen Schusswunden stirbt. Statt zu helfen, bittet der Filmende den am Boden liegenden, er solle doch einmal in die Kamera sehen.

Caspers Album handelt von Sensationsgier, vom Umgang mit Medien, vom Unwillen, den eigenen Standpunkt zu verlassen. Damit verlässt der Musiker, der mit bürgerlichem Namen Benjamin Griffey heißt, gewohntes Terrain. Bislang waren seine Songs eher Rückblicke auf sein jüngeres Leben, auf Beziehungschaos, Trennungen, auf die Beschissenheit der Dinge als heranwachsender Mensch. Politisch wurde er dabei nie. Jetzt schon.

Recht unerwartet verschiebt Casper den Fokus am Ende des Albums wieder. Blickt er sieben Songs lang aus dem Fenster in die Welt, blickt er in den letzten drei in sich selbst: Was sind meine ganz persönlichen Gedanken zum Tod?

„Zwei, drei Jahre kenn‘ ich Deborah schon“

Deborah, wie der erste dieser drei Songs heißt, ist als Synonym für Depression zu verstehen. Casper nähert sich diesem Thema, seinem Thema, behutsam an. Er fasst in Worte, was für viele immer noch schwer in Worte zu fassen ist: Lethargie, Verlust des Zeitgefühls, Unlust – zwei, drei Jahre kenne er selbst diese Deborah schon.

Es ist lange her, dass ein deutscher Musiker dieser Größenordung sich in dieser Form öffnete. Das erfordert Mut und Stärke, aber auch Weitblick. Mit diesem Lied spricht er nicht nur vielen Menschen aus der Seele; er schafft unbewusst einen Raum für Jugendliche und junge Menschen, seine größte Zielgruppe, in dem sie sich über das Thema Depression austauschen können.

[Außerdem auf ze.tt: Chester Bennington: Wir werden nie vergessen, was du für uns getan hast]

In Meine Kündigung geht es um Caspers Umgang mit dem musikalischen Erfolg, über die Selbstzweifel, die Kritik von außen, vor allem über den langen Weg dahin, mit sich selbst zufrieden zu sein.

In Flackern, Flimmern geht es abschließend um die Kraft des Verständnisses. Er kenne diese Ängste, die wir haben, er wisse, was uns jede Nacht quäle. Es ist ein Lied der Hoffnung, des Loslassens, eines letztes Aufbegehrens, des Lebensmuts. Dass genau dieses Lied den Abschluss des Albums bildet, ist ein Kunstgriff: Mit dem ersten Lied, Lang lebe der Tod, bindet er einen festen Knoten, mit dem letzten lässt er eben diesen platzen. Endlich kann alles raus.

Casper fasst mit seinem neuen Album den Zwiespalt und die abgründigsten Gefühle einer ganzen Generation zusammen. Hier gibt es kein La-La-Land, hier gibt es nur die echte, pure Emotion. Casper ist musikalisch erwachsen geworden.