Befeuern Insta-Foodies mit ihren Posts kulturelle Vorurteile?

Ihr fotografiert gern euer Essen? Das ist okay, aber euer Foodstyling könnte die falsche Geschichte erzählen.

Ist das nur Deko oder schon politische Message? © pixabay.com

Noch schnell etwas Koriander auf die Pho gestreut, ein paar Sesamsamen auf dem Bambusdeckchen daneben platziert und Essstäbchen quer über den Tellerrand gelegt: fertig ist das perfekte Foodfoto, oder? Wenn es ums Essen geht, spielt die Optik in den Zeiten von Social Media eine immer wichtigere Rolle. Laut einer Studie der Uni Göttingen sehen sich zehn Prozent der Deutschen als Foodies. Das sind Leute, die sich für kulinarische Erlebnisse begeistern, sich über das, was sie essen, identifizieren und ihre Mahlzeiten auch gerne bei Instagram teilen.

Doch so aufwendig alle ihre kulinarischen Kulissen arrangieren – es geht schließlich um echtes Storytelling –, mit dem kulturellen Hintergrund von Gerichten wie Pho und Co. wird sich beim Anrichten gar nicht mehr weiter beschäftigt, kritisiert die philippinisch-US-amerikanische Lifestyle-Fotografin Celeste Noche im Podcast The Racist Sandwich. Ihrer Meinung nach wird Foodfotografie häufig mit wenig Sorgfalt betrieben – und so oft ethnische Stereotypen befeuert oder Gerichte falsch dargestellt, kulturelle Aneignung auf den Tellern quasi.

Wie Kulturen falsch dargestellt werden

Celeste, die selbst in Oregon arbeitet, findet, dass Essen oft aus westlicher Sicht gestylt würde. Asiatische Gerichte würden fast immer exotisch oder in übersteigertem Maß dekoriert. „Wir sind immer noch nicht ganz weg von der Idee, dass der Westen der Status Quo ist und dass alles andere als anders betrachtet wird“.

Die schlimmsten Fehler würden passieren, wenn sich die Fotograf*innen oder Foodstylist*innen einfach Requisiten schnappten, ohne vorher anständig recherchiert zu haben. Schließlich geht es primär darum, ein Gefühl zu verkaufen, ein gutes Bild zu erzeugen. Es geht um kapitalistisches Eigennutzen. Kulturelles Wissen wird oft ignoriert, wenn es um Geld und Likes geht.

Besonders beliebt, egal um welche asiatische Kultur es sich handelt: Essstäbchen in allen Variationen. „Journalist Andrew Zimmern hat auf seiner Website ein Rezept für philippinische Rippchen und daneben Stäbchen liegen“, erzählt Celeste im Podcast. „Auf den ersten Blick ist das okay. Nur dass Filipinos traditionell mit Löffel und Gabel oder einfach ihren Händen essen. So fühlt es sich an, als ob er alle Asiaten generalisiert.“

Ich war sofort skeptisch, dass zwei Gerichte auf einem Mahjong-Tisch angerichtet waren. Das ist, als würde man Essen auf einem Monopoly-Spiel stylen.“

So habe sie sich auch über das Porträt des philippinischen Kochs Dale Talde im Saveur-Magazin gewundert, den zwei weiße Männer geschrieben und fotografiert haben: „Ich war sofort skeptisch, dass zwei Gerichte auf einem Mahjong-Tisch angerichtet waren. Das ist, als würde man Essen auf einem Monopoly-Spiel stylen.“ Später habe sich herausgestellt, dass der Tisch wohl eine Hommage an Taldes Vater gewesen sei, aber ohne diesen Kontext hätte es einfach nur ausgesehen, als ob zwei Typen philippinisches Essen auf einem chinesischen Brettspiel anrichten würden.

Traditionelles Essen plötzlich Foodtrend

Genauso stört sich Celeste daran, dass sogar große Magazine die Kultur der US-Migrant*innen für sich beanspruchen. So veröffentlichte das US-amerikanischen Food-Magazin Bon Appétit einen Artikel über Pho als den neuesten Foodtrend, PSA: This is how you should be eating pho, vorgestellt von einem weißen Koch aus Philadelphia. Der Beitrag stieß auf großen Gegenwind – denn in Vietnam kann die Suppe auf eine lange Geschichte zurückblicken. „Diese kulturelle Aneignung schmerzt, denn eben die Gerichte, die jetzt als authentisch gehypt werden und auf trendy Menüs stehen, wurden verachtet, als sie in den Häusern der Immigranten gekocht wurden, die sie hierher gebracht haben“, erzürnte sich unter anderem Ruth Tam in der Washington Post.

[Außerdem auf ze.tt: Back to Hack: Lasst mich in Ruhe mit euern Foodtrends!]

„Die Leute, die über Essen schreiben, es stylen oder fotografieren sind sich oft gar nicht bewusst, welche Autorität sie sich selbst zuschreiben, wenn sie Essen porträtieren, das nicht das ihre ist“, meint Celeste. Sie machen nicht nur kontextuelle Fehler, sondern stylen oft in übertriebenem Maße und machen die Gerichte so zu ihren eigenen. Ihr fällt das natürlich vor allem bei philippinischen Gerichten auf.

Wenn dir etwas unbekannt ist, dann sprich mit einer Person aus dieser Kultur, um mehr darüber zu lernen.“

Sie hofft, dass sich die Leute stärker damit auseinandersetzen, was sie essen und wie sie es auf Bildern in Szene setzen. „Wenn dir etwas unbekannt ist, dann sprich mit einer Person aus dieser Kultur, um mehr darüber zu lernen“, meint sie. Fotos bieten nun mal einen Blick darauf, wie jemand die Welt sieht und sie versteht – oder eben auch missversteht. Foodfotografie sollte deshalb ein Medium sein, um die Geschichten anderer Leute und Kulturen zu erzählen, so Celeste. „Anstatt sie dazu zu zwingen, in deine zu passen.“