Berliner FU-Präsident: Was Trump und die Geschichten von Janosch gemeinsam haben

Ist Trump ein Bösewicht, wie ihn die Politik noch nicht erlebt hat? Prof. Dr. André-Alt, Präsident der Freien Universität Berlin, sagt im Interview mit ze.tt, warum ihn der republikanische Präsidentschaftskandidat eher an Janosch erinnert.

© Win McNamee/Getty Images

Donald Trump spricht zu seinen Anhängern während einer Wahlkampfveranstaltung in Virginia. © Win McNamee/Getty Images

Er beleidigt jeden und alles, hetzt gegen Minderheiten, propagiert sexuelle Übergriffe auf Frauen und betreibt Wahlkampf mit Lügen und Verschwörungstheorien. Ist Donald Trump böser als andere Politiker*innen vor ihm? Darüber haben wir kurz nach dem zweiten TV-Duell mit Prof. Dr. Peter-André Alt gesprochen, Präsident der Freien Universität Berlin. Der Literaturwissenschaftler hat sich viele Jahr mit dem Bösen beschäftigt. Er erklärt, was Trump so bedrohlich macht – und warum Clinton ihn mit Kompetenz allein nicht besiegen kann.

ze.tt: Herr Prof. Alt, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sich den Wahlkampf in den USA anschauen, zum Beispiel das zweite TV-Duell vor einigen Tagen?

Dass die Politik auf ein Minimum reduziert ist. Die Fragen werden auf einem so oberflächlichen Niveau behandelt, dass man nicht wirklich von einer inhaltlichen Auseinandersetzung reden kann. Es ist ein extrem ritualisiertes Verfahren und eine massive Entleerung der Inhalte. Ich finde es sehr bedenklich, wie sich sogenannte politische Debatten in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben.

Können Sie sich erinnern, dass der Sieg eines Kandidaten jemals so gefürchtet wurde wie der Donald Trumps?

Als 1980 Ronald Reagan die Kampagne gegen Jimmy Carter führte, habe ich das ähnlich empfunden. Damals war ich 19. Reagan war ein Kandidat, der zwar im Gegensatz zum jetzigen Kandidaten der Republikaner schon eine gewisse politische Erfahrung hatte, weil er in Kalifornien Gouverneur war, der aber auch als extrem unerfahren galt und der mit hoher Emotionalisierung und massivem Polarisieren den Eindruck vermittelte, als ob er zurück wollte in ein Amerika des Kalten Krieges. Er war jemand, den man nicht gern als Präsidenten sehen wollte, wenn man jung war und links stand. Und man musste sich fragen, ob er in der Lage sein würde, eine solche Verantwortung zu übernehmen. Ich erinnere mich an seinen Scherz vor einem Radiointerview, dass die Bombardierung Russlands in fünf Minuten beginnen würde.

Reagan hat dann allerdings die Wahl gewonnen. Aus heutiger Sicht könnte man sagen: Ist ja alles noch einmal gut gegangen. Ist die Furcht vor Trump als Präsidenten also übertrieben?

Reagan hat tatsächlich nicht unbedingt das Unheil ausgelöst, das man befürchtet hatte. Auch, weil der sowjetische Block in sich zusammenbrach. Ich glaube, man muss beim US-amerikanischen Präsidentenamt berücksichtigen, dass die Strukturen massiv sind und das System sehr unbeweglich ist. Das hat Obama im Negativen daran gehindert, Reformen durchzusetzen. Es kann aber auch eine positive Seite haben: Wenn jemand wie Trump die Strukturen aufsprengen und chaotisieren will, dann gelingt das zum Glück auch nicht immer.

Man hat den Eindruck als würde es bei dieser US-Wahl um den ultimativen Wettstreit zwischen „Gut gegen Böse“ gehen. Sie sind Literaturwissenschaftlicher und Experte für das Böse. Wie böse ist Donald Trump?

Wenn man es äußerlich betrachtet, dann hat Trump mit seinen rötlichen Haaren natürlich ein Attribut, das gern dem Bösen zugeschrieben wird (lacht). Aber im Ernst: Trump ist eigentlich eine Figur, die das binäre Schema des Guten und Bösen aufsprengt. Er entspricht eher dem Trickster.

Was ist ein Trickster?

Der Trickster ist eine Figur aus den Mythen, zum Beispiel der Indianervölker, aber auch Australischer Ureinwohner. Sie entzieht sich allen klaren Zuordnungen und chaotisiert jedes System, in das sie eindringt. Der Trickster kennt keine Symmetrie, keine klare Logik. Zugleich ist er eine gefährliche Figur, weil er Ordnungen – auch positive Ordnungen – stört. Er ist völlig unzuverlässig und unberechenbar. Mich erinnert das Auftreten Trumps und die Tatsache, dass er bestimmte grundsätzliche Spielregeln des politischen Diskurses außer Kraft setzt, sehr stark daran.

Wo findet man den Trickster in der heutigen Literatur?

Der Trickster tritt unter anderem in Geschichten von Janosch auf, Antek Pistole zum Beispiel – eine sprunghafte Figur, die nicht beherrschbar ist. Den kenne ich aus den Büchern meiner Kinder.

Das Verhalten des Tricksters, das Sie beschreiben, erinnert mich an Internet-Trolle, die ebenfalls darauf aus sind, Debatten zu zerstören. Ist Donald Trump ein politischer Troll?

So kann man es sehen. In gewisser Weise war er das von Anfang an. Trump macht, was er will und redet, wie es ihm gerade passt. Was er gestern gesagt hat, interessiert ihn heute nicht mehr. Das hat er mit einem Internet-Troll gemeinsam.

Gehen Trumps rassistische und sexistische Äußerungen nicht über die Unberechenbarkeit eines Tricksters hinaus?

Na ja, die Trickster-Figur ist auch extrem sexuell aufgeladen und obszön. Zugleich kommt der Vergleich mit dem Trickster hier an sein Ende. In Trumps Repertoire liegen viele Elemente, die zum Bösen gehören. Dazu zählt die Ausgrenzung, das Vorurteil, die Rücksichtslosigkeit, das Prinzip des Durchsetzens um jeden Preis, Sexismus, Diskriminierung. Das zählt nun mal auch zu dem, was gemeinhin mit dem Bösen in Verbindung steht.

Sind Sie auch ein Filmfan? Fallen Ihnen Filmcharaktere ein, an die Sie Trump erinnert?

Ich bin großer Fan von David Lynch. Lynch zitiert sehr häufig die Mythen des Bösen, zum Beispiel in “Mullholland Drive” oder in “Wild at Heart”. In “Blue Velvet” tauchen Figuren aus dem Nichts auf und sind auf einmal sehr bedrohlich, weil sie die Regeln nicht einhalten, gewalttätig werden, und ganz unberechenbar sind. Die Figur, die Dennis Hopper spielt, ist genau so eine Figur des Bösen: gewalttätig, eruptiv, völlig unberechenbar. Und dann aber auch wieder nicht auf den Punkt zu bringen. Man weiß nie, wofür sie steht, die Grenze zwischen Ironie und Ernst verliert sich dauernd. Dieses Unberechenbare steckt auch in Trump.

Über 40 Prozent der Amerikaner*innen werden laut Umfragen für Trump stimmen, trotz aller Skandale. Wie erklären Sie sich das?

Das liegt daran, dass sehr viele Menschen abgehängt sind, dass sie hoffnungslos sind. Sie akzeptieren das Establishment der Politik nicht und haben das Gefühl, dass sie nichts für sie tut. Das ist ein tiefer Vertrauensverlust in die repräsentative Demokratie. Die Menschen sehen in Trump einen Strohhalm, an den sie sich halten, der für sie die Verkörperung des ökonomischen Erfolgs ist, der Stärke repräsentiert und dem sie vertrauen. Dass er nebenbei die Regeln eines Systems bricht, das sie nicht mehr akzeptieren mögen und das ihnen fremd geworden ist, nehmen sie nicht nur in Kauf, sondern sehen es als Stärke des Kandidaten.

Warum eignet sich denn Clinton nicht als Strohhalm?

Hillary Clinton steht für eine gewisse Glätte des politischen Establishments. Sie ist zu perfekt und wirkt zu kompetent. Das sind Kategorien, die die meisten Protestwähler als Grund sehen, warum sie Trump wählen.

Sie wirkt zu kompetent?

Der Kompetenzbegriff ist in den vergangenen Jahren unterhöhlt worden. In der politischen Diskussion von vor zwanzig Jahren war der Begriff der Kompetenz von großer Wichtigkeit für die Vertrauenswürdigkeit eines Politikers und für die Frage, ob man ihn wählte oder nicht. Wenn Sie heute jemanden haben, der durch Faktenkenntnis überzeugt, dann wird er in Fernsehdebatten von einer großen Zahl von Zuschauerinnen und Zuschauern abgelehnt, weil man ihn als belehrend empfindet. Das trifft auch auf Hillary Clinton zu.

Prof. Dr. Peter-André Alt, seit 2010 Präsident der Freien Universität Berlin. © ze.tt
Prof. Dr. Peter-André Alt, seit 2010 Präsident der Freien Universität Berlin. © ze.tt

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Das hat etwas zu tun damit, dass Kompetenz oder Wissen als Merkmal von Privilegierung und als ein Grund der Entfremdung gegenüber den Wählern angesehen wird. Da wird nicht gesagt: Das Wissen hilft uns, Probleme zu lösen, sondern es wird eher wahrgenommen als etwas, was akademisch und abstrakt ist. ‘Das sind die anderen – die wissen zwar viel, aber sie können trotzdem nichts tun oder sie wollen nichts tun.’ Das ist, glaube ich, das Problem.

Welche Rolle spielen dabei die Medien, vor allem die amerikanischen Fernsehsender?

Das Problem ist, dass die Medien auf Entertainment aus sind – und Trump bietet Entertainment. Wenn man weiß, dass er in den meisten Sendungen für irgendeine Art von Ausfall oder Entgleisung sorgt, dann ist das attraktiv. Medien gehen in dem Fall danach, was ihnen Einschaltquoten beschert. Und die Leute schauen sich das an, um zu sehen, was genau passiert.

Seitdem Trumps Kampagne rasant zu scheitern begann, sprechen viele vom „Desaster Porn“ – eine gewisse Begeisterung am Niedergang des Kandidaten.

Auch das gehört dazu. Jeden Tag sind neue Formen der Ausfälligkeiten, der Rettungsmanöver zu sehen. Das ist immer unterhaltsam. Jeder Tag bietet irgendeine Trump-Schlagzeile. Es geht gar nicht mehr darum, wie er jetzt inhaltlich agiert, sondern was er ankündigt, als nächstes zu tun. Das sind die Dinge, die im Grunde genommen die Presse interessieren.

Um noch einmal auf das Böse zurückzukommen: Welche Strategien haben sich als erfolgreich erwiesen, um das Böse auszuschalten?

Die beste Methode, den Trickster auszuschalten, ist ihn zu verlachen. Und die Komik zu sehen, die darin steckt. Der Teufel ist in der Literatur an Sentimentalisierung gestorben. Er ist irgendwann eine empfindsame Figur geworden, weil er nämlich einsam ist und die Einsamkeit die Herzen der Frauen bricht. Er wurde zur erbärmlichen und mitleiderregenden Figur. Wie sie sehen, ist das keine Strategie, mit der man Donald Trump beikommen kann (lacht). Aber Lachen ist gar nicht so schlecht, glaube ich.

Mitarbeit: Kim Torster