Berlinerinnen helfen geflüchteten Frauen in den Fahrradsattel

Sich einfach in den Sattel schwingen und an den See fahren – für viele Geflüchtete ist das unmöglich. Weil es in ihren Heimatländern zu gefährlich ist, haben die wenigsten Radfahren gelernt. Die gebürtige Britin Katie Griggs gibt ihnen Unterricht.

Erstmal nur Lenker anfassen, schieben, ein Gefühl dafür bekommen, wie das Fahrrad auf Bewegungen reagiert. Und die ersten Meter im Sattel bewältigen die Fahranfängerinnen nicht allein: Ein*e Helfer*in an jeder Seite, eine*r hält hinten am Gepäckträger fest – so lässt es sich entspannt treten. Unermüdlich sausen die Helfer*innen hin und her, Runde um Runde durch den Park am Gleisdreieck in Berlin.

„Ich bin ein bisschen verlegen“, gesteht Ani Chakaryan. „Die Frauen rennen, schwitzen. Nur für mich und mein Rad.“ Zugleich strahlt sie aber, wenn sie an ihre Fahrversuche denkt. „Ich dachte, sie würden mich festhalten. Aber sie haben gesagt, dass ich es fast allein gemacht habe. Aber es fühlte sich ganz problemlos an, ich kann gar nicht glauben, dass ich das geschafft habe.“

Nicht einmal der Winter hält sie auf

Katie Griggs freut sich über Erfolgserlebnisse wie diese. Die gebürtige Britin hat die Gruppe „Cycling Lessons for Ladies in Berlin“ initiiert. Sie hatte eine Frau aus Nigeria in ihrer Wohnung aufgenommen. Die sah all die Deutschen auf ihren Rädern und wollte auch so mobil sein. Doch wo kann man in Berlin als Erwachsene*r Radfahren lernen? Katie stellte fest, dass es kaum Angebote dafür gab – und entschloss sich, das einfach selbst zu übernehmen. Inzwischen hat sie auch noch ein Crowdfunding organisiert, um Fahrräder kaufen zu können. „Zu Weihnachten habe ich meine Freunde gebeten, mir nichts zu schenken, sondern zu spenden.“

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Die Helfer*innen und Schülerinnen trotzten sogar dem eisigen Berliner Winter: Dick eingemummelt, mit Handschuhen, Mütze und Schal ging es weiter mit den Fahrstunden. Dabei geht es vor allem darum, dass die Frauen erste Erfahrungen mit dem Rad sammeln: Wie hält man das Gleichgewicht, wie bremst man? Wenn es um Verkehrsregeln geht, nehmen sie ihre Schülerinnen aber auch mal mit auf einen Verkehrsübungsplatz.

Irgendwann werden die Beine müde. Die Frauen setzen sich auf die mitgebrachten Decken, verteilen Kuchen und Tee. Das Projekt macht die Geflüchteten nicht nur mobiler und unabhängiger. Es bringt sie auch mit anderen Menschen zusammen. „Das war nicht geplant, aber aus dem gemeinsamen Ziel, Deutsch zu lernen, sind Freundschaften entstanden“, erzählt Katie Griggs. „Freunde von mir geben Deutschkurse und ich habe einigen Frauen bei der Wohnungssuche geholfen.“ So wird aus einfachen Fahrstunden ein Integrationsprojekt.

Inzwischen nutzen aber nicht nur Geflüchtete das Angebot. Auch andere Frauen kommen dazu, wie Ani. Ihre Heimatstadt Yerevan ist viel zu hügelig, um zu radeln. In Berlin ist das anders. Die Armenierin kam als Studentin nach Deutschland, inzwischen arbeitet sie in Potsdam. Nun möchte sie auch endlich Radfahren lernen. Weil es so umweltfreundlich ist – und weil sie mit ihren Freund*innen gemeinsam an den See radeln und nicht immer als einzige mit der Bahn fahren will.