Bettenlager, Diskussionen und viel Mate: Wie Berliner Studierende die Uni besetzen

Seit der Entlassung des Dozenten Andrej Holm besetzen mehr als 100 Studierende das Institut für Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Wie organisieren sie sich – und mit welchem Erfolg? ze.tt gibt einen Überblick.

Am sozialwissenschaftlichen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin. Foto: ze.tt

„Die Entlassung von Andrej Holm war nur der zündende Funke“, erklärt Lara*, 25. Wir sitzen mit der Studierenden im Kellergeschoss der Humboldt-Universität in Berlin, um uns herum sind Bettenlager aufgeschlagen. Auf dem Tisch stehen angebrochene Wein- und Mateflaschen, Laptops und das Besatzungsmanifest. Wir befinden uns im Hauptquartier der Besetzer*innen.

Als die HU bei der offiziellen Pressekonferenz am 18. Januar bekannt gab, den Dozenten und bekannten Gentrifizierungsforscher Andrej Holm zu entlassen, mobilisierten circa 30 Studierende der Initiative Uni von unten Unterstützer*innen, um das Institutsgebäude zu besetzen. Es hatte sich viel Wut und Unzufriedenheit über die Entscheidungen und das Handeln der universitären Leitung angestaut. „Wir konnten es nicht mehr tatenlos hinnehmen, dass die Uni dauernd über unsere Köpfe hinweg Entscheidungen fällt“, sagt Lara.

Der Konflikt um Andrej Holm, der aufgrund der Vorwürfe seiner Stasi-Vergangenheit erst aus der Regierung ausschied und daraufhin an der Universität gekündigt wurde, genießt große mediale Aufmerksamkeit. Mehr Leid als Segen für Holm: Erst durch die Medien bauschte sich der Konflikt so richtig auf. Doch längst geht es bei der Besetzung nicht mehr nur um die Entlassung Andrej Holms.

Die Studierenden fordern:

  1. …dass Holm bleibt
  2. mehr Mitbestimmung im universitären Kontext
  3. Stadtpolitik im Interesse der Mieter*innen statt der Investor*innen

Täglich organisiert die Programm-Arbeitsgruppe Seminare, Vorträge oder Diskussionen zu Holm, Stadtpolitik oder Hochschulpolitik.

„Holm geht – wir bleiben“

Die Besetzung war vorerst für zwei Tage geplant, die von der Institutsleitung auch offiziell geduldet wurde. Die Studierenden schlugen ihre Bettenlager im Untergeschoss auf, hingen ein Banner mit der Aufschrift „Holm geht – wir bleiben“ an den Eingang und malten Putzpläne. „Ich dachte ja selbst, dass wir nur das Wochenende durchhalten würden“, sagt Carla*, 22, Philosophie und Sozialwissenschafts-Studentin. „So eine Besetzung erfordert eine Menge Organisation, Engagement und Motivation.“

Doch die Studierenden wurden immer mehr: Bis zu 200 Besetzer*innen gehen ein und aus. Unter ihnen sind auch Studierende von anderen Universitäten, die sich mit den Humboldt-Studierenden solidarisieren.

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Mittlerweile ist hier ein Besetzungsalltag eingetreten: Als wir um zwölf Uhr das Institut betreten, laufen wir an Orga-Plänen vorbei in den ehemaligen Lesesaal, wo Studierende gemütlich Kaffee trinken und Stullen schmieren. Auf den Tischen stapeln sich gerettete Lebensmittel, die später vom Kochteam zu veganen Mahlzeiten verkocht werden.

Eine Besetzung erfordert viel Organisation

Lara, Carla und Philipp*, die Teil des 20-köpfigen Presseteams sind, verabschieden sich gerade von einer Journalistin des Deutschlandfunk. „Neben dem Presse- und Kochteam gibt es noch weitere Arbeitsgruppen, die sich um Haushalt, inhaltliches Programm, Aktionen, Infrastruktur und Koordination der Arbeitsgemeinschaften kümmern“, erklärt Lara. „Einmal am Tag kommen alle zusammen zur basisdemokratischen Vollversammlung, um über wichtige Entscheidungen im Konsens abzustimmen. Das ist natürlich anstrengend, aber nur so können wir jeder*m eine Stimme geben.“

Für alle drei ist es die erste Besetzung. So einen wirklichen Plan hatten die Besetzer*innen nicht: Doch mit einer Menge Koordination und Engagement wurde die Besetzung erfolgreich – solange sich alle an die aufgestellten Awareness-Regeln und Putzpläne halten und das Institut mitspielt. Die Studierenden, von denen einige politisch aktiv ist, brachten ein gutes Netzwerk und und Organisationskompetenzen mit.

Leben wie in einer Wohngemeinschaft

„Hier ist eine sehr geborgene und familiäre Stimmung. Ich fühle mich wie Zuhause“, sagt Erstsemestler Philip, 20. Erst seit einem halben Jahr wohnt er in Berlin und lernt durch die Besetzung viele Menschen kennen. Negative Konsequenzen auf ihre Leistung fürchten die drei nicht. „Es kennt mich sowieso kein Professor persönlich. In diesem Sinne ist die herrschende Anonymität an einer großen Uni wie der Humboldt-Universität von Vorteil,“ sagt Philip. „Außerdem sind die meisten von uns sowieso positiv gestimmt. Viele erinnert es an ihre eigene Hausbesetzer*innen-Zeit“, fügt Ines hinzu.

Doch was kann die Besetzung wirklich bewirken? Dass die Uni sich allein wegen des Engagements der Studierenden im Fall Holm umentscheidet, ist sehr unwahrscheinlich. „Es geht uns darum, zu zeigen, dass es uns nicht scheißegal ist, was da abgeht. Für uns ist das hier gelebte Demokratie. Wir müssen halt unbequem werden, um gehört zu werden“, sagt Lara.

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Dass Studierende unbequem wurden, ist schon eine Weile her: Das letzte Mal besetzten 2011 Studierende ein Gebäude der Freien Universität Berlin. Doch das Präsidium ließ die Silberlaube schon nach wenigen Stunden räumen, woraufhin es Protest hagelte. Dass bei Unibesetzungen die Polizei eingeschaltet wird, ist unüblich, schreibt die taz.

Als wir nach oben gehen, laufen wir an weiteren Bannern vorbei. Sie fordern: „Revolution!“, „Stadt von unten!“ und „Squat the world“. Es herrscht organisiertes Chaos. Eines, das sich hoffentlich lohnen wird.

* Namen von der Redaktion geändert, weil die Studierenden Wert darauf legen, keine Einzelpersonen herauszustellen, sondern als geschlossene Gruppe aufzutreten.

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