Beziehung meint immer nur „oldschool“ – über die Neuinterpretation eines antiquierten Modells

Eine Beziehung haben wird in dieser Gesellschaft als anzustrebendes Ideal betrachtet. Dass dieses Modell jedoch überholt ist, zeichnet sich spätestens seit Diagnosen wie „Generation Beziehungsunfähig“ ab.

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Warum beschränken wir den Begriff "Beziehung" nur auf unsere*n Partner*in? Die beste Freundin ist mindestens genauso viel wert. © Rike./photocase.de

Es gibt wenige Dinge, die mir so sehr auf die Nerven gehen wie das Wort „Beziehung“. Ich brauche nur ein x-beliebiges Magazin aufzuschlagen und werde sofort bombardiert mit diesen Worten:. „Generation Beziehungsunfähig“ oder „9 Tipps für eine glücklichere Beziehung“ oder „Was macht eine gute Beziehung aus?“ oder auch „Perfekte Beziehung: Diese Gemeinsamkeiten tun der Liebe gut.“

Da ist von „Beziehungsarbeit“ die Rede und es wird erörtert, wann irgendetwas Beziehung und wann es noch Freundschaft (plus) ist. Für alle, die dann gar nicht mehr weiter wissen, gibt es jetzt die „Nicht-Beziehung“, die deshalb so toll ist, weil man keine Verpflichtungen dem anderen Gegenüber hat. Aber auch die hat ihre Tücken, weil dann doch immer einer aus dieser Nicht-Beziehung eine Beziehung machen möchte.

Nicht-Beziehungen sind die neuen Beziehungen – und das ist gefährlich

Scheint also gar nicht so einfach zu sein mit dieser „Beziehung“ nach der alle suchen und suchen sollen.

Ich schüttele mit dem Kopf und weiß mir nicht mehr zu helfen. Fragt mich jemand, ob ich in einer Beziehung bin, sage ich, dass ich in vielen Beziehungen bin. Fragt mich jemand, ob ich einen Freund habe, antworte ich, dass ich nicht nur einen Freund habe, sondern, dass ich viele Freund*innen habe. Mein Gegenüber runzelt meistens die Stirn. Und dann erkläre ich, was ich meine:

Der Philosoph Michel Foucault sagte vor ein paar Jahrzehnten in einem Interview: „Wir leben in einer rechtlichen, sozialen und institutionellen Welt, in der nur sehr wenige, extrem schematisierte und äußerst arme Beziehungen möglich sind.“ Ich gebe ihm vollkommen Recht und stelle fest: geändert hat sich seitdem nichts.

Denn, was wird heute unter einer „Beziehung“ verstanden? Eine länger oder kürzer dauernde zumeist monogame Verbindung zwischen zwei Menschen, die auf so etwas wie einer gelungenen Verknüpfung von Liebe und Sex basiert. Mittlerweile ist man zwar zum Glück so weit, dass eine „Beziehung“ zwischen den unterschiedlichsten Geschlechtern geschlossen werden und sogar teilweise als geöffnete unter dem Konzept der Polyamorie auch mehr als zwei Beteiligte beinhalten kann.

10 Sätze, die ich als polyamorer Mensch nicht mehr hören kann

Doch eines bleibt trotzdem: in einer Beziehung sollen Liebe und Sex aufs Höchste verschmelzen. Und darüber hinaus: Der/die Partner*in soll mir als Person sowohl qualitativ als auch quantitativ absolute und allerhöchste Aufmerksamkeit schenken. Mein*e Beziehungspartner*in trägt Verantwortung für mich mit und ich habe das Recht eine Menge Dinge von ihm/ihr einzufordern, die ich von anderen mich umgebenden Menschen nicht einfordern kann/darf/soll.

Wir machen uns das Leben mit „der einen Beziehung“ viel zu schwer

Für mich klingt dieser Katalog nach Überforderung. Das alles sind zu viele Erwartungen an einen Menschen. Kein Wunder also, dass sich eine Generation mit dem Befund beziehungsunfähig identifiziert.

Wenn man dieses Modell „Beziehung“ mit ein bisschen Distanz betrachtet, merkt man plötzlich wie wir uns mit ihm das Leben selbst schwer machen. Denn warum kann man all diese Erwartungen, die an diese eine „Beziehung“ mit diesem (meistens) einen Menschen gestellt werden, nicht auf mehrere Menschen aufteilen?

Die Erwartungen, die man an das Modell „Beziehung“ richtet sind ja per se nicht falsch. Sie existieren aus gutem Grund und wollen erfüllt werden. Aber nur von einer Person? Nein. Ja, es ist notwendig, dass da Personen sind auf die wir uns zu hundertprozentig verlassen können – denn darum geht es doch, wenn man es genau betrachtet: um Verlässlichkeit und Verantwortung für die andere Person, für andere Personen.

Menschen, denen ich nachts schreibe, dass es doch noch später wird. Menschen, die auf mich warten. Menschen, die morgens mit mir aufwachen. Menschen, bei denen Geld keine Rolle spielt. Menschen, mit denen die komplexe, unübersichtliche Welt ein Stück einfacher wird. Menschen, mit denen ich meine Interessen teilen und meine Gedanken austauschen kann. Menschen, mit denen ich eine emotionale Verbindung habe.

Menschen, die mich unterstützen und die mich so akzeptieren wie ich bin. Menschen also, denen ich vertrauen kann, die Verantwortung für mich übernehmen und auf die ich mich verlassen kann. Und genauso andersherum. Das heißt, das, was meistens neben Sex und Liebe in einer „Beziehung“ gesucht wird, ist eben nicht nur Sex und Liebe, sondern noch viel mehr.

Freundschaften werden immer wichtiger sein als mein Partner

Aber genau diese Ansprüche können doch von mehreren Personen realisiert werden; Personen, denen meistens mit dem Label Freunde und Familie eine geringere Priorität eingeräumt wird. Aber Liebe, Sex und Verantwortung sind keine endlichen Ressourcen, sondern vielmehr unendlich, aufteilbar und können unterschiedliche Nivellierung annehmen.

Nichts ist für die Ewigkeit in Stein gemeißelt. Auch nicht das, was wir unter Liebe verstehen und vor allem nicht wie wir Gefühle von Liebe organisieren. Früher vermittelte die Institution Ehe Sicherheit und Verlass. Die Gefühle der romantischen Liebe fanden dann allerdings meistens außerehelich statt – wie in den letzten Jahren am eindringlichsten die Soziologen Eva Illouz mit ihrem Buch Warum Liebe weht tut nachgewiesen hat.

Diese Generation ist alles andere als beziehungsunfähig

Heute soll hingegen alles zusammen funktionieren – und das funktioniert natürlich nicht. Ein Modell ist nur so lange gut, so lange ich mich mit ihm identifizieren kann und so lange es für mich funktioniert. Dass dieses Modell der „Beziehung“ scheinbar nicht mehr so wunderbar funktionieren zu scheint, sehen wir unter anderem an all den Ratschlägen aus Magazinen und Psychologieratgebern und eben solchen Diagnosen wie das der Generation Beziehungsunfähig. Vielleicht reicht es also nicht mehr aus, dass sich die Menschen an ein Modell anpassen. Das Modell muss an die Menschen angepasst werden.

Letztlich ist diese Generation doch eigentlich alles andere als beziehungsunfähig. Diese Generation führt so viele unterschiedliche Beziehungen zu allen möglichen Menschen auf den unterschiedlichsten Kanälen. Doch diese Beziehungen, wie beispielsweise Freundschaft und Familie, erhalten überhaupt keine Chance etwas anderes zu sein als der eingeschränkte Inhalt mit dem sie heutzutage bei den meisten Menschen belegt sind.

Es gibt eine Wertigkeit zwischen „Beziehung“, Freundschaft und Familie, die ersteres ab einem bestimmen Alter eindeutig Vorrang einräumt und sie als zu suchendes Ideal ausweist – und das nicht nur sozial, sondern eben auch rechtlich und politisch. Dass diese drei aber vielleicht gar nicht so unterschiedlich sind, sondern nur zu unterschiedlichen Dingen gemacht werden, darüber gilt es nachzudenken.

Passionate Relationship

Und wie immer kann man von denen lernen, die in der Öffentlichkeit mit ihren Lebensmodellen kaum oder wenig vertreten sind: die LGBQT-Community. Da gibt es schon lange andere Modelle von zwischenmenschlichen Beziehungen. Freunde, die als Familie begriffen werden. Kinder, die von zwei Menschen aufgezogen werden, die nicht miteinander schlafen.

Kinder, die von mehr als zwei Eltern aufgezogen werden. Menschen, die für einander verantwortlich sind, aber keine romantischen Gefühle zueinander hegen. All das sind Formen, die die von mir schon als traditionell bezeichnete „Beziehung“ zu ersetzen versuchen, weil sie nicht in die Realität der betreffenden Personen passen.

Die Queer Theory hat in den letzten Jahren einen Begriff aus der Geschichte neu aufgegriffen: passionate relationship. Damit wird eine Form der Beziehung beschrieben, die meistens aus gleichgeschlechtlichen Freundschaften entsteht, bei der zwei Menschen eine starke emotionale Verbindung zu einander hegen, aber die sexuelle Komponente wegfällt ⨪ um nur ein Beispiel zu nennen wie es anders möglich sein kann.

Wir müssen die Ränder von Liebesbeziehung, Freundschaft und Familie aufweichen und jeder sollte für sich selbst herausfinden dürfen, welche Form von Beziehungen mit welchen Elementen er mit welcher Person gestaltet.

Ich wünsche mir, dass Freundschaft, Familie und „Beziehung“ einmal ordentlich durchgeschüttelt und neu belegt werden, so dass das, was mit „Beziehung“ bezeichnet ist, sich nicht nur auf diesen einen Partner bezieht. Ich brauche keine Tipps, wie eine Beziehung glücklicher sein kann und keinen Test, mit dem ich herausfinden kann, ob x und ich nun Freundschaft plus oder schon eine Beziehung haben.

Es geht um ein großes Netz von Menschen, die mir nah sind, die ich liebe, für die ich Verantwortung übernehme und die Verantwortung für mich übernehmen. Doch damit sich da was ändern kann, muss an vielen Stellen etwas getan werden: Wir müssen den anderen Menschen die Chance geben, das für uns zu werden, was wir normalerweise nur dem/der Partner*in zugestehen mit dem/der wir eine „Beziehung“ eingehen.

Generation Beziehungsunfähig? Schon die alten Griechen kamen mit Sex und Liebe nicht klar

Wir müssen uns öffnen und vor allem Kompromisse eingehen. Wir brauchen neue rechtliche Regelungen, die anderen Formen von menschlicher Verantwortung mehr Raum und Wert geben. Wir brauchen einen anderen Diskurs darüber, wie menschliche Beziehungen verstanden werden können und nicht länger Tipps, wie man etwas retten kann, was nicht mehr zu retten ist.

Dann wird aus einer an einem heteronormativen Ideal hängenden Generation Beziehungsunfähig vielleicht eine Generation, die erkennt, wie beziehungsfähig sie eigentlich ist, wenn sie es nur zulassen würde. Denn das Einzige, was klar ist: Ohne menschliche Beziehungen geht es nun mal nicht. Selbst in einer Generation Beziehungsunfähig.