Beziehungsunfähig? Schöne Ausrede.

Die Liebe fürs Leben gibt’s doch gar nicht mehr, denken viele junge Menschen. Falsch, sagt Anna Stock. Wir müssen nur bereit sein, für unsere Beziehungen zu arbeiten.

© arthurbraunstein / photocase.de

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Was ist aus der beständigen, existenziellen Liebe geworden? Auf jede Trennung folgt irgendwann eine neue Beziehung, welche über kurz oder lang auch wieder scheitert. Meist gibt es nicht mal einen konkreten Grund, der die Eskalation erklären könnte. Nein, es passiert einfach. Die Beziehung plätschert dahin – ins Nirgends – ohne, dass wir es so wollen. Steht es womöglich gar nicht in unserer Macht, dieses Dilemma zu verhindern, weil jede Beziehung früher oder später endlich ist?

Die Beweislage ist erdrückend: Wir sind nachweislich beziehungsunfähig. Zumindest wenn man Literatur und Wissenschaft Glauben schenkt. Nicht umsonst diskutiert Michael Nast in seinem Buch „Generation beziehungsunfähig“, ob die Liebe nur ein Mythos ist. Paartherapeut Ulrich Clement zufolge ist es sogar wahrscheinlicher, dass eine Beziehung scheitert, als dass sie hält. Unzählige Beispiele aus dem wahren Leben bestätigen das.

Offensichtlich schaffen wir es nicht, eine Beziehung dauerhaft aufrecht zu halten. Wäre Beziehungslegasthenie eine wissenschaftlich anerkannte Krankheit, hätten die meisten unter uns wohl eine umfangreiche Patientenakte. Und einen zertifizierten Beweis dafür, dass sie für ihre Beziehungseskapaden gar nicht verantwortlich sein können.

Beziehungen 4.0

Vielleicht sollten wir uns einfach damit abfinden, dass wir nicht beziehungsfähig sind. Dass jede Beziehung endlich ist und uns nur für begrenzte Zeit Glück und Erfüllung bringt. Dass unser Liebesleben lediglich aus einer Aneinanderreihung von Beziehungen besteht, die alle irgendwann ihr Haltbarkeitsdatum erreichen. Ein lebenslanges „Beziehungs-Hop-on-Hop-off“.

Aus der Traum von der echten, bedingungslosen Liebe? Wenn man sich die vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Scheidungsraten der letzten Jahre vor Augen hält (166199 in ganz Deutschland, Stand: 2014) und bedenkt, wie „Liebe“ heutzutage interpretiert und gelebt wird, wahrscheinlich schon: Friends-with-benefits, On-Off- oder reine Zweckbeziehungen – die Beziehungsmodelle 4.0 sozusagen. Ewige Liebe war gestern und scheint in der modernen Welt nichts weiter als eine naive Wunschvorstellung zu sein.

[Außerdem auf ze.tt: Warum wir neue Regeln für die Liebe brauchen]

Oder machen wir es uns damit zu einfach? Was sind schon Zahlen und Statistiken? Sie bilden lediglich ab, was punktuelle Untersuchungen herausgefunden haben – ein Ergebnis also. Wie es dazu gekommen ist, bleibt dabei unbeachtet. So kann es durchaus sein, dass wir fähig sind, eine Beziehung zu führen, unser Problem aber darin liegt, unsere vorhandenen Beziehungskompetenzen richtig einzusetzen. Und deswegen immer wieder im Liebesdilemma stecken.

Risiko oder Sparflamme?

Der Kampf um die wahrhaftige Liebe ist kein Phänomen der Vergangenheit. Selbst heutzutage wünschen wir uns insgeheim, irgendwann ein 80-jähriges Pärchen zu sein, das Händchen haltend und Enten fütternd gemeinsam durch den Park spaziert. Und trotzdem handeln wir völlig gegensätzlich.

Aus Furcht vor dem Scheitern machen wir um Risiken grundsätzlich einen großen Bogen. In Beziehungen investieren wir gefühlsmäßig lieber weniger, um die Kontrolle zu bewahren und uns bloß nicht vom Anderen abhängig zu machen. Das wäre ja quasi wie Selbstaufgabe. Dadurch sorgen wir unterbewusst zwar für ein Gefühl von Sicherheit, weil wir glauben, alles in der Hand zu haben, lassen uns aber nie vollständig auf die andere Person ein. So dass wir letzten Endes eigenhändig das Grab einer jeden Beziehung schaufeln. Und somit ihr Verfallsdatum bestimmen.

Erklären kann man dieses Verhalten lediglich damit, dass der Mensch nun mal ein bequemes Gewohnheitstier ist und sich an seine Konstanten im Leben klammert. Sicherheit geht vor. Vor allem in einer Welt, in der wir nicht wissen, was uns morgen erwartet. Wer sich da zusätzlich noch auf die Unsicherheit in der Liebe einlässt, ist verrückt und mutig zugleich. Aber dadurch besteht die Chance, diese eine beflügelnde Liebe zu erfahren, die Zeit und Raum überwinden kann. Der feige Rest lebt lieber risikolos auf Sparflamme.

Nobody is perfect

Auch in Liebesdingen ist weniger manchmal mehr – besonders wenn es um Ansprüche und Erwartungen geht. Nicht, weil wir beziehungsunfähig sind, sondern weil wir uns aus Narzissmus und Perfektionismus ein unrealistisches Bild von der idealen Beziehung und dem perfekten Partner ausmalen und erwarten, dass unsere Beziehung in jedem Moment diesem Maßstab entspricht.

Sobald unser Anspruch nicht erfüllt wird, fangen wir an zu zweifeln. Aber mal ehrlich, als ob ein Paar 60 Jahre lang Händchen haltend und Enten fütternd nur Friede, Freude, Eierkuchen erlebt? Ganz im Gegenteil. Doch im Gegensatz zu unserer Generation wussten die Liebenden der Vergangenheit, was wichtig ist: Durchhaltevermögen beweisen, eine Krise einfach mal ertragen und auf das Gute vertrauen.

Wir dagegen halten arroganterweise vieles für selbstverständlich: Dass der Partner zu uns hält, durch Höhen und Tiefen mit uns geht, wir uns wohl und geborgen fühlen und in der Beziehung einfach wir selbst sein können. All das wird von unserer Idealvorstellung in den Schatten gestellt, vor allem in Krisenzeiten. Durch das Streben nach Besser, Toller und Unkomplizierter realisieren wir nicht, wie glücklich wir uns eigentlich schätzen sollten und geben letztendlich sogar die eine Beziehung auf, die ganz nah an unser Ideal herankommt.

[Außerdem auf ze.tt: Anna möchte keinen Freund!]

Anstatt zufrieden zu sein, einfach zu genießen, das Leben mit einem anderen Menschen teilen zu können, grätschen wir uns regelmäßig selbst ins Spiel. Wollen wir einfach nicht glücklich sein? Aus unseren Fehlern lernen? Wieso lassen wir sonst immer wieder zu, dass Argwohn und Zweifel Überhand nehmen? Das Positive in den Schatten stellen?

Selbstverständlich ist es schwer, negative Umwelteinflüsse von einer Beziehung fern zu halten und unsere Gefühlslage dadurch nicht trüben zu lassen. Umso mehr sollten wir uns bewusst machen, dass Gefühle und Gedanken nur Momentaufnahmen sind, die von Tag zu Tag variieren, und allen voran nicht zu einem Trugschluss über den Partner oder die Beziehung führen sollten.

Ist meine Generation noch zu retten?

Doch genau an diesem Punkt machen die meisten Paare den großen Fehler, dass sie den Ursprung allen Übels in der Beziehung und eine Trennung als einzigen Ausweg sehen. Dass dabei das Übel in ihrer eigenen Einstellung steckt und die Beziehung nur der Kollateralschaden ihres Irrtums ist, erkennen sie nicht. Das sind letztendlich auch diejenigen Paare, die sich trennen, ohne einen nachweislichen Grund zu haben – ohne es eigentlich zu wollen.

Das Allerschlimmste ist jedoch, dass wir aus Arroganz und Selbstüberschätzung glauben, über all dem zu stehen. Liebe in ihrer hingebungsvollen, aufopfernden Form nicht nötig zu haben und anstatt dafür zu kämpfen, lieber nach Ausreden suchen: „Das war Schicksal, es sollte nicht sein.“ oder „Sie war einfach nicht die Richtige“.

[Außerdem bei ze.tt: Wenn er sein Netflix-Passwort rausrückt, weißt du, dass es Liebe ist]

Wir wollen nicht wahrhaben, dass wir Tag für Tag eigenhändig an unserem Teufelsrad drehen und damit jeder Studie über Beziehungslegasthenie die nötige Grundlage schaffen. Jeder ist bekanntlich seines eigenen Schicksals Schmied und dieses Dilemma ist definitiv uns zuzuschreiben.

Sind wir noch zu retten? Ja, sind wir. Aber von nichts kommt nichts. Wer das erkennt, aber nichts ändert, wird sein Leben lang auf Sparflamme lieben. Um sie lodern zu lassen, müssen wir akzeptieren, dass wir nicht wissen können, was die Zukunft für uns bereithält. Nur so haben wir die Chance auf bedingungslose, existenzielle Liebe ohne Verfallsdatum, auf Händchen halten und Enten füttern.