Biete Wohnung, suche Dominanz: Meine Begegnung mit einem devoten Mann

Unsere Autorin bekam das Angebot, gratis bei Martin in Berlin zu wohnen. Er wollte dafür ganz entspannt im Alltag dominiert werden.

„Ich bin kein Masochist.“ © Unsplash / Greyson Joralemon / CC0

Ich stehe am Alexanderplatz bei der Weltuhr und warte auf einen Typen in schwarzer Hose und grauem T-Shirt. Er sei heute lässig gekleidet, meinte er zuvor per Mail. Ich ärgere mich, nicht mehr Merkmale abgesprochen zu haben und bin mittlerweile etwas nervös. In den vergangenen Tagen habe ich mir viele Gedanken gemacht, wie Martin wohl sein würde, wie er aussieht, wie er spricht.

Bevor ich nach Berlin ging, war ich lange auf Wohnungssuche und der Verzweiflung schon ziemlich nahe. Jeden Tag verschickte ich zig Mails an Wohnungsangebote, in der Hoffnung eine WG zu finden. Irgendwann entschied ich mich, ein Gesuch auf einer Plattform zu posten. Die meisten Antworten waren sinnlos oder einfach nur dumm. Dann erschien eine Mail von Martin* in meinem Postfach, in der er mir anbot, gratis bei ihm zu leben. Er besitze aber nur ein Zimmer und so einige Wünsche und Vorstellungen für das gemeinsame Zusammenleben.

„Sicherlich fragst du dich jetzt, warum du keine Miete zahlen musst und auch die Verpflegung frei ist.“ © Screenshot Mail

Zuerst war ich überrascht und irgendwie auch ziemlich schockiert. Gleichzeitig konnte ich aber auch nicht mehr aufhören darüber nachzudenken. Ich wollte wissen, wer der Mensch hinter dieser Mail, hinter diesem Wunsch war. Schließlich antwortete ich Martin, dass ich sexuell anders ticke und darum wohl keine ideale Mitbewohnerin für ihn wäre, aber dass ich ihn sehr gerne treffen und interviewen würde. Zu meiner Überraschung sagte er dem Treffen zu. Bis zum letzten Moment war ich überzeugt, dass er doch noch absagen würde.

Und nun steht er vor mir: Glatze, T-Shirt, Silberkettchen, Dreitagebart. Mit einem Aktenkoffer in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand. Er sieht älter als 36 aus, vermutlich weil sein Bart schon ergraut. Er begrüßt mich mit Küsschen links, Küsschen rechts. Wir gehen nebeneinander über den Alexanderplatz. Es regnet in Strömen. Bis wir einen freien Patz in einem Café finden, reden wir über das Wetter.

Wir nehmen auf roten Plüschsesseln Platz, über uns Kronleuchter aus Plastik. Aus den Boxen schallt Justin Bieber. Martin erzählt mir von seinem Job in der Finanz- und Steuerberatung. Heute war er bei einem Mandanten zu Hause, darum trage er auch keinen Anzug. Ich komme über den Gedanken nicht hinweg, wie normal, ja durchschnittlich er ist. Martin ist der Typ Mann, neben dem man jeden Morgen in der S-Bahn steht. Doch ganz so durchschnittlich ist Martin nicht, schließlich hat er mir in seiner Mail ja so einiges über sich verraten.

Die meisten Frauen wollen selbst unterdrückt werden

Schnell sind wir beim Thema. Martin ist ein Switcher, wie er es nennt. Das bedeutet, dass er sowohl devot als auch dominant veranlagt ist. In den bisherigen Beziehungen war er immer der dominante Part, darum ist er mittlerweile nur noch auf der Suche nach dominanten Frauen. „Die meisten Frauen sind aber sexuell devot veranlagt und das mit vielen Bedingungen.“ Es sei schwer, Frauen zu finden, die Spaß an Dominanz haben.

Seine ehemalige Mitbewohnerin war so jemand. Über eine gemeinsame Freundin lernte er die 24-Jährige aus Russland kennen. Sie hatte bereits in Berlin studiert und arbeitete in einem Büro. Als sich ihre WG in Berlin auflöste, wusste sie nicht wohin und so bot ihr Martin an vorübergehend bei ihm zu wohnen. „Nach drei Wochen suchte sie immer noch nicht nach einer Wohnung und ich sprach sie darauf an.“ Dann erklärte sie ihm, dass sie Seile, Handschellen, Paddeln und Knebeln in seinem Schrank gefunden hätte und diese gerne ausprobieren möchte. „So hat sich das zwischen uns durch Zufall entwickelt.“

Martin experimentierte bereits mit seiner Exfreundin in Richtung BDSM – Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism und verfügte über viel Wissen und Erfahrung. „Wir kippten langsam rein. Es machte uns beiden großen Spaß“, erklärt Martin und nimmt einen großen Schluck von seinem Kaffee. Er spricht langsam und leise, in starkem Berliner Dialekt. Schließlich sind derartige Gespräche nicht für das ganze Lokal bestimmt.

Das erste halbe Jahr teilten sich die beiden zwar das Bett in der Zweizimmerwohnung, aber außer Unterdrückung lief nichts. Keine Küsse, kein Sex, nichts. Um ihr Spiel anzuheizen, stellten sie Regeln auf: An gewissen Tagen die Woche musste Martin ihr Kaffee ans Bett bringen, abends für sie kochen, ihr jeden Tag ein Kompliment machen, Wäsche waschen und vieles mehr. Sie bestimmte auch die Freizeitgestaltung: „Wenn sie Cocktails trinken gehen wollte und ich müde war, musste ich trotzdem.“

Im Grunde geht man normal miteinander um, aber wann immer du willst, kannst du dich als Prinzessin fühlen und bedienen oder verwöhnen lassen.“

Martin erzählt mir von vielen Beispielen und versucht mich so zu überzeugen, wie schön diese Machtspiele für die Frau sein können: „Stell dir vor, du redest am Abend mit deinem Mitbewohner über Gott und die Welt und stellst fest, dass dir eine Fußmassage gut tun würde und dein Mitbewohner geht auf Kommando auf die Knie und massiert dir die Füße. Oder du wünschst dir nach einem langen Tag ein Bad mit Sekt und Kerzen, schreibst unterwegs deinem Mitbewohner und wenn du nach Hause kommst, ist alles vorbereitet.“ Im Grunde gehe man normal miteinander um, wann immer man aber wolle, könne man sich als Prinzessin fühlen und bedienen oder verwöhnen lassen.

Der große Unterschied zu Beziehungen ist natürlich, dass der*die andere nicht nein sagen kann, denn für den dominanten Part gibt es keine Zurückweisung. Hält sich der devote Part nicht an die Regeln, wird er bestraft. Mit Fesseln, Schlägen oder Kerzenwachs. Die Grenzen dabei werden zuvor abgesprochen. „Wir haben kein Codewort abgesprochen, da wir es so als reizvoller empfanden. Aber wir haben sehr wohl Tabus festgelegt. Verboten waren: dritte Personen, alles was mit Blut oder Nadeln zu tun hat, Kaviar und Natursekt.“

Nach einem halben Jahr begannen die beiden auch miteinander zu schlafen und starteten eine Beziehung. Wirklich verliebt waren sie beide nicht, erklärt Martin. Sie teilten sich viel eher eine Wohnung und ein gemeinsames Hobby.

Devote Männer

Im Duden wird die devote Veranlagung so beschrieben: „Bereit zur Steigerung des Lustgewinns sadistische Handlungen an sich vornehmen zu lassen“. Spätestens seit dem Erfolg des Romans Fifty Shades of Grey ist devotes und dominantes Verhalten im Bett in aller Munde angekommen. Im Film besetzt aber die Frau die sexuell unterwürfige Rolle. Generell wird oft vergessen, dass Männer genauso devot veranlagt sein können und dadurch nicht weniger männlich sind. „Ich sehe mich durch die Unterdrückung nicht als weniger als Mann, ganz im Gegenteil“, erklärt Martin.

Und trotzdem sind die ursprünglichen Rollenbilder in unserer Gesellschaft immer noch tief verankert. Bereits der Psychiater Richard von Krafft Ebing leitete in seinem Hauptwerk Psychopathia Sexualis im 19. Jahrhundert sein Verständnis für Masochismus von gesellschaftlichen Konventionen ab. Er ordnete die männliche Unterwerfung unter eine Frau als Perversion ein. Sie widerspreche der sozialen Rolle des Siegers und Beschützers. Masochismus bei Frauen hingegen sei eine Steigerung ihres ohnehin natürlichen Wesens der Unterordnung. Demzufolge waren auch nur die Frauen in seinen Fallbeispielen devot. Heute sind wir zum Glück an einem Punkt in der Gesellschaft angekommen, an dem das Devotsein kein weibliches Attribut mehr darstellt. Martins Freund*innen wissen trotzdem nichts von seiner Neigung. „Ich kann nicht einschätzen, wie sie reagieren würden und wenn es einmal raus ist, kann ich es nicht mehr zurücknehmen.“

„Ich bin kein Masochist“

Dabei ist Martin die Unterscheidung zwischen BDSM und Sadomasochismus (SM) wichtig. Denn er sei kein Masochist, ihn errege nicht der Schmerz, wie es bei SM der Fall ist. Er nimmt Schmerz viel eher für die Verschiebung von Machtverhältnissen in Kauf. „Jeder, der schon mal jemanden ans Bett gefesselt hat, hat jemanden dominiert“, meint er.

Was ist nun aber der Reiz an dieser Unterdrückung? Der dominante Part müsse zu Beginn viel Mut aufbringen und sagen, was er will, dadurch werde er*sie selbstsicherer, erklärt mir Martin. Der devote Part bekomme davon einen Nervenkitzel. „Natürlich geht es auch um eine Abgabe von Macht und Kontrolle, ich überlasse damit jegliche Entscheidungen der anderen Person“, erklärt er. „Meine Mitbewohnerin fesselte mich zum Beispiel ans Bett, verband mir die Augen, knebelte mich und sagte mir nicht, wann sie zurückkommen würde. Zu Beginn setzt Entspannung ein, dann werde ich unruhig und will raus. Irgendwann beginnt der Kick.“

Nach einem Jahr war dann Schluss mit dem Zusammenleben und dem gemeinsamen Hobby, denn das Visum von Martins Mitbewohnerin wurde nicht verlängert. Darum war Martin auch wieder auf der Suche und hat unter anderem mir geschrieben. Seit Ende Mai hat er eine neue Mitbewohnerin. Eine 30-jährige Studentin aus Köln lebt nun bei ihm. Martin ist aber nicht sehr zufrieden, denn sie würden ihren gemeinsamen Start nicht so wirklich finden, meint er. Natürlich denke er an die Zeit mit seiner ehemaligen Mitbewohnerin zurück. Wie sie ihn im Wald mit Handschellen fesselte und erst wieder losmachen wollte, als er ihr die Füße küsste. Wenn Martin davon erzählt, grinst er verstohlen über das ganze Gesicht.


In der Serie „Sex am Schreibtisch“ schreibt unsere Autorin regelmäßig über Sex im Alltag. Manchmal über ihren eigenen, meistens über die Bettgeschichten von anderen. Ihr habt Erfahrungen, Ideen oder Vorschläge? Dann schreibt ihr gerne eine Mail.

*Name geändert

Außerdem auf ze.tt