Bill Kaulitz heißt jetzt BILLY und macht irgendwas mit Mode und Musik

Vergangenen Mittwoch stellte der Tokio Hotel-Frontmann Bill Kaulitz in Berlin Mitte sein neues Soloprojekt vor. Bill heißt jetzt BILLY und ist ein völlig neuer Mensch. Sagt er. Wir waren dabei und haben den Wahrheitsgehalt dieser Aussage mal genauer überprüft.

© Davis Factor

BILLY. Breite: 80 cm, Tiefe: 28 cm, Höhe: 202 cm. Weitere Farben/Ausführungen vorhanden. © Davis Factor

BILLY sei nun erwachsen, hieß es in dem Promo-Zettel, den wir im Vorfeld der Veranstaltung zugeschickt bekommen hatten. Die Großbuchstaben sind deshalb wichtig, denn: BILLY ist jetzt groß. Aus dem schlaksigen Teenager mit den toupierten Haaren und den stark geschminkten Augen, der seit dem Charterfolg „Durch den Monsun“ regelmäßig Mädchen zum Kreischen und Hyperventilieren brachte, sei ein Mann geworden.

Ein Mann mit einem Soloprojekt und einer Vision, die irgendwo zwischen Mode, Kunst und Musik angesiedelt ist und die uns neugierig gemacht hatte. „Ich wollte keinen herkömmlichen Release für mein erstes Solo-Projekt. Ich brauchte die Freiheit, alle Facetten meines Lebens wie die Leidenschaft für Kunst und Mode auszuleben und miteinander zu verbinden. Ein reiner Musik-Release würde meiner Vision als Solo-Künstler nicht gerecht werden.“

Think before you ink. © Shiro Gutzie
Think before you ink. © Shiro Gutzie

In der Berliner Seven Star Galerie sollte der groß angekündigte „Multi-Media-Hybrid“ im Rahmen einer Vernissage nun präsentiert werden. Mit BILLY vor Ort natürlich. Tatsächlich stand weniger die Kunst des kürzlich erblondeten Wahl-Kaliforniers im Mittelpunkt des Spektakels, sondern vielmehr die Person Bill Kaulitz. BILLY, der es auch jetzt, beinahe elf Jahre nach Beginn des Tokio Hotel-Hypes, noch schaffte eine kleine Menschentraube von sichtlich erregten Fans vor der kleinen Galerie in der Berliner Gormannstraße zu versammeln.

I’m not Ok

Beim Anblick der Fans gerieten wir doch kurz ins Grübeln. Woher kommt dieses Phänomen des Fankults eigentlich? Und was bewegt einen dazu, seinen Mittwochabend damit zu verbringen dicht gedrängt an der Fensterscheibe einer Galerie zu kleben und jede Bewegung im Inneren aufgeregt zu verfolgen? Der Medienpsychologie und Fan-Forscher Dr. Martin Huppert ist der Meinung, dass gerade Jugendliche in einer Fanszene Geborgenheit, Orientierung und Stabilisierung finden können.

Und das Objekt der Begierde bietet nicht nur Identifikationspotenzial: Das gemeinsame Anhimmeln des Fanobjekts schafft auch ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Außerdem bietet so eine „Beziehung“ auf Zeit und Distanz Jugendlichen die perfekte Möglichkeit Gefühle auszuleben, ohne Gefahr zu laufen in der Realität verletzt zu werden. Zugegeben kein schlechter Grund also.

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BILLYs am 20.Mai erscheinende EP „I’m not Ok“ bietet jedenfalls eine ganze Menge Identifikationspotenzial, erzählt sie doch die persönliche Lebensgeschichte des Wahl-Kaliforniers mit allem, was dazugehört und was wohl jeder kennt: Liebe, Schmerz, Verzweiflung, aber auch Hoffnung. Neu ist, dass BILLY diesmal nicht nur singt, sondern sich auch mit Mode und Kunst umgibt.

Und genau darum ging es an diesem Abend: Seinen Lifestyle. Sein Leben. Gezeigt wurde es uns anhand von großformatigen, verglasten Schwarz-Weiß-Fotografien, bei denen es sich allesamt um Film-Stills aus BILLYs kürzlich erschienenen Video zur Single „Love Don’t Break Me“ handelt und die aus der fotografischen Feder der Regisseure Shiro Gutzie und Davis Factor stammen. Zu sehen: ein spärlich bekleideter, mit Tattoos übersäter BILLY sowie sich lasziv räkelnde, halbnackte Schönheiten.

Ästhetische Fotos, keine Frage. Später am Abend sollten wir erfahren, dass sämtliche der titellosen Bilder erfolgreich verkauft wurden. Wie viel so ein verglaster BILLY kostet, wagten wir uns dann allerdings nicht zu fragen. Immerhin lassen sich die spiegelnden Flächen der Bilderrahmen multifunktional notfalls auch zum regelmäßigen Check der neuen Frisur nutzen, wie BILLY zu vorgerückter Stunde immer wieder ungeniert demonstrierte.

Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten

Unbeobachtet war er in Berlin an diesem Abend jedenfalls nicht. Etwa 200 Menschen verfolgten jeden seiner Schritte. Viele mit tellerrandgroßen Pupillen und säuselnden Beteuerungen hinsichtlich BILLYs Großartigkeit. Ob er das ernst nahm? Neben erstaunlich vielen Bodyguards, Fotografen, BILLYs Zwillingsbruder Tom, Prominenten wie Lena Meyer-Landrut, MC Fitti und Natalia Avelon waren vor allem auch jene da, denen vordergründig die Freigetränke und die gratis Publicity für die eigene Person am Herzen gelegen haben dürften. Das Motto des Abends lautete ganz klar: Sehen und gesehen werden.

Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten störte es auch nicht weiter, dass den ganzen Abend nicht ein Takt von BILLYs neuen Songs erklang, die vorab als „minimalistische Elektro-Balladen“ angepriesen wurden. Im Keller gaben schließlich zwei DJs ihr Bestes. Das musste reichen. Ein EP-Release ganz ohne die Musik des Künstlers war doch nun wirklich mal was Neues. Unsere Verwirrung wuchs. Den versprochenen, künstlerisch wertvollen Schwarz-Weiß-Kurzfilm suchten wir ebenfalls vergeblich. Die im Untergeschoss montierte Leinwand zeigte über Stunden die traurige Anzeige „Quelle: HDMI. Kein Signal“. Auch eine Form der Kunst!

„Quelle: HDMI. Kein Signal“. Auch eine Form der Kunst!

Nun hatte uns jedoch der Ehrgeiz gepackt. Wir wollten Fakten! Eine Message. Die Botschaft hinter dem Ganzen. Was wollte Billy uns denn nun eigentlich damit sagen? Unsere Hoffnung ruhte auf dem versprochenen, 128 Seiten starken Fotobuch, das im Rahmen der Veranstaltung veröffentlicht wurde. Leider umsonst. Die wenigen, vorhandenen Exemplare der Fine-Art-Bücher wurden ohne großes Gewese an einige Auserwählte verteilt, die es dann ebenso unprätentiös unter dem Arm geklemmt ignorierten. Reingucken konnte man schließlich auch später noch. Jetzt galt es erst einmal in eine der vielen Kameras zu lächeln und die aufgespritzten Schlauchbootlippen zu spitzen.

Und so standen wir inmitten von Menschen, die augenscheinlich wenig Interesse an der Musik oder der Kunst des gebürtigen Magdeburgers hatten. In einer Galerie, der offenbar nicht daran gelegen war, eine künstlerische Botschaft zu vermitteln. Wir waren enttäuscht. Substanz hatte das alles nicht. Schade eigentlich.

Und BILLY? Als wir ihm in einem günstigen Moment auf die Schulter klopften und fragten, ob er denn mit dem Abend zufrieden wäre, lächelte er das perfekte Kameralächeln. Genau wisse er das erst am nächsten Morgen aber er wäre schon überrascht gewesen von dem Andrang.

Ein bisschen tat er uns leid, der BILLY. Ob ihm bewusst war, dass es bei dieser Veranstaltung weniger um sein künstlerisches Schaffen ging als mehr um eine medienwirksame Zurschaustellung der anwesenden Gäste? Wir jedenfalls hätten gerne gewusst wie er denn nun wirklich ist, der neue BILLY. Und so bleibt die deprimierende Erkenntnis, dass wir zwar genauso schlau sind wie vorher, aber dafür um einige schlechte Wortspiele um Bill Kaulitz neuen Künstlernamen reicher.