Bin ich oberflächlich, wenn mir mein Aussehen wichtig ist?

Von klein auf wird Frauen beigebracht, dass hübsch zu sein wichtig ist. Doch legen sie darauf wert, gelten sie als oberflächlich und tussig. Ja, was denn nun?

Wer auf sein Aussehen achtet, ist realistisch. © Svea Anais Perrine/Photocase

Mein Freund wollte mich neulich spontan auf einen Geburtstag mitnehmen. Er rief um 20 Uhr an und meinte, komm, in einer Viertelstunde hol ich dich ab, alle gehen hin, das wird toll. Alle gehen hin? Und ich habe, nachdem ich den ganzen Tag in Jogginghose und mit ungewaschenen Haaren How to get away with Murder gebingewatcht habe, nur 15 Minuten, um mich fertigzumachen? Ha, dieser Mann kennt mich gar nicht.

Ich brauche Vorlauf, bevor ich mich vorzeigbar verwandelt habe. Ich gehöre leider nicht zum Typ Frau, der sich ungeschminkt mit Dutt und in Turnschuhen in der Öffentlichkeit am wohlsten fühlt, nein. Ich fühle mich erst wohl, wenn meine Haare frisch gewaschen, geföhnt und mittels Glätteisen in locker fallende Wellen gestylt sind, das Gesicht geschminkt und an den richtigen Stellen betont und das Outfit halbwegs schmeichelhaft ausgewählt ist – was ich am liebsten in einem Ganzkörperspiegel überprüfe, um sicherzugehen. Nur dann trete ich gern unter Menschen.

Natürlich gibt es Tage wie heute, an denen ich mich gar nicht zurechtmache – deswegen huschte ich im Supermarkt wie eine Schwerverbrecherin auf der Flucht hinters Regal, als ein Bekannter am Obststand auf Avocados zur Reifeprüfung eindrückte.

I learned the truth at seventeen/that love was meant for beauty queens.“ – Janis Ian

Janis sang, was offensichtlich ist: Schönheit wiegt schwer in unserer Gesellschaft. Die Message „Je schöner, desto mehr wird man dich mögen“ soll Mädchen schon möglichst im Kindesalter eingeflößt werden; und dafür wird einiges getan. In Märchen ist der Mann meist der starke Held und die Frau die schöne Prinzessin. Die ersten Rollen und Identifikationsfiguren sind klar verteilt. Seit jeher waren Frauen in den meisten Geschichten verführerisch und sexy. Je hübscher, desto begehrter, quasi proportional.

Welcher König war je dafür bekannt, in Milch zu baden? Welcher Mann wurde zur Legende, weil er Angela Merkel Happy Birthday mit einem lasziven Tanz ins Geburtstagsgesicht hauchte?

Egal wohin man schaut – ob Musik, Film, Magazine oder Instagram – die Mädels sind optisch zu 99 Prozent zum Niederknien. Sie sind dort, wo sie sind, weil sie aussehen, wie sie aussehen. Und auf die Frage, was sie für ihren makellosen Look tun, antworten sie wie aus der Pistole geschossen: „Ich habe überhaupt keine Beauty-Geheimnisse, ich trinke nur viel Wasser.“ Niemand steht zu offensichtlich vollzogenen Nasen-OPs, Extensions und Fake Boobs bei Victoria’s Secret. Als sei gutes Aussehen ein gottgegebenes Geschenk. Und entweder man hatte Glück – oder eben nicht.

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Komisch – egal, wieviel Wasser ich trinke, auch wenn ich täglich mein komplettes Körpergewicht in H2O aufnehmen würde – ich verwandle mich nicht plötzlich in Gigi Hadid. Und ich fühle mich scheiße, wenn ich so etwas lese. Ich esse zu 90 Prozent Gemüse, laufe, glätte, feile, pudere und glosse täglich, um besser auszusehen – und verheimliche es nicht, weil es Arbeit ist. Hautpflege ist Arbeit. Haarpflege ist Arbeit. Workout ist Arbeit. Warum nicht sagen, wie es ist?

Frauen sollen schön sein wollen – nur zugeben dürfen sie es nicht

Ja, es wäre toll und eine bessere Welt, wenn nur die inneren Werte zählen würden – aber so ist es nun mal nicht.

Nicht nur Arschlöcher, wir alle urteilen unterbewusst und zu einem großen Teil über die Optik, das belegen diverse Studien. Es ist menschlich, schon Kleinkinder tun das. Sogar Babys. Jeder von uns. Ob es sich dadurch äußert, dass wir bestimmte Vorlieben bei der Partner*innenwahl haben – und damit ist keine Aufzählung plumper Attribute wie dunkle Haare oder blaue Augen gemeint, sondern dass wir unsere*n Partner*in im Gesamtbild attraktiv finden wollen – oder dadurch, dass wir uns auf eine bestimmte Art und Weise kleiden, um auszudrücken, zu welcher Gruppe wir uns zugehörig zeigen wollen.

Aussehen ist vielen Frauen wichtig, das ist offensichtlich. Wäre dem nicht so, würden wir wahrscheinlich alle nur noch mit tatsächlich praktischeren Kurzhaarschnitten und bequemen Ugg-Boots rumlaufen, auch zu besonderen Anlässen wie Hochzeiten. Nehmen wir es also als gegeben an.

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Warum urteilen wir dann so hart über die, die offensichtlich versuchen, hübscher zu sein? Warum wird so abfällig gelästert über Frauen, die gern schöne Kleider und falsche Wimpern tragen, ins Bräunungsstudio gehen oder gar auf Schönheitsoperationen und Botox zurückgreifen und generell einfach offensichtlich viel Zeit investieren, um sich attraktiver zu fühlen? Diese Tussis. Wenn ihnen die äußere Hülle so wichtig ist, können sie innerlich nicht viel zu bieten haben, geht so die Rechnung auf? Allein das Tragen hoher Schuhe im Büro wird von den Kolleginnen mit schiefen Blicken versehen. Als würden sich High Heels und High Goals ausschließen.

Body Shaming ist das Letzte, ohne Frage. Aber genauso gemein ist die umgekehrte Diskriminierung, das Beschämen derjenigen, die sich Mühe geben, aus dem, was die Natur ihnen gegeben hat, etwas Besseres zu zaubern, weil sie sich davon mehr Vorteile im Leben erhoffen – nicht völlig unbegründet auf Grund ihrer täglichen Erfahrungen.

Wie weit eine Frau dabei geht, sollte ihr selbst überlassen werden. Und wenn sie an ihrer Optik genauso intensiv arbeitet wie an ihrer Bildung, ihrer Karriere und ihren Beziehungen, sollte das niemanden veranlassen, das als Hinweis auf vermeintliche geistige Defizite auszulegen, sondern eher gewürdigt werden. Warum wird überhaupt so gern und bereitwillig zugegeben, wieviel Zeit und Mühe man in Bildung und Karriere investiert, stolz verkündet, wie viele Bücher man pro Monat liest und wieviele Ausstellungen besucht, aber niemand posaunt freiwillig, wie lange er joggt, kämmt, schminkt, feilt, Kleider anprobiert, dazu Schuhe und passende Umhängetaschen onlineshoppt? Bestmöglich performen zu wollen ist hip, bestmöglich aussehen wollen out?

Als würde man glatt einen ganzen Meter tiefgründiger erscheinen, wenn man laut betont, wie unwichtig einem das Aussehen ist und wieviel Besseres man statt Haare glätten und schminken zu tun hat. Wie lächerlich die Frauen, die darauf Wert legen. Vielschichtig geht nur ohne Make-up-Schicht. Als würde sich durch den frontalen Angriff auf die vermeintlich Oberflächlichen und die Betonung der eigenen Nicht-Oberflächlichkeit ändern, wie wichtig jedem von uns das Äußere wirklich ist, ob das eigene oder das anderer.

Sind Frauen doch nur neidisch auf andere Frauen?

Ist es bei den meisten Frauen doch nur klassischer Neid? Fühlen sie sich weniger bedroht, wenn eine andere Frau sich von einem als sexy wahrgenommenen Attribut, etwa ihren langen Haaren, trennt? Fühlen sie sich besser, wenn sie andere Frauen als oberflächlich, gar dumm bezeichnen, die dazu stehen, viel Wert auf Äußerlichkeiten zu legen? Sind die meisten einfach nur unsicher, weil sie Angst haben, mit all den Schönheitsidealen um sich herum nicht mithalten zu können? Verstehe ich sehr gut, aber würde es dann nicht helfen, darüber offen zu sprechen, wieviel Zeit und Arbeit man in seine Optik investiert? Dass es eben doch nicht Glück oder Zufall ist, wie man aussieht?

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Klar, gibt es Frauen, die sich gar nicht um ihr Erscheinungsbild kümmern. Und es gibt welche, die sich ausschließlich darum kümmern. Beides sind Ausnahmen. Die meisten von uns liegen irgendwo dazwischen. Und wissen, dass auch wenn das Optische nicht so stark zählen sollte, es dennoch nun mal stark zählt. Unser Aussehen hat Auswirkungen auf unser gesamtes Leben, das lässt sich nicht leugnen. Wer es zu sehr vernachlässigt, scheitert an der Realität. Komplett unabhängig von der Meinung anderer zu sein ist theoretisch eine tolle Sache, nur will niemand auf lange Sicht allein enden. Denn auch andere Menschen werden mit denselben Schönheitsidealen konfrontiert und finden nicht nur an sich schön, was allgemein als schön gilt, sondern auch an anderen. Die meisten werden Lena Gercke attraktiver finden als ihre Nachbarin. Außer vielleicht die Nachbarin von Lena Gercke.

Wer sich Gedanken über sein äußeres Erscheinungsbild macht, ist nicht oberflächlich, sondern realistisch.

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