Bing! Wie uns Smartphone-Töne konditionieren

Handys sind die Rattenfänger der digitalen Welt. Ein Ton reicht und wir gehorchen.

Wie uns ein einziger Ton glücklich macht. © criene / photocase.de

Bingt das eigene Telefon, gibt es selten etwas Wichtigeres auf der Welt. Die Hand schnellt zum Handy, hält es uns vor die Augen und kontrolliert den Ursprung des Bings. Da ist es egal, ob man sich gerade unterhält, mit dem Fahrrad fährt oder die Treppen zum Büro hinaufhechtet. Habe ich eine Whatsappnachricht bekommen? Einen Match auf Tinder? Einen Like zu meinem Facebook-Post? Wenn das Smartphone nach dir verlangt, hast du zu gehorchen. Du hast deine aktuelle Tätigkeit zu unterbrechen und zu reagieren. Smartphonegeräusche haben uns konditioniert. Nur ein einziges Bing braucht es, damit wir alles stehen und liegen lassen, uns für einen Moment völlig von unserem Umfeld abkapseln und in die elektronische Welt eintauchen – was bei Langweile an der Busstation oder als Fluchtmittel aus peinlichem Small Talk auch mal ganz praktisch sein kann.

Das Bing ist die Sprache der ständigen Verfügbarkeit. Sie teilt uns mit einem einzigen Geräusch mit, dass nach dir verlangt wird – und zwar jetzt gleich. In der Verhaltenspsychologie folgt es dem Konzept der sogenannten unregelmäßigen Verstärkung: ein Ereignis, welches die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ein bestimmtes Verhalten gezeigt wird. Es bingt – wir greifen zum Telefon. Das beeinflusst und verändert unseren Alltag mehr als wir denken. Laut einer Studie aus dem Jahr 2014 erhalten wir im Durchschnitt 63,5 Benachrichtigungen täglich. Das ist so permanent, dass wir die Smartphonegeräusche als harmlose Hintergrundbeschallung ähnlich des Vogelgezwitscherns wahrnehmen.

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Eine Woche ohne Bing? Unmöglich

Wie sehr sich unsere Stimmung verändert, wenn die Benachrichtigungen und damit das Bing mal ausbleiben, geht aus einer neuen Studie hervor. Und das schon nach 24 Stunden. Ein Tag ohne Benachrichtigungen kann eine erfüllende Erfahrung sein, einfach weil die Ablenkung und der Stress fehlen, die mit der Reaktion auf das ständige Bingen einhergehen. Um das zu testen, suchten Wissenschaftler*innen der Carnegie Mellon University in Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania und der spanischen Telekommunikationsfirma Telefónica Proband*innen.

Anfangs mit wenig Erfolg, weil sich niemand bereiterklärte, sämtliche seiner*ihrer Benachrichtigungen und damit die Bings, inklusive Whatsapp, E-Mail und Sms, für eine Woche zu deaktivieren. So etwas Perverses ließen die Leute nicht mit sich anstellen. „Wir haben mit der Rekrutierung begonnen, aber viele Menschen lehnten eine Teilnahme ab, weil sie keine ganze Woche ohne Benachrichtigungen verbringen wollten“, schrieben die Wissenschaftler*innen in ihrer Studie. Stattdessen mussten sie das Experiment auf 24 Stunden limitieren. Und selbst dafür fanden sie nur 30 Teilnehmer*innen.

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Dabei hätte es den Leuten gut getan. Viele der Proband*innen waren an dem Ohne-Tag weniger abgelenkt und produktiver, rund zwei Drittel beschlossen nach dem Experiment ihre Benachrichtigungseinstellungen längerfristig verändert zu lassen. Andere gaben wiederum an, sich wegen der potenziell verpassten Nachrichten von Freund*innen und Kolleg*innen unbehaglich und besorgt zu fühlen.

Langfristig ist ein Leben ohne Bing besser

Als die Forschenden zwei Jahre später noch mal nachfragten, gaben 13 der ehemaligen Teilnehmer*innen an, immer noch die veränderten Einstellungen zu nutzen. Einige hatten bestimmte Apps permanent stummgeschaltet, andere hatten sich selber Auszeiten auferlegt und stellten regelmäßig die Nicht-stören-Funktion an.

Auch wenn eine Studie mit 30 Teilnehmer*innen weit entfernt von repräsentativ ist, bringt sie doch eines auf den Punkt: Unser digitales Sozialverhalten ist gestört. Wir sind so an unsere Rufbereitschaft gewöhnt, dass es sich für manche bereits schlecht anfühlt, wenn es nicht ständig bingt. Wer bereits nach einer Stunde Smartphone-Stille eine Test-Sms versendet oder das Handy aus- und einschaltet, um sich zu versichern, dass noch alles einwandfrei funktioniert, statt die Ruhe zu genießen, der*die sollte auf jeden Fall mal an einen Entzug denken.