Bitte nicht schubsen, ich bin hochsensibel!

Hochsensibilität ist keine Krankheit, kein Stigma und betrifft doch jeden fünften Menschen. Wie es ist, hochsensibel zu sein.

Wer hochsensibel ist, muss sich vor zu vielen Reizen von außen schützen, um nicht überfordert zu sein. © Norman Toth / Unsplash

Die U-Bahn fährt mit schnellem Knarren und Quietschen ein, jedes Fenster zieht verschwommen vorbei und meine Augen versuchen zu fokussieren, welche Menschen, welche Gesichter und Emotionen sich hinter dem Glas verbergen. Die Türen gehen mit einem lauten Ruck auf und ich steige in den Wagon.

Ich rieche das Franzbrötchen von dem Mann mit dem Rucksack und den Wanderschuhen, die keine sind, den Kaffee aus dem gelben Pappbecher des Anzugträgers und den Schweiß und alles andere längst Verbrauchte in der Bahn.

Ich schiebe mich mit meiner Tasche an den vielen Menschen vorbei, falle auf einen freien Sitz und merke, dass er noch von meinem Vorgänger warm gesessen ist. Noch bevor ich die Frau neben mir ansehe, fühle ich, dass sie heute keinen guten Tag hat. Ihr Blick ist müde und versucht meinem und dem jedes*r anderen auszuweichen. Ich ziehe mein Buch aus dem Seitenfach meiner Tasche und versuche zu lesen. Dabei höre ich, wie die beiden Schülerinnen gegenüber gleich Mathe und darauf so gar keine Lust haben und sich am Eingang jemand über irgendetwas beschwert, das mit SAP zu tun hat.

Wenn alle Synapsen knallen …

Ich bin nicht über die Maßen neugierig und auch nicht aufdringlich, ich bin hochsensibel. Hochsensibilität ist, wenn das Gehirn permanent reizüberflutet ist, weil alle Sinneskanäle immer geöffnet sind und alles, was unser Nervensystem erreicht, früher oder später verarbeitet werden will und muss. Bei Hochsensiblen sind es mehr Reize, die die Sinne erreichen, mehr Informationen, die vom Gehirn verarbeitet werden müssen. Die soziale Verhaltensforscherin Birgit Trappmann-Korr fand mittels Magnetresonanztomografie heraus, dass bei Hochsensiblen die Areale im Gehirn, die die Sinnesinformationen verarbeiten, besonders aktiv sind.

Die vielen Signale zu verarbeiten braucht Zeit. Zeit, von der man als hochsensible Person wissen muss, dass man sie sich nehmen sollte.

Hochsensibilität ist keine Krankheit, es handelt sich dabei viel mehr um ein vererbtes Persönlichkeitsmerkmal, wie Elaine Aron gemeinsam mit ihrem Mann bei ihrer Forschung im Rahmen einer Zwillingsstudie herausfand. In den Tests reagierten 15 Prozent der Babys bereits kurz nach der Geburt intensiver auf Außenreize (PDF). Welche Faktoren noch zusätzlich Einfluss auf Hochsensible haben, ist bislang aber noch nicht vollends geklärt.

… sind Geduld und Ruhe treue Wegbegleiter

Neben meinem Studium habe ich einmal in den Semesterferien in einer Kerzenfabrik gearbeitet: Eine riesige Halle voller Menschen und stark riechenden Materialien wie Paraffin, Stearin und jede Menge Duftstoffe für die nach Klostein und Vanilleexplosion riechenden Kerzen gesellten sich zu alten, scheppernden Produktionsmaschinen.

Nach wenigen Tagen war ich von marternden Kopfschmerzen geplagt, die sich über die Augen und die Schläfen zogen, durch jedes Geräusch noch mehr verstärkt wurden und mich beinahe an Migräne glauben ließen – bis sie irgendwann in Übelkeit umschlugen und mich schlussendlich vor Reizüberflutung und Erschöpfung einfach umfallen ließen.

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Heute weiß ich: Ich bin geruchs- und geräuschempfindlich. Visuelle Reize machen mir nicht so schnell etwas aus, Musik berührt mich zutiefst und kann meine Stimmung innerhalb von Sekunden verändern.

Auch in zwischenmenschlichen Beziehungen bin ich besonders empfindsam: Ich bin die, die immer zweimal mehr fühlt, in diesem guten Sinne, in dem meine Intuition meine Superpower wird. Ich fühle mich und die anderen, kann in Millisekunden erfassen, wie es ihnen geht, was sie bewegt und ob etwas nicht okay ist. Die Verbindung zu Menschen kann ich blitzschnell herstellen, mich ihnen anpassen und damit ihr Vertrauen gewinnen. Bei anderen Hochsensiblen können andere Merkmale mehr oder weniger stark ausgeprägt sein. Hinzu kommen Grauzonen, die man sensibel aber nicht hochsensibel nennt.

Ich bin sehr dankbar für meine hohe Auffassungsgabe und das damit einhergehende Talent, anderen Menschen sehr empathisch begegnen zu können. Doch manchmal überrennt es mich: Die Probleme, Fragen und Emotionen anderer werden zu meinen.

Jede*r Fünfte ist hochsensibel

Elaine Aron gilt als eine Wegbereiterin im Bereich Hochsensibilität. Sie forscht seit den 1990er Jahren auf dem Gebiet und fand mit ihrem auch heute noch eingesetzten Psychologie-Test heraus, dass 15 bis 20 Prozent der Menschen von Hochsensibilität betroffen sind – das ist jede*r Fünfte.

Eine erstaunlich hohe Zahl, doch wissen viele nicht um ihre Hochsensibilität, weil auf diesem Gebiet nach wie vor wenig geforscht wird und die Aufklärung in der breiten Öffentlichkeit erst seit einigen Jahren zunimmt. Viele, die um ihre Hochsensibilität nicht wissen, geraten deshalb oft an ihre Grenzen. Wer mehr Informationen in tieferer Qualität wahrnimmt, kann ohne Auszeiten und regelmäßigen Rückzug schnell überfordert sein.

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Rückblick 2015: Damals arbeitete ich viel, immer mehr, um ein paar Überstunden anzusammeln, um endlich mehr Reisen zu können, mehr Schreiben zu können, mehr von dem zu machen, was mich glücklich macht. Die Pause nutzte ich für Texte, am Abend ging ich auf Partys. In dieser Zeit lag ich oft wach, meine Gedanken drehten sich im Bett und ich konnte keinen Schlaf mehr finden.

Bei mir endete das Nichtwissen um meine Hochsensibilität und dem mangelnden Verständnis für mehr Ruhe und Raum in einem Burn-out – mit 25. Zu dieser Zeit konnte ich weder meine noch die Gefühle anderer wahrnehmen. Weil ich mich in einem monate- vielleicht sogar jahrelangen Prozess selbst auf Autopilot gesetzt hatte. Mir war nicht bewusst, dass ich nicht nur mich, sondern auch andere fühlte und mich genau davon abgrenzen musste. Ich habe mich immer mehr von mir selbst entfernt bis ich ganz und gar fremdbestimmt, mich sehr erfolgreich aber auch sehr unglücklich selbst ausgebrannt hatte.

[Außerdem bei ze.tt: Zu viel Empathie macht das Leben zur Hölle]

Mithilfe einer ambulanten Burn-out-Therapie, zu der ich anfangs zweimal die Woche, später einmal im Monat ging, lernte ich die einfachsten Dinge, wie essen und schlafen, ganz neu. Ohne Druck, dafür mit viel Geduld und Akzeptanz und auch die für mich größere Herausforderungen wie Ruhe, Stille, Genuss, sich selbst verzeihen, Probleme aufarbeiten statt davor wegzulaufen und die eigenen Bedürfnisse und Wünsche wahrzunehmen.

Die Hochsensibilität gehört zu mir

In dieser Zeit las ich in einem Artikel von Hochsensibilität und war – wie viele Hochsensible – von Aha-Momenten und einer unglaublichen Befreiung erfüllt. Heute gehört meine sensible Seite ganz selbstverständlich zu mir, löst für gewöhnlich aber keine Überforderung mehr in mir aus. Ich habe gelernt, mich abzugrenzen, mir Rückzug und Ruhe zu erlauben und ein Leben nach meinen Wünschen und Bedürfnissen zu leben.

Für mich ist Hochsensibilität kein Fluch mehr, aber auch kein Segen – es ist schlicht ein Teil von mir.