Bodyshaming: Männer bekommen öfter Oralsex als Frauen, weil die Vagina verpönt ist

Stichwort „Fischladen“. Viel zu oft schämen sich Frauen für ihr „da unten“ und Männer ekeln sich davor. Dieser Unsinn muss aufhören!

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Cunnilingus beim Sex lautstark einfordern? Eher Männersache. © erdbeersüchtig/photocase.de

Wir saßen zusammen und redeten über Sex. Oralsex. Und wir waren uns einig: Cunnilingus ist eine feine Sache. Aber bei Sex mit Männern bekommt man ihn leider zu selten. Da waren wir uns auch einig.

Meine Freundin Mia fand das unfair. “Kennt ihr diese Handbewegung, die Typen immer machen, wenn sie einen geblasen bekommen wollen?” und drückte zur Darstellung Lillis Hinterkopf nach unten. Wir mussten lachen. Ja, kannten wir. Aber passiert das eigentlich auch mal umgekehrt? Eine Frau, die einfach mal einen Kopf runterdrückt?

Kopf runter!

Wohl eher nicht. In meinem Bekanntenkreis konnte ich genau eine Freundin ausfindig machen, die Cunnilingus beim Sex lautstark einfordert. Sie ist jetzt unser aller Heldin. Und die Freundinnen, die Sex mit Frauen haben, mussten bei meiner Nachfrage eh nur wohlig grinsen.

Die Ungleichheit beim Oralsex scheint also ein Problem des Hetero-Sex zu sein. Männer bekommen deutlich mehr Oralsex als Frauen. In einer Umfrage unter knapp 900 heterosexuellen Studierenden gaben 63 Prozent der Männer an, bei ihrem letzten Sex oral befriedigt worden zu sein. Bei den Frauen waren es nur 44 Prozent.

Oral sex Gap

Soweit die Zahlen. Aber was steckt dahinter? Zwei Wissenschaftlerinnen der London School of Hygiene and Tropical Medicine haben sich dieser Frage in einer Studie mit 71 Jugendlichen genähert. In Interviews wurden die 16-18-Jährigen nach ihren Erfahrungen mit Oralsex befragt.

Grundsätzlich sahen es die Jugendlichen alle ähnlich: Wer etwas bekommen will, muss es auch geben. Theoretisch. Aber in der Praxis sah es dann anders aus. Denn die männlichen Jugendlichen beschrieben Cunnilingus mehrheitlich als große Herausforderung. Eine Frau oral zu befriedigen, fordere mehr Überwindung als umgekehrt.

Doch nicht nur das. Cunnilingus schien nicht nur anstrengend, sondern hatte unter den jungen Männern auch schlicht keinen guten Ruf. Es sei nichts, mit dem man vor den Kumpels angeben könne. “Am Wochenende hat mir XY einen geblasen” könnte man vor seinen Freunden schon mal stolz erzählen. Aber zu sagen, man habe XY geleckt? Bye-bye street credibility.

Den jungen Frauen ging es dabei gar nicht viel anders. Viele von ihnen gaben an, gar nicht oral befriedigt werden zu wollen, weil ihnen ihre Vagina irgendwie peinlich sei. Sie hatten Angst, der Geruch oder Geschmack sei unangenehm für den Partner.

Die Vagina hat einen schlechten Ruf

Die Einstellungen der Jugendlichen kommen nicht von ungefähr. Denn wie wir unsere Körper wahrnehmen, ist ein direktes Ergebnis der Einflüsse von Familie, Medien, Aufklärung, Medizin und Freund*innen – abstrakter gesagt: unserem soziokulturellen Umfeld. Und das beinhaltet etliche Vorstellungen und Darstellungen, in denen die Vagina nicht sonderlich gut weg kommt. Ich sage nur ein Stichwort: “Fischladen”.

Geschmack, Geruch, Aussehen. An Vaginen kann offenbar nichts richtig sein. Ein ganzes Marktsegment lebt von der weiblichen Unsicherheit über unser Geschlechtsteil. Der enthaarte Intimbereich ist ein Massenphänomen geworden: Frauen, die sich untenrum nicht zumindest ein bisschen trimmen, gehören zur Minderheit. Auch die Zahl der Intim-OPs, bei denen sich Frauen ihre Schamlippen verkleinern lassen, steigt an. Ja, richtig gelesen. Die Schamlippen chirurgisch verkleinern lassen! Weil Schamlippen als zu groß, zu dick oder als zu asymmetrisch empfunden werden.

Da fällt mir nur immer der Spruch einer Sex-Bloggerin ein, die mal schrieb, solange man als Frau nicht beim Gehen drauf trete, sehe sie eigentlich keinen Grund, etwas machen zu lassen.

Die Klitoris hat über 8.000 Nervenenden

Aber viele junge Frauen nehmen diese Botschaften an und lassen so zu, dass ihnen Scham und Angst die Freude nimmt. Die meisten Frauen, mit denen ich darüber gesprochen habe, sagen, dass sie deswegen vergleichsweise lange gebraucht hätten, um sich körperlich auf Cunnilingus einzulassen. Viele erzählen von dem einen enthusiastisch-begabten Partner, der ihnen die Scham durch seine pures Engagement genommen hätte.

Applaus! Denn Cunnilingus ist für Frauen erwiesenermaßen eine famose Methode, um zum Höhepunkt zu kommen. Man kann es eigentlich nicht oft genug sagen: Die Klitoris hat über 8.000 Nervenenden! Wer hier mit dem Finden Probleme hat, der wird im Wald die Bäume suchen. Nochmal: 8.000!

„Leck mich, bitte!“

Es ist aber leider so: Weibliche Sexualität wird immer noch stigmatisiert. Und der Oral Sex Gap ist ein gutes Beispiel dafür. Dabei zeigt sich aber gerade bei Umfragen unter etwas älteren Frauen und Männern, dass der Cunnilingus mit zunehmendem Alter an Popularität gewinnt. Und dass er auch beiden Partner*innen Spaß macht.

Eine Voraussetzung dafür ist Humor: Wer immer noch meint, der Fischladen sei ein Monopol der Frau, der sei daran erinnert, dass mangelnde Hygiene auch in den männlichen Niederungen ein Geruchsinferno entfesseln kann. Waschen ist geschlechtsunspezifisch. Eine weitere Voraussetzung dafür ist, dass es vielleicht für einen Typen cool werden kann, gerne zu lecken. Und dass Frauen endlich selbstbewusst die Beine spreizen können, wenn ihnen danach ist.

Und in diesem Sinne, so habe ich mit Mia und Lilli bei unserem Gespräch mal überlegt, wäre es vielleicht ein erster Schritt, es ganz offen anzusprechen: “Leck mich!”. Und wenn das noch nicht einladend genug ist, dann: “Leck mich, bitte!”