Brauchen Blinde diese App, um ihr Gegenüber lächeln zu sehen?

Mit einem emotionalen Video bewirbt ein Mundwasser-Hersteller eine App, die blinde Menschen erkennen lässt, wenn sie angelächelt werden. Bringt das was oder ist die App bloß ein gefühliger PR-Gag?

Listerine-Spot/Youtube

Testimonial Chloe freut sich über die neue App "Smile Detector". Aber ist sie wirklich so nützlich? Listerine-Spot/Youtube

Seit wenigen Tagen gibt’s den „Smile Detector“ in den App-Stores. Und das Werbevideo für den Dienst ist, wie so oft, sehr rührend. „Ich kann mir vorstellen, dass es eine verrückte Sache ist, Menschen lächeln zu sehen“, sagt darin eine Chloe – jung, hübsch, blind. „Meinen Freund zum Beispiel, den ich oft anlächele. Aber ich bin nie sicher, ob er zurücklächelt oder mich auf die gleiche Weise ansieht.“

Der „Smile Detector“ soll Chloe helfen: Die App scannt Gesichter und vibriert oder spielt einen Ton, wenn sie ein Lächeln erkennt. Auf diese Weise soll Lachen spürbar werden.

Tolle Sache. Auch die 1868 gegründete Royal National Institute of Blind People (RNIB) habe die App getestet, heißt es in der Beschreibung. Man möchte die App-Entwickler herzen, bis sie nicht mehr mit dem Lachen aufhören können. Nur: Der Auftraggeber der App ist das US-Unternehmen Listerine – ein Hersteller von Mundwasser, das den Atem nicht nur frisch, sondern unsere Zähne und somit auch unser Lächeln strahlend weiß machen soll. Ist die App samt Video also bloß eine emotionale Marketing-Aktion statt aufrichtiger Hilfe? Funktioniert diese App überhaupt?

Barrierefrei Spielerei

Heiko Kunert hat den „Smile Detector“ für uns getestet. Der 39-Jährige ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins in Hamburg und kennt sich als Blogger und Dauertwitterer mit Apps aus.

Heiko Kunert empfindet die App eher als Spielerei.
Heiko Kunert empfindet die App eher als Spielerei.

„Sagen wir mal so: Zwar hat die App auch den Lächelsound ausgegeben, als meine Frau einen Kussmund gemacht hat“, erzählt Kunert nach dem Test, „aber im Großen und Ganzen funktioniert sie.“

Die App sei komplett barrierefrei, die Steuerung intuitiv. „Allerdings muss man sein Gegenüber mit der Kamera beobachten“, sagt Kunert. Und das könne man als blinder Mensch ja nur begrenzt sicherstellen. Wenn sich das Gegenüber bewege, verliere die App den Fokus.

„Praktikabel wäre die App überhaupt nur, wenn ich sie via Datenbrille nutzen würde. Oder soll ich in einem Gespräch mein Gegenüber plötzlich mit meinem Smartphone knipsen? Wäre ein bisschen auffällig.“ Außerdem höre man im Gespräch am Klang der Stimme auch, ob das Gegenüber grimmig sei oder fröhlich.

So rührend das Video auch ist, Kunert bestätigt unseren Verdacht: „Die App ist wohl primär als Marketing-Aktion gedacht und für den Endverbraucher nicht mehr als eine Spielerei.“ Ach, böse, böse Werbemaschinerie.