Jetzt ist die Zeit, für ein starkes und offenes Europa zu kämpfen

Ein Austritt Großbritanniens aus der EU würde all jenen Menschen Recht geben, die behaupten, dass Solidarität nicht über Landesgrenzen hinausgeht.

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Küssende auf einer pro-europäischen Demo in London. © AFP / Daniel Leal-Olivas / Getty Images

Am 23. Juni stimmt Großbritannien darüber ab, ob es weiter Mitglied in der Europäischen Union bleiben möchte oder nicht. Vereinzelt hört man dazu Stimmen, die raunen: Lasst sie doch austreten, die Briten. Mit seinen ganzen Sondergenehmigungen sei Großbritannien ja eh nie richtiges Voll-EU-Mitglied gewesen. Die klammern schließlich super uneuropäisch an ihrem Pfund und ihren seltsamen Steckdosen. Leute! Seht ihr nicht, was für ein hoher Verlust ein sogenannter Brexit für Europa wäre? Dabei geht es mir nicht um die wirtschaftlichen Folgen, die ein solcher Austritt eventuell mit sich bringen würde. Es geht mir um die europäische Idee.

Die Verkörperung der europäischen Idee

Im „SZ Magazin“ haben sie kürzlich 89 persönliche Fragen zu Europa veröffentlicht. Eine davon lautet: „Welche lebende Person verkörpert für Sie die europäische Idee?“ Über diese Frage musste ich eine Weile nachdenken. Klar, da fallen einem sofort Namen wie Konrad Adenauer oder Hans-Dietrich Genscher ein. Sie alle haben sicherlich viel für den Prozess der europäischen Integration getan. Aber verkörpern Sie für mich die europäische Idee? Nein. Eigentlich verkörpern sie für mich eher Repräsentanten von Nationalstaaten, die hauptsächlich im Interesse ihrer Nationalstaaten gehandelt haben.

Aber ich… Ich verkörpere die europäische Idee. Und nicht nur ich, auch tausende andere Menschen in Europa, die denken, dass Nationalstaaten so was von 20. Jahrhundert sind.

Ich bin 1992 in München geboren, im selben Jahr, in dem mit dem Vertrag von Maastricht die EU gegründet wurde. In den Sommerferien ging es fast jedes Jahr ans Mittelmeer. Schranken und streng kontrollierte Grenzübergänge habe ich nie kennengelernt. Schemenhaft kann ich mich noch daran erinnern, dass man in Italien früher mit Lira bezahlt hat. In der Schule habe ich jahrelang Englisch und Französisch gebüffelt. Ich habe an Schüleraustauschen sowohl mit Frankreich als auch mit England teilgenommen. Nach dem Abi habe ich ein Jahr lang einen Europäischen Freiwilligendienst beim Goethe-Institut in Lille abgeleistet. Jetzt lebe ich in Berlin, einem bunten Melting Pot von Menschen verschiedenster Herkunft.

Was habe ich gelernt von all den Begegnungen am Mittelmeer, im Goethe-Institut, in Berlin? Ich denke, ich habe mehr mit einem Studenten in Paris gemeinsam als mit einem Pegidisten aus dem Erzgebirge. Mich berührt und beschäftigt ein arbeitsloser Jugendlicher in Spanien genauso, wie einer aus Brandenburg. Für mich ist die EU eine Idee, die besagt, dass uns Menschen über unterschiedliche Sprachen und Essgewohnheiten hinweg mehr verbindet, als uns voneinander trennt. Eine Idee, die besagt: Gemeinsam geht es allen besser. Wenn ich mich über meine Herkunft definieren müsste, dann würde ich mich zuallererst als Europäerin betrachten, danach vielleicht als Münchnerin und ganz zum Schluss erst als Deutsche.

Berechtigte EU-Kritik

Ein Austritt Großbritanniens aus der EU würde all jenen Aufwind gibt, deren Mitgefühl und Solidarität an den Grenzen der eigenen Nation endet. All den völkischen Ideologen, die von einem „Europa der Vaterländer“ faseln (AfD), die die Nationalstaaten wieder stärken und die EU schwächen oder am liebsten gleich abschaffen wollen.

Woher kommt diese Welle der Europa-Skepsis, die die Menschen in die Arme nationalverliebter Parteien wie der Alternative für Deutschland (AfD), des Front National oder der UK Independence Party (UKIP) treibt? Mitschuld tragen sicherlich die europäischen Institutionen, die magischen Drei, bestehend aus Rat, Kommission und Parlament. Warum schaffen es diese Institutionen weder die europäische Idee gut zu verkaufen, noch sie gut umzusetzen? Selbst ich, als bekennende Pro-Europa-Fraktion, stehe Kommission, Rat und Parlament kritisch gegenüber. Das Ganze da in Brüssel oder Straßburg fühlt sich sehr weit weg, sehr intransparent und nicht greifbar an. Europa feiert sich oft als die „Wiege der Demokratie“? Und warum schafft man es dann ausgerechnet da nicht, transparente und greifbare Institutionen zu schaffen? Institutionen, von denen die Europäerinnen und Europäer das Gefühl haben, dass sie ihre Interessen vertreten – und nicht nur die von (gern transatlantisch agierenden) Unternehmerverbänden?

Ich kann nachvollziehen, wenn jemand das politische Konstrukt der EU kritisiert. Wenn sich jemand von den Institutionen nicht abgeholt fühlt. Aber wie kann man bei all der berechtigten Skepsis gegenüber der EU auf die Idee kommen, dass ein Zurück zum Denken in Völkern und Nationen die bessere Lösung ist? Dass es wichtiger ist, zu betonen, worin wir uns unterscheiden, als Gemeinsamkeiten zu stärken? Weil das 1933 schon so gut funktioniert hat? Weil 1945 die Vibes einfach besser waren auf dem Kontinent?

Brexit bedeutet Aufgeben

EU-Kritik ist berechtigt und gut. Aber statt sich von der europäischen Idee abzuwenden, sollte die Schlussfolgerung der Kampf für mehr Europa sein. Für mehr Demokratie, mehr Transparenz, mehr Teilhabe, mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Solidarität. Die europäische Integration ist ein Projekt. Ein Ideal. Es ist ein Konzept, das natürlich noch nicht perfekt umgesetzt ist, an dem wir weiter arbeiten müssen. Die dringenden Fragen sind: Wie schaut mehr Europa konkret aus? Wie schaffen wir ein sozialeres und offeneres Europa? Was muss sich ändern, damit die Menschen wieder an die europäische Idee glauben und sich nicht ausgebremst, übergangen und entmündigt fühlen?

Ein Brexit wäre das Eingeständnis, dass die EU keine Antworten auf diese Fragen bieten kann. Die Briten würden die europäische Idee aufgeben und somit all jenen Menschen Recht geben, die behaupten, dass Solidarität nur im Rahmen nationaler und kultureller Grenzen möglich ist. Es wäre die Abkehr von einem Europa, in dem alle daran arbeiten, das Leben aller zu verbessern. Europaweit würden Nationalismus und Rechtspopulismus weiter erstarken.

Es ist die Aufgabe all jener, die sich ein Europa der Grenzen nicht vorstellen können, laut zu sein. Sich zu Europa zu bekennen. Zu Kämpfen: Für ein starkes, gerechtes und offenes Europa, das sich vorwärts entwickelt, statt rückwärts. Ein Europa, in dem Solidarität nicht an Grenzen endet und das Menschen in Not willkommen heißt. Ein Europa, das unseren Idealen entspricht.