Büstenhalter, adé! Warum immer mehr Frauen auf ihren BH verzichten

Brauchen Frauen einen Büstenhalter, um ihre Brust zu stützen oder gehört es sich einfach so? Ein Kleidungsstück zwischen Feminismus, medizinischer Notwendigkeit und der Angst vor Nippeln.

Sinah ist es leid – sie hat sich schon längst vom BH verabschiedet. Foto: Sinah Edhofer

Wenn Sinah Edhofer nach Hause kommt, zieht sie sich als erstes ihren BH aus. Zu unangenehm, zu einengend. Der Büstenhalter gleicht einem Gefängnis für Brüste. Irgendwann fragt sich die 25-jährige Studentin, warum sie sich das antut. Ihr Busen ist klein und macht keine Probleme, warum sollte sie ihn also stützen. Am nächsten Tag lässt Sinah ihren BH einfach weg. Auch an den folgenden.

Vor knapp einem Jahr hörte Sinah auf BHs zu tragen. Damals war das gar keine bewusste Entscheidung, sondern passierte einfach. Sie ist davon überzeugt: Die weibliche Brust muss entsexualisiert werden.

Diese Aussage mag anfangs etwas befremdlich klingen – denkt man jedoch genauer darüber nach, macht sie durchaus Sinn. „Der Busen an sich ist kein sexuelles Körperteil, es wurde aber sexualisiert. Das ruft in vielen Menschen Unwohlsein hervor und deshalb die Angst vor den Nippel. Man setzt die Brüste mit Lust gleich, mit etwas, das nach Kontrolle verlangt“, so die Journalistin und Bloggerin.

Sexualisierung der Brust

Den Aussagen der Gynäkologin Micha Bitschnau nach, würden es Frauen spüren, ob und welche Unterstützung ihre Brust braucht. Wenn das Gewebe sehr straff und fest sei, würden sich Frauen mit kleiner Brust möglicherweise ohne BH wohler fühlen.

„Ist das Gewebe aber eher weich, können Körperbewegung einen unangenehmen Zug auf das Fasziensystem der Brust auslösen. In diesem Fall würde ich unbedingt zu einer Stütze raten“, so die Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe der Privatklinik Döbling in Wien. Eines ihrer Fachgebiete ist die weibliche Brust und jegliche Probleme rund um sie.

Glaubt man Bitschnau, würde das heißen, dass viele Frauen ganz umsonst Geld in BHs investieren, sich grundlos mit runterrutschenden Trägern und Druckstellen quälen.

Die Geschichte des BHs

Bei der Diskussion rund um die Berechtigung des BHs lohnt sich auch ein Rückblick in seine Geschichte. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zwängten sich Frauen in Mieder und Korsetts. Bis die 19-jährige New Yorkerin Mary Phelps Jacob eines Tages keine Lust mehr darauf hatte, zwei seidene Taschentücher mit rosa Bändern verknüpfte – und so den ersten Büstenhalter erschuf.

Am 12. Februar 1914 meldete sie das Patent dazu an. Doch der Erfolg kam nicht und sie verkaufte das Patent an die Firma Warners Brothers Corset Company. Ein Fehler. In den folgenden Jahren feierte der Büstenhalter seinen Durchbruch und schaffte das gesundheitsschädliche Korsett ab. Der BH fungierte einst einmal als ein Zeichen des Feminismus. In den 1920er Jahren trugen Frauen dann BHs, um männlicher zu wirken. Später kam der Kegel-BH in Mode. Ab den 70er Jahren kürten Frauenrechtler*innen und Feminist*innen ihn zu ihrem Feindbild. Und auch die Hippies legten ihre BHs ab.

Die Dessous-Industrie startete daraufhin einen Gegenangriff und erfand den sogenannten Wonderbra – nach dem Motto Fake it until you have it. Seit dieser Erfindung umgeben wir uns mit der Illusion, dass Brüste keinen Nippel haben und gepusht nach oben stehen. Obwohl die Brüste keiner Frau in der Wirklichkeit so aussehen. „Im Grunde hat sich seit dem Korsett nicht viel verändert“, meint Sinah. „Wir pressen uns immer noch in die Schönheitsideale unserer Gesellschaft hinein.“ Und zwar nicht nur wenn es um BHs geht, sondern genauso bei High Heels oder Skinny-Jeans.

Wohlfühlen auch ohne BH. Foto: Sinah Eidhofer

Verstecken wir also unsere Brüste nur unter dem BH, weil wir Angst vor unserer „nippelphoben“ Gesellschaft haben?

„Der BH ist im Laufe der Zeit so etwas wie ein Schutzschild geworden, ein magischer Vorhang zwischen der Brustbesitzerin und den fremden Blicken auf der anderen Seite des Stoffs“, schreibt Marion Emka in einem Artikel für Edition F. Auch sie trägt nun seit über drei Jahren keinen BH mehr und erzählt von ähnlichen Erlebnissen wie Sinah. Zu Beginn fühlte sie sich sehr nackt, aber auf Dauer machte es ihre Haltung aufrechter, verringerte Spannungen im Nacken und ihre Brust verfestigte sich.

Für die Gynäkologin Bitschnau liegt das Problem nicht am Büstenhalter selbst, sondern an den falschen Größen. „Viele Frauen tragen einfach BHs, die falsch sitzen.“ Das sei enorm gesundheitsschädlich und könne auch das Brustkrebsrisiko erhöhen.

Dass viele Frauen falsche Größen tragen, liege unter anderem daran, dass sich die weibliche Brust ein Leben lang verändert: „Einmal 75B, heißt keineswegs immer 75B. Schon kleine Gewichtsschwankungen, Schwangerschaften oder das Stillen verändern die Brust extrem.“ Selbst innerhalb eines Zyklus hätten viele Frauen unterschiedliche Brustgrößen. Während des Eisprungs könne die Brustgröße beispielsweise um bis zu zwei Körbchengrößen variieren, so die Gynäkologin.

Wissenschaft des Büstenhalters

Mittlerweile ist die Diskussion rund um die Berechtigung des Büstenhalters auch in der Wissenschaft angekommen. Seit 15 Jahren vermisst Jean-Denis Rouillon für das Universitätsklinikum Besançon die Brüste von Nicht-BH-Trägerinnen. Der französische Sportwissenschaftler geht der Frage nach, ob Frauen aus medizinischer Sicht überhaupt einen Büstenhalter brauchen. Auf die Idee kam er, als er bemerkte, dass einige junge Frauen in der französischen Ski-Nationalmannschaft keine BHs beim Trainieren trugen. Als er nachfragte, erklärten sie ihm, so besser atmen zu können und eine bessere Haltung zu bekommen.

Bloßer Körperkult. Foto: Sinah Eidhofer

Daraufhin ging Rouillon ein Gedanke einfach nicht mehr aus dem Kopf: „Was, wenn der BH eigentlich nutzlos oder sogar schädlich ist?“– wie er im Interview gegenüber der Welt erzählt. Auch wenn Rouillons Forschung noch in ihren Kinderschuhen steckt, bestätigten die 300 bisher getesteten Frauen seinen Verdacht: Ohne BH leiden sie weniger an Rückenschmerzen, bekommen besser Luft und die Brüste hängen trotzdem nicht. Ganz im Gegenteil, der Brustmuskel wird stärker in Anspruch genommen und die Brust sogar gestrafft.

Rouillon betont, dass man nicht vergessen dürfe, dass Brüste einfach ein Körpergewebe, wie jedes andere auch seien und das Verhältnis von Muskelmasse und Fett darin genetisch veranlagt sei. Das Weglassen von BHs bei großen Körbchengrößen mache aber keinen Sinn, genauso wenig wie bei übergewichtigen oder stillenden Frauen. „Ich habe 14 Faktoren entwickelt, von denen Aussehen und Form des Busens abhängen, und der BH ist nur einer davon – mit Sicherheit aber einer der wichtigsten. Also: Tragen Sie ihn so selten wie möglich“, so der Forscher gegenüber die Welt.

Trend geht in Richtung #NoBra

Sinah ist mit ihrer Einstellung also nicht allein. Die Berechtigung des des BHs wird seit geraumer Zeit auch in zahlreichen anderen Lifestyleblogs in Frage gestellt, wie zum Beispiel von Ruth von strawberrypie.de, Jennifer von sheflows.de oder Vloggerin CatyCake haben ebenfalls ihre BHs abgelegt und erklären warum. Am 13. Oktober wird es zudem auch in diesem Jahr wieder einen No Bra Day geben. Zweifelsfrei polarisiert die Frage, ob Frauen nun einen BH brauchen oder nicht. Die Thematisierung dessen ist ein erster wichtiger Schritt.

Die Frage allerdings, ob Frauen nun einen BH brauchen oder nicht, ist und bleibt eine individuelle Entscheidung. Jede Frau sollte aber die Freiheit verspüren, ohne BH ausgehen zu können, ohne das Gefühl zu haben, etwas verstecken zu müssen.

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