Der neue Kanzlerkandidat: Feel the Schulz?

Der SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz will eine Politik der Gefühle machen. Dadurch ist er das genaue Gegenteil von Angela Merkel. Eine Analyse.

Peace, Leute! © dpa

Martin Schulz wird bei der Bundestagswahl im September gegen Angela Merkel antreten, als ihr größter Herausforderer und direkter Gegner. Am Sonntag stellte Schulz sich der eigenen Partei vor und besuchte erste Talkshows. Sein Motto: „Zeit für Gerechtigkeit. Zeit für Martin.“ Schnell wurde klar: Er möchte als genaues Gegenmodell zur Kanzlerin wahrgenommen werden. Bei ihm wird geduzt und frei von der Leber weg gesprochen.

Während Merkel immer noch der Ruf der zögerlichen Mutti vorauseilt, die sich fast immer um eine klare Kante drückt, ist Schulz direkt und entschlossen. Und: Er nennt Probleme beim Namen. Er hat das Charisma, das viele junge Menschen bei Merkel vermissen. Das ist ein nicht zu unterschätzender Faktor bei der Wahl.

Was ist neu an Schulz?

Die Themen, mit denen Schulz sich im Wahlkampf hauptsächlich beschäftigen wird, sind schnell aufgezählt: Steuer(un)gerechtigkeit, Lohngerechtigkeit, kostenlose Bildung, Rechtsstaatlichkeit und der Kampf gegen Rechts. Klassische SPD-Themen mit denen sie alle vier Jahre in den Wahlkampf zieht.

Anne Will, die Schulz am Sonntagabend zu sich in die Sendung einlud, wollte deshalb beinahe krampfhaft wissen, wo Wähler*innen etwas Neues erwarten können. Schulz gab sich selbstsicher: Würden diese Themen etwa weniger wichtig, nur weil sie schon seit Jahren diskutiert werden und bislang nicht richtig umgesetzt wurden?

Er wolle viel eher dafür sorgen, dass die Menschen wieder neues Vertrauen in die SPD gewännen – und zwar durch ihn. „Ich bin jemand, der, wenn er sich entschieden hat, beherzt zugreift“, sagte er. Neu sei seine Person, seine Geschichte. Und genau die könnte eine seiner wichtigsten Grundlagen im Wahlkampf werden.

Immer wieder wies Schulz gestern selbst auf seine Vergangenheit hin, in seiner Rede vor der SPD und im Gespräch mit Journalistin Will: Mittlere Reife. Dann wollte er Fußballprofi werden, verletzte sich, Traum geplatzt. Alkoholsucht, später zog er sich selbst aus dem Loch und eröffnete eine Buchhandlung. Wechsel in die Politik: Er wurde Bürgermeister in der 40.000-Seelen-Stadt Würselen in Nordrhein-Westfalen, elf Jahre lang, ehe er ins Europaparlament nach Brüssel einzog und dort recht schnell Präsident wurde.

Das hat mir gezeigt, dass jeder eine zweite Chance verdient hat. Ich hab meine bekommen.“

Er wisse jedenfalls, wie es sich anfühle, schlaflos dazuliegen in der Nacht und wie es sei, wenn man Angst vor der Zukunft habe. Eine Lebensgeschichte, wie ein Film sie nicht besser erzählen könnte. Und vor allem eine, die man von der Politszene in Berlin-Mitte nicht gewohnt ist.

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Aber Regierungserfahrung habe er ja gar keine, ob ihm das nicht zu denken gäbe, fragte Will. „Das Schicksal teile ich mit Barack Obama. Der hatte auch keine Regierungserfahrung, als er Präsident der Vereinigten Staaten wurde.“ Ein Konter, der gleichzeitig noch eine Eigenschaft zeigt, die man Merkel nicht so unbedingt zusprechen würde: bissigen Humor. Regierungserfahrung habe er dennoch, sagt Schulz anschließend: „Die Probleme bei den Mieten, am Arbeitsplatz, in den Schulen, mit den Straßen, die landen am Ende immer im Rathaus. Das kenne ich. Ich habe die Absicht, mich als Kanzler um diese Probleme zu kümmern.“

[Außerdem auf ze.tt: Warum Rot-Rot-Grün unter Marin Schulz kein wirklich linkes Bündnis wäre]

Apropos Kanzler, man könnte sich fragen: Wie viele Menschen sind durch zwölf Jahre Merkel ermüdet? Auch hier: Das hat zunächst gar nicht mal viel mit Inhalten zu tun. Obwohl Merkel in den vergangenen zwei Jahren mehr denn je eine klare Haltung annahm, etwa bei der Geflüchtetenpolitik, sehnen sich viele Deutsche nach über einem Jahrzehnt womöglich nach einem neuen Gesicht.

In Einspielern bei Anne Will war zu sehen, wie Merkel am Rednerpult ähnliche Standpunkte wie Schulz einnahm, oft sogar in ähnlichem Wortlaut. Für Schulz ein klarer Fall: Merkel sei eben durch und durch „sozialdemokratisiert“, vor allem durch das Wirken der SPD in der Großen Koalition. Aber was ändere sich denn dann mit Schulz, wollte Will wissen. Die Politik der SPD sei schwerer durchzusetzen, sagte Schulz, wenn man nur zweite Geige in einer Koalition spiele. Soziale Gerechtigkeit sei viel schneller zu erreichen, wenn die SPD den Ton angebe, so könnten etwa Entscheidungen zu Mindestlohn und Tarifen schneller getroffen werden.

Die Zuversicht in die SPD sei derzeit aber nicht so groß, meinte Will, und zeigte beispielhaft einen weiteren Einspieler aus Essen, wo die Menschen sich von der dort regierenden Partei verraten fühlen. Eine enttäuschte Frau, die früher immer SPD gewählt habe, saß auch im Publikum und wandte sich in einer bemerkenswerten Szene direkt an Schulz: „Ich mag Sie ja lieber als den Gabriel. Ich kann Ihnen nach so vielen Jahren der Enttäuschung durch die SPD aber nicht einfach so vertrauen. Erst muss sich etwas tun.“

Schulz zeigte sich nachdenklich und verständnisvoll. Er verstehe ihre Situation und versprach ihr, dass er sich um das Thema kümmern werde, aber dazu benötige er eben ihren Vertrauensvorschuss. Nur wenn die SPD die stärkste Partei stelle, könne er aktiv an den Problemen arbeiten

Zeitgleich ist das übrigens Schulz‘ Antwort auf die Frage der möglichen Regierungsmodelle: „Wir wollen die stärkste Partei in Deutschland werden. Wer unsere Punkte mitträgt, der kann gerne auf uns zukommen.“

Der deutsche Bernie Sanders?

Innerhalb der SPD sorgt Schulz für Euphorie, innerhalb nur weniger Tage gab es über 1.000 Mitgliedsanträge – normal sind etwa 700 im Monat. Seine Umfragewerte steigen und innerhalb der nächsten acht Monate werden vermutlich so ziemlich alle Deutschen wissen, wer er ist. Das ist nämlich ein weiterer Vorteil: Das Interesse ist ihm sicher. Merkel sieht ihre Bekanntheit derzeit noch als Vorteil und verlässt sich darauf. „Sie kennen mich“ lautet ihr Credo. Und man hat das Gefühl, dass das bei einem Gegner Sigmar Gabriel noch funktioniert hätte, der nicht gerade beliebt bei den Deutschen ist. Aber durch Schulz ist die Kanzlerin wieder mehr in der Bringschuld.

Wir sehen derzeit, wie Menschen mit negativen Gefühlen Politik machen. Wie begegnet man dem rechten Populismus? Mit Fakten, positiven Gefühlen, Empathie und einer starken Haltung. Oder, wie Schulz es formuliert:

Die Partei der Höckes, der Gaulands und Petrys ist keine Alternative für Deutschland. Sie ist eine Schande für die Bundesrepublik.“

Aber wie holt man deren Wähler*innen und die, die sich abgehängt fühlen, wieder ab? „Mit Gerechtigkeit und dem Versprechen, dass die Einkommen so steigen, dass man im Alltag keine Probleme hat. Dass die, die hart arbeiten in diesem Lande, Respekt erhalten“, sagte Schulz. Aber auch das seien doch alles „keine neuen Ideen“, fuhr ihm Anne Will ins Wort. „Nee, das ist alles nicht neu. Neu ist, dass unsere Gesellschaft seit 20 Jahren von Leuten bestimmt wird, die für das Auseinanderdriften unseres Landes verantwortlich sind. Und das spüren die Menschen.“

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Für Martin Schulz geht es zunächst einmal darum, möglichst viele Menschen mit einer Botschaft zu erreichen. Ihm könnte damit sogar gelingen, woran deutsche Parteien bislang scheiterten, ob er nun die Wahl gewinnt oder nicht: Der AfD die Wähler*innen wieder wegzunehmen – und wenn es nur durch diese besondere Aufbruchsstimmung ist.

[Außerdem auf ze.tt: Martin Schulz hält seine letzte Rede vor dem EU-Parlament]

Dabei setzt die SPD auch auf das Internet: Die Kampagne #zeitfuermartin und seine Ankündigung, eine Politik der Gefühle zu machen, erinnern an #feelthebern, die Kampagne des Amerikaners Bernie Sanders im US-Wahlkampf. Mit seiner Kampagne gewann Sanders für seine Reformvorstellungen insbesondere viele junge, netzsouveräne Menschen und Linke in den USA – er packte sie an ihren Gefühlen.

Auch Schulz werde nicht selten „ein Mann mit Gefühl“ genannt, sagt er zu Will. „Und manchmal ist es so, dass die Menschen dieses Gefühl brauchen, auch wenn die Fakten dieselben sind, die zum Beispiel Parteikolleg*innen präsentieren. Aber dass dieser Mann die Menschen in Würselen und anderswo mit ins Kanzleramt nimmt, das ist vielleicht das Neue an der Sache.“ Der Wahlkampf solle respektvoll ablaufen, auf Augenhöhe, sagte er. Er wolle den Parteien außerdem einen Pakt anbieten, auf social bots zu verzichten, damit es fair zugehe.

Das ist jedenfalls die neue Tonalität, an die wir uns in diesem deutschen Wahlkampfjahr schonmal gewöhnen können: „Fairness, Empathie, Gefühl.“ Und es wird spannend, wie Angela Merkel darauf reagiert.

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