„Bye-bye, ich zieh aufs Land!“ Junge Menschen flüchten aus der Großstadt

Party, Dreck und Neonlichter: Wir wollen Stadtleben. Und trotzdem entscheiden sich drei junge Menschen für das Landleben fernab des Großstadtabenteuers. Warum?

Ab aufs Land! Foto: pexels.com

„Undercut und Jutebeutel, ich trink Club Mate oder gibt’s den Cafè Latte auch mit Sojamilch? – I like! Die große Frage: Schreibt mich irgendjemand auf die Gästeliste? Eh, naja – bitte, bitte, bitte! Doch auch wenn andere Städte scheiße sind, ich will nicht nach Berlin!“, singen Kraftklub.

Das Stadtleben und seine Coolness ist ein merkwürdiges Phänomen. Die einen hassen es, die Mehrheit liebt es. Wie das Neonlicht die Mücken, zieht die Großstadt Menschen in ihren Bann und lockt mit Freiheit, Vielfalt und Abenteuer. Immer mehr Menschen begehen Landflucht: Sie ziehen in Großstädte, die uns anscheinend mehr bieten können als das Leben in der Peripherie.

Immer weniger Menschen auf dem Land

Das bestätigt auch das Datenportal Wegweiser Kommune der Bertelsmann-Stiftung. Den Daten zufolge wird die Einwohnerzahl Deutschlands bis zum Jahr 2030 um mehr als eine halbe Million schrumpfen, während die Städte immer voller und die Bevölkerung im ländlichen Raum immer dünner wird..

[Außerdem bei ze.tt: Die gefährliche Einsamkeit der Großstädter*innen]

Dennoch: Das Landleben ist und bleibt hinter all dem Großstadthype eine Sehnsucht. Blumenduft statt Abgase, Gemeinschaft statt Anonymität, Einfachheit statt Kommerz. Zwar träumt manch eine*r vielleicht vom Landleben, wenn wir in der tristen U-Bahn hocken – aber wirklich die Koffer packen und der urbanen Zivilisation den Rücken kehren? Diese Schwelle überschreitet kaum eine*r. Vor allem nicht mit Anfang 20.

Christina, Julian und Till haben den Schritt getan. Bereuen tut es keine*r von ihnen.

Christina an der Ostsee. Foto: privat

Christina Dedolf, 27 Jahre, Studentin der Bildhauerei an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin

„Ich bin in Uetze aufgewachsen, einem 20.000-Einwohner*innen-Dorf in der Nähe von Hannover. Wenn ich die Wahl gehabt hätte, wäre ich vielleicht nicht unbedingt dort groß geworden, aber im Nachhinein habe ich das Dorfleben doch sehr geschätzt: die Überschaubarkeit, die Ordnung und der damit einhergehende Komfort. Mit 16 Jahren hatte ich allerdings die Nase voll und zog nach Hannover, um dort eine Ausbildung als Zahnarzthelferin zu absolvieren. Endlich konnte ich feiern gehen, ohne bis sechs Uhr morgens an der Bushaltestelle zu warten. Sieben Jahre lebte ich mich aus, feierte und genoss die Anonymität, die mir Uetze nie bieten konnte. Ich hatte verschiedene Jobs und entwickelte ein großes Interesse für Kunst und Kultur.

Dort muss man sich nur aufs Fahrrad setzen, ein paar Kilometer fahren und man sieht keinen Menschen mehr – ein Traum!

Doch das Angebot in Hannover war beschränkt. Also beschloss ich mit 23 Jahren nach Berlin zu ziehen und ein Freiwilliges Jahr zu machen. Sofort gefielen mir Berlins Dynamik, die Anonymität und künstlerische Szene. Nun bin ich seit vier Jahren in Berlin und und studiere Bildhauerei.


Den Entschluss, wieder aufs Land nach Brandenburg zu ziehen, traf ich etwa so intuitiv wie meine Entscheidung für Berlin. Im Sommer ging ich mit meinem Freund an der Ostsee wandern und verliebte mich in die frische Luft, den weiten Blick und die Grünflächen. Dort muss man sich nur aufs Fahrrad setzen, ein paar Kilometer fahren und man sieht keinen Menschen mehr – ein Traum. Meine Entscheidung wuchs also nicht unbedingt aus den positiven Erinnerungen an Uetze, sondern aus einem ganz natürlichen Bedürfnis nach Natur. Ich habe genug von Lärm, Dreck und Armut. Zudem möchte ich Geld sparen: Mein Freund und ich möchten in ferner Zukunft nämlich einen Künstler- und Kulturhof für Kinder mit Beeinträchtigung an der Ostsee eröffnen. Im Mai soll es soweit sein. Mit meinem Freund ziehe ich nach Jüterbog, einer Kleinstadt in Brandenburg mit circa 12.000 Einwohner*innen. Dort zahle ich für eine eigene Wohnung knapp 200 Euro weniger als für mein WG-Zimmer in Berlin.“

Julius und seine Freundin. Foto: privat

Julius Jacobi, 22 Jahre, arbeitet als Landwirt auf dem Biohof Jacobi in Körbecke in Nordrhein-Westfalen

„Ich bin auf dem Land groß geworden. Genauer gesagt im 615-Seelen-Dorf Körbecke, irgendwo bei Kassel auf dem Bauernhof meiner Eltern. Ich war aber nie das typische Bauernhofkind: Schon immer interessierte ich mich weniger für Saatgut und Kühe als für das politische Weltgeschehen. Mit 14 Jahren koppelte ich mich vom Dorfleben ab, ich konnte nichts mit den Leuten dort anfangen. Sie nannten mich den grünen Spinner. Während meiner Schulzeit flüchtete ich mich in die nächstgroße Stadt, Warburg mit 25.000 Einwohner*innen, wo ich auch regelmäßig bei der Grünen Jugend mitmachte.

Wenn ich jetzt in der Stadt bin, merke ich, wie ich sofort zehn Schritte schneller gehe.“

Nach meinem Abitur 2013 ging ich dann nach Berlin, um ein Freiwilliges Jahr in einer politischen Organisation zu machen. Ein Jahr lang genoss ich das Großstadtleben: die Menschen, die Mobilität, das Angebot an Möglichkeiten. Es war angenehm mit Leuten abzuhängen, die ähnliche politische Meinungen vertreten. Aber ich hab darin auch eine Gefahr gesehen: Ich lebte in einer Filterblase. Auf dem Schützenfest in Körbecke trifft man eben auch Menschen anderer Gesinnung. Da wurde ich oft direkt mit anderen politischer Einstellung konfrontiert.
Also entschloss ich mich dazu, wieder zu meinen Eltern aufs Land zurückzukehren und absolvierte eine Lehre zum Landwirt. Erst nach dem Berlinaufenthalt – und der bewussten Entscheidung gegen das Stadtleben – lernte ich das Landleben so richtig schätzen. Ich lernte zu schätzen, dass man sich auf die Leute auf dem Dorf immer verlassen kann. Außerdem entdeckte ich die Vorteile daran, in der Natur zu leben und die Ruhe zu genießen. Wenn ich jetzt in der Stadt bin, merke ich, wie ich sofort zehn Schritte schneller gehe. Das stresst mich jedes Mal!“

[Außerdem auf ze.tt: „Vanishing Berlin“: Diese Fotos zeigen, wie eine Stadt langsam ihre Seele verliert]

Till auf Tour. Foto: privat

Till Wennemer, 21 Jahre, studiert Maschinenbau an der TU Clausthal

„Ich habe 18 Jahre meines Lebens in Hennef verbracht, eine Stadt mit circa 50.000 Einwohner*innen. Man nennt sie auch die Stadt der 100 Dörfer. Um aufzuwachsen, war Hennef eigentlich perfekt: Ich hatte einen großen Freundeskreis, man traf sich auf dem Marktplatz, verbrachte zusammen Zeit am Fluss. Hennef war klein, aber hatte trotzdem genug zu bieten.
Mit 18 hatte ich aber Lust auf mehr und ging nach Berlin, um dort an der Technischen Universität einen Mathevorkurs zu absolvieren. Eigentlich mit dem Plan, auch dort zu bleiben und Maschinenbau zu studieren. Schnell merkte ich jedoch, dass ich in den drei Monaten alles andere im Kopf hatte als Mathe. Statt zu lernen, verbrachte ich lieber Zeit in der Stadt, ging feiern und schöpfte alles aus, was mir Berlin bieten konnte. Ich hatte ständig das Gefühl, etwas zu verpassen.

Am Ende des Sommers war klar: Hier kann ich nicht bleiben, um zu studieren. Zudem herrschte immer eine bestimmte Grundanspannung und Nervosität in der Stadt, die ich auch irgendwie mochte, die mich aber zu sehr von meinem Studium ablenkte. Seit ich hier in Clausthal-Zellerfeld im Harz an der Technischen Universität studiere, finde ich viel Zeit und Ruhe, um mich auf mein Studium zu konzentrieren. Was mir in Berlin auch fehlte, war die Möglichkeit, Sport in der Natur zu treiben. Im Harz gehe ich viel klettern, joggen und fahre Mountainbike. Die Universität bietet ein riesiges Sportangebot, ein guten Lehrplan und coole Profs, die sich auch wirklich für einen interessieren. An der Uni in Berlin war ich gefühlt nur eine Nummer. An der TU Clausthal studieren rund 5.000 Menschen, an der TU Berlin sind es knapp 34.000.
Dazukommt, dass die Lebenshaltungskosten wirklich niedrig sind. Es gibt hier gar keine Möglichkeiten, groß Geld auszugeben. Jetzt kann ich mir Reisen und andere Dinge finanzieren, wozu ich in Berlin bestimmt nicht fähig gewesen wäre. Ich bin wirklich glücklich im Clausthal und kann mir gut vorstellen, hier auch noch länger zu bleiben.“