Chemnitz: Es passierte in Hausnummer 97

Zwei Tage nach der Festnahme des Terrorverdächtigen Jaber al-Bakr in Leipzig hat sich die Aufregung im Stadtteil Kappel in Chemnitz noch nicht gelegt. Zwar sind die Schäden im Haus Nummer 97 beseitigt, bei einigen Bewohner*innen sind sie es aber noch nicht.

© Carina Fron

Der vermeintliche Terrorist Jaber al-Bakr wohnte in der Usti nad Labem 97 in Chemnitz. © Carina Fron

Der Knall, das war der Moment, als die Polizeibeamt*innen die Wohnungstür von Khalil A. in der Straße Usti nad Labem 97 aufsprengten. Die Einsatzkräfte fanden Hunderte Gramm des Sprengstoffes TATP in der Wohnung des 22-jährigen mutmaßlichen Helfers des Terrorverdächtigen Jaber al-Bakr, der am Montag in Leipzig festgenommen wurde.

Die Hausbewohner*innen von Nummer 97 wurden am Samstag ohne Vorwarnung evakuiert. Die meisten kamen bei Freunden, Verwandten oder in einem naheliegenden Altenpflegeheim unter. Seit Dienstagmorgen 7 Uhr dürfen sie in ihre Wohnungen zurück.

Vorsichtige Neugier lockt die Passanten

Die Plattenbausiedlung Heckertgebiet im Stadtteil Kappel wird idyllisch umrankt von Grünflächen. Trotz des herbstlichen Wetters spazieren am Dienstagnachmittag zahlreiche Menschen durch die Siedlung um die Straße Usti nad Labem, die nach einer Stadt im nahen Tschechien benannt ist. Nicht nur alltägliche Besorgungen lassen die Bewohner*innen an der Hausnummer 97 vorbeikommen. Es ist Neugier, welche die Menschen ein paar Tage nach der Flucht des Syrers Jaber al-Bakr hierher führt.

Die Chemnitzer*innen versuchen pietätvoll vorzugehen, nicht zu lange stehen zu bleiben, nicht zu auffällig Ausschau zu halten. Was sie suchen? Indizien für das, was sich am Samstag in dem vierstöckigen Haus abspielte. Lediglich Reifenspuren im Gras vor Nummer 97 sind als Überbleibsel des Einsatzes der Polizei geblieben.

bild-mit-reifenspuren-2
Auch über diese Spuren wird Gras wachsen. @ Carina Fron

Das Heckertgebiet war zeitweise das zweitgrößte Neubaugebiet der DDR. Benannt wurde es nach dem KPD-Politiker Fritz Heckert. Seit 1974 wurden in den Chemnitzer Stadtteilen Kappel, Hebersdorf und Makersdorf Wohnungen in der Großtafelbauweise errichtet. Unzählige, riesige Plattenbauten, so weit das Auge reicht.

Mit der Wende bekam dieses Gebiet nicht nur seinen alten Ortsnamen zurück, sondern verlor zeitgleich auch seine ehemalige Attraktivität. Niemand wollte mehr in den Betonklötzen am Stadtrand wohnen. Der darauffolgende Leerstand sorgte dafür, dass 1998 Rückbauten stattfanden. Von den ehemals rund 31.000 Wohnungen damals waren 2009 nur noch rund 11.000 übrig. Dafür wurden mehr Grünflächen geschaffen.

bild-gru%cc%88nfla%cc%88chen-1
Zwischen dem Grün ragen Plattenbauten hervor, nicht andersherum. @ Carina Fron

„Früher haben die Leute aus dem Fenster geguckt und direkt auf einen anderen Plattenbau gesehen, heute können sie kilometerweit ins Grüne schauen“, berichtet eine ältere Dame, die schon ihr ganzes Leben lang im Heckert-Gebiet lebt. Sie empfindet den Begriff „Heckert-Gebiet“ als Affront. Vor allem, da er für Nicht-Chemnitzer*innen so negativ besetzt sei. Doch egal, ob Klischee-Plattenbausiedlung oder grünes Paradies: Die alte Dame habe immer gerne hier gelebt und daran könne auch ein möglicher Terrorist nichts ändern. Auch andere Anwohner*innen sagen mir, dass es sich beim Stadtteil Kappel um eine sonst ruhige Gegend handele.

Niemand hat angeblich etwas gesehen

Eine Gruppe von Rentner*innen steht etwas abseits von Haus Nummer 97 und unterhält sich lautstark neben den Mülltonnen über die Ereignisse der vergangenen Tage. Als ich auf sie zugehe, verstummen sie sofort. „Von welchem Medium sind sie denn?“, fragt mich ein älterer Herr bevor ich überhaupt eine Begrüßung ausgesprochen oder auch nur mein Aufnahmegerät gezückt habe.

Die Menschen hier sind skeptisch, wirken eingeschüchtert. “In den letzten Tagen wurden wir ständig angesprochen. Alle wollen wissen, was wir gesehen haben. Dabei war ich am Samstag gar nicht da“, sagt der Mann. Dieser Aussage kann ich nur bedingt glauben, denn ich bekomme sie den ganzen Tag von unterschiedlichsten Anwohner*innen zu hören. Niemand war angeblich am Samstagabend zu Hause, niemand hat etwas gesehen. Nur eine junge Mutter sagt: „Den Knall hat man schon gehört“ und meint vermutlich die Sprengung der Eingangstür des Helfers. Auch sie möchte lieber anonym bleiben.

bild-hausnummer-2
Äußerlich unterscheidet dieses Haus sich kein Stück von den anderen in der Straße Usti nad Labem. © Carina Fron

Eine junge Frau nähert sich der Eingangstür von 97. Ihr Blick sagt mehr als tausend Worte. Mit zittriger Stimme schildert sie ihre Eindrücke: „Wir wussten ja nicht, was los ist. Ich wollte gerade zur Arbeit und wurde dann gleich in Sicherheit gebracht.“ Der Schock sitzt sichtbar tief. Ihr schießen beim Erzählen Tränen in die Augen, die sie mühevoll unterdrückt.

Noch immer ist sie fassungslos. Vor allem, da sie gerade mal seit zwei Wochen in diesem Haus wohnt. Eingezogen ist sie, weil ihr die ruhige Gegend so gut gefiel. Wieder fällt das Wort „ruhig“. Jetzt hat sie ein mulmiges Gefühl. Sie bekommt vom Hausmeister einen neuen Schlüssel ausgehändigt und darf wieder zurück in ihre Wohnung ziehen.

Die Bewohner*innen werden von Sozialarbeiter*innen unterstützt

Rund 40 Türen mussten in der Usti nad Labem Nummer 97 erneuert werden. Das erledigten Handwerker der zuständigen Chemnitzer Wohnungsgenossenschaft in der Nacht von Montag auf Dienstag in Akkordarbeit. Auch das Treppenhaus von Nummer 97 wurde teilweise neu gestrichen, damit die Bewohner*innen bei ihrer Rückkehr nicht mehr an den Einsatz der Polizei erinnert würden, teilte die Genossenschaft mit.

Ich darf Haus 97 nicht betreten. Eine Einschränkung, die nicht nur die letzten Bauarbeiten im Inneren, sondern auch die Bewohner*innen schützen soll. „Es war für alle Beteiligten eine neue Erfahrung, ein Ausnahmezustand. Die Mieter sind nicht freiwillig gegangen, sondern sie mussten Hals über Kopf das Haus verlassen. Es war eine starke Belastung für die Bewohner“, sagt Erik Escher. Er ist Pressesprecher der zuständigen Wohnungsgenossenschaft und beantwortet an diesem Tag stellvertretend für die Bewohner Fragen. Sie selbst haben um Ruhe gebeten, ihnen sind Sozialarbeiter*innen zur Seite gestellt worden.

Umso mehr überrascht mich die Gelassenheit von Mathias Hofmann. Er ist Vorstandsvorsitzender der Kindervereinigung Chemnitz e.V. und damit auch zuständig für die Kindertagesstätte „Glückskäfer“. Sie liegt nicht einmal 200 Meter von Wohnhaus 97 entfernt. Die Kita hatte nahm bereits in Absprache mit der Jugendamtsleitung der Stadt Chemnitz am Montagmorgen um 6 Uhr den Betrieb wieder auf.

bild-mathias-hofman-2
„Es hätte auch jede andere Stadt sein können. Nun ist es eben in Chemnitz passiert“, sagt Mathias Hofman. © Carina Fron

Der Kindervereinigung Chemnitz e.V. setzt sich stark für die Integration von Kinder mit Migrationshintergrund ein. Immer wieder organisiert der Verein Projekte, die den kulturellen Hintergrund von Geflüchteten auch den Kindern näher bringen wollen. Mathias Hofman ist das besonders wichtig. Er betont allerdings, dass in der Kindertagesstätte „Glückskäfer“ keinen besonders hoher Anteil an geflüchteten Kindern gibt. Mathias Hofmann sagt: „Also dass Chemnitz nun die neue IS-Hochburg wird, glaube ich ja nicht.“ Viel eher werde auch durch die Bewohner*innen der Usti Nad Labem Nummer 97 der ruhige Alltag in das Viertel zurückkehren.