27 und noch Single? In China wärst du eine „Reste-Frau“

Eine Frau, die mit 27 nicht verheiratet ist, bekommt in China das Label „Sheng Nü“ aufgedrückt – zu Deutsch „Reste-Frau“. Manche stehen drüber, aber viele fühlen sich diskriminiert. Besonders von ihren Eltern. 

© Screenshot: SK-II/Youtube

Eine Single-Frau in China. © Screenshot: SK-II/Youtube

„Wir dachten immer, dass unsere Tochter eine tolle Persönlichkeit hat. Aber sie sieht einfach durchschnittlich aus. Nicht besonders hübsch“, sagt eine Mutter. „Deswegen ist sie übrig geblieben“. Ihre Tochter sitzt daneben und weint. Dennoch wirkt sie nicht verärgert, sie bleibt ihrer Mutter gegenüber höflich und respektvoll.

Das ist eine Szene aus dem Video „Marriage Market Takeover“, welches gegen die Stigmatisierung junger Chinesinnen durch den Begriff „Reste-Frau“ aufmerksam machen will. Der Begriff beschreibt eine urbane, gebildete Frau über 27, die immer noch Single ist. Dass sich die Frauen bewusst gegen eine Ehe oder Beziehung entschieden haben könnten, wird ausgeblendet. Stattdessen setzen vor allem Eltern ihre Töchter mit dem Label unter Druck.

Frauenrechtlerin Leta Hong Fincher, die als Beraterin für die Gegen-Kampagne engagiert wurde, hat 2014 ein Buch über die „Reste-Frauen“ veröffentlicht. In einem Vortrag erklärte sie, dass der Begriff sogar mittlerweile von staatlicher Seite genutzt wird: „Er wurde 2007 von der chinesischen Frauenrechtsorganisation ‚All-China Women’s Federation‘ definiert. Im selben Jahr übernahm Chinas Bildungsministerium den Begriff in sein Lexikon. Seitdem wird der Begriff in allen Medien gebraucht.“

Wie sehr die jungen Frauen unter diesem Label leiden, zeigen die Doku-artige Szenen, in denen sie mit ihren Eltern zusammensitzen und Sätze zu hören bekommen wie diese: „Ich werde nicht in Ruhe sterben können, bis du verheiratet bist.“

Die Frauen erzählen von ihren Zweifeln: „Vielleicht sollte ich lieber jemanden vorziehen, der passt – anstatt einen Mann, den ich liebe.“ Sie wollen endlich die Eltern zufriedenstellen.

Die neue selbstbewusste, chinesische Frau

Im zweiten Teil des Videos ändert sich die Stimmung. Man sieht einen Heiratsmarkt in Shanghai. Dort präsentieren Eltern normalerweise Lebensläufe ihrer oft einzigen Töchter, um sie an den Mann zu bringen. Für das Takeover-Video haben die Produzenten statt der Vitae Portraits der Töchter mit Nachrichten an deren Eltern ausgehängt: „Ich möchte nicht heiraten, nur um der Ehe wegen. So werde ich nicht glücklich leben können.“

Die Eltern reagieren überraschend entspannt und liebevoll auf die Aussagen ihrer Töchter. Am Ende liegen sich Mama, Papa und Tochter im Arm. „Lass nicht Druck deine Zukunft bestimmen“ erscheint ein Schriftzug am Ende des Videos.

Der Clip ist Teil der Kampagne „Change Destiny“ der Kosmetik-Marke SK-II. Daher erwartet die Zuschauer*innen auch ein Happy End. Es ist allerdings schwer vorstellbar, dass sich ein so tiefliegendes gesellschaftliches Phänomen mal eben auflösen lässt, weil ein paar Töchter Bilder mit emotionalen Nachrichten von sich aufhängen.

Trotzdem zeigt die Kampagne, dass sich das Bild der chinesischen Frauen ändert. Innerhalb von 48 Stunden hat das Video mehr als 424.628 Views erreicht. In den Kommentaren loben viele Frauen, wie sehr sie der Clip ermutigt.