Crowdfunding oder sterben: So absurd ist das Gesundheitssystem in den USA

Viele Menschen in den USA sind auf Spenden angewiesen, um ihre Krankheiten behandeln zu lassen. Auf Crowdfundingseiten findet ein Wettlauf um das Mitleid der Spender*innen statt – und Trump könnte alles noch schlimmer machen.

Bitte helft uns, unsere wunderbare Tochter zu retten. © altanaka / photocase.de

Wer sich durch die Beiträge der Seite Youcaring klickt, taucht ein in eine Welt des Leidens. Auf der Crowdfunding-Plattform können sich Menschen präsentieren, die Geld für Medizin oder Operationen brauchen. So wie zum Beispiel der 37-jährige Ryan aus dem US-Bundesstaat North Carolina, der an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte. Er hatte keine Krankenversicherung und benötigte schnell Hilfe. Mithilfe des Crowdfundings kamen mehr als 165.000 US-Dollar (rund 147.000 Euro) zusammen.

Auf Plattformen wie Youcaring oder GoFundMe ist die Kategorie Medical mittlerweile eine der wichtigsten, wie Bloomberg berichtet. Beim Marktführer GoFundMe machen Zahlungen für medizinische Behandlungen mittlerweile fast 50 Prozent der gesamten Spenden aus.

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Auf den Seiten finden sich auch Spendengesuche aus Deutschland und anderen europäischen Ländern, dennoch ist die Bedeutung für die USA ungleich größer. Denn dort sind viele Menschen nicht krankenversichert oder die Versicherungen übernehmen wichtige Untersuchungen oder Behandlungen nicht.

Die Portale verdienen kräftig mit

Viele Menschen versuchen deshalb, per Crowdfunding Geld zu sammeln. So schön es ist, dass viele Menschen bereit sind, Unbekannten zu helfen – es entwickelt sich gerade für ärmere Menschen ein skurriler Wettlauf um das Mitleid und die Aufmerksamkeit im Netz. Je persönlicher erzählt und besser bebildert, desto größer die Wahrscheinlichkeit, Spenden zu erhalten.

[Außerdem bei ze.tt: Wer vergewaltigt wurde, könnte in den USA künftig keine Krankenversicherung bekommen]

Zu diesem Schluss kommen auch die Forscherinnen Lauren Berliner und Nora Kenworthy. Sie haben 200 GoFundMe-Kampagnen untersucht. „Crowdfunding fördert hyper-individualisierte Accounts des Leidens auf Social-Media-Plattformen. Wer es nicht schafft genügend Geld einzusammeln, hat sich nach dem dort verbreiteten Narrativ einfach nicht gut genug selbst vermarktet“, schreiben sie in einem Artikel im Fachmagazin Social Science & Medicine.

An diesem Geschäft mit dem Leid anderer Menschen verdienen die Crowdfunding-Portale prächtig. GoFundMe etwa zweigt pro eingegangener Spende fünf Prozent ab. Wer Geld überweist, muss pauschal 2,35 Prozent und einmal 25 Cent abgeben. Das Portal kassiert also zweimal.

Krank? Dein Problem

Ex-Präsident Barack Obama hatte die Zahl der Unversicherten mit seinem Affordable Care Act reduziert, doch Donald Trump will das Gesetz ersetzen. Ein entsprechender Entwurf hat das Repräsentantenhaus schon passiert. Der Senat hat noch nicht zugestimmt. Der Rechnungshof hat vorgerechnet, dass mit Trumps Gesetz bis in zehn Jahren weitere 23 Millionen US-Amerikaner*innen unversichert sein könnten. Die Bedeutung von Crowdfunding für die Gesundheit ärmerer Menschen wird deshalb wohl weiter wachsen.