Da bewegt sich was in Europa – wie sich junge Menschen jetzt engagieren

DEMO, Kleiner Fünf und Puls of Europe zeigen, wie politischer Protest funktionieren kann.

EU-Fahne, EU-Hymne, Gemeinschaft - mittlerweile gehen tausende Menschen in ganz Europa jeden Sonntag auf die Straße. © Thomas Lohnes/Getty Images

Der 18-jährige Silvan Wagenknecht steigt auf ein Podest, das auf den altehrwürdigen Treppen des Berliner Konzerthauses aufgebaut wurde. Für einen kurzen Moment wirkt der zierliche junge Mann verloren – vor der Menschenmenge, die sich unter dem blauen Märzhimmel auf dem Gendarmenmarkt versammelt hat. Aber nur kurz, dann begrüßt Silvan mit fester Stimme die EU-Fähnchen schwingenden Demonstrant*innen: „Wir sind Pulse Of Europe. Wir sind eine unabhängige und überparteiliche Bewegung für den Erhalt der Europäischen Union.“ Im November 2016 gegründet, ist Pulse Of Europe mittlerweile jeden Sonntag um 14 Uhr in 40 Städten in sechs EU-Ländern an öffentlichen Plätzen vertreten, um ihrer Zustimmung zur europäischen Gemeinschaft ein Gesicht zu geben.

Von Hunderten zu Tausenden – Pulse of Europe wächst

Als Silvan erstmals von der Bewegung Pulse Of Europe erfuhr, dachte er sich, dass diese Idee auch in die Hauptstadt getragen werden müsste. Bei der ersten Veranstaltung in Berlin waren 250 Teilnehmer*innen da, vergangenen Sonntag waren es laut Polizeiangaben 4.000, die sich auf dem Gendarmenmarkt zusammengefunden hatten. Silvan macht eine betriebliche Ausbildung zum Mediengestalter. Zeit für das politische Engagement hat er abends und an den Wochenenden. Nach der Arbeit organisiert er die Berliner Kundgebungen und kümmert sich mit einem Team von mittlerweile 20 Mitstreitern um die vielen Fragen der Interessenten. „Mitglied muss man nicht werden, um mitzumachen“, erklärt Silvan. Man könne einfach dazukommen.

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Die Mehrheit der Demonstrant*innen auf dem Gendarmenmarkt ist Mitte 40, es sind auch einige Familien mit Kindern darunter. Unter den wenigen jungen Ausnahmen ist neben Silvan der Sozialwissenschaftsstudent Jeremy Lacher. Er ist alleine da und einer von denen, die eines Tages einfach dazugekommen sind. Es ist sein dritter Sonntag, den er anstelle mit Freunden oder in der Bibliothek, als Ordner mit weißer Binde am Arm auf dem Platz verbringt. Seine Freunde, meint er, seien zwar auch pro Europa, aber viele halten diese Form von Protest für unproduktiv. Lediglich Präsenz zu zeigen kommt ihnen nicht wirksam genug vor, um ihrer Haltung für eine pluralistische und tolerante Gesellschaft Ausdruck zu verleihen.

Wow!Das habt ihr toll hinbekommen! Super,dass ihr immer so Zahlreich erscheint .#europe #pulseofeurope #niederlande #niederlandewahl

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Kleiner Fünf will Aktivist*innen vernetzen

Bei der Auftaktveranstaltung der Kampagne Kleiner Fünf in Berlin-Kreuzberg ist das Publikum deutlich jünger. Man sieht viele Nerd-Brillen, viele Tablets – alles hat ein bisschen Kreativ-Start-up-Charakter. Kleiner Fünf, eine bundesweite Initiative, hat sich vorgenommen, dass bei der Bundestagswahl 2017 keine rechtspopulistische Partei in den deutschen Bundestag einzieht und nimmt deshalb vor allem die Protest- und Nichtwähler*innen ins Visier. Entstanden ist die Idee aus einem Freundeskreis heraus, der sich nach und nach zu einem Kreis der Gleichgesinnten entwickelte und für andere Interessierte öffnete.

Auf ihrer Homepage findet sich Material, wie man eine konstruktive Diskussion führen kann – auch wenn der Onkel beim Familienessen mit Stammtischansichten zum Thema Masseneinwanderung ankommt und mit unbelegten Zahlen um sich wirft. Bisher findet man auf der Kleiner-Fünf-Homepage neben Verweisen auf Pulse of Europe und DEMO Verlinkungen zu 16 weiteren Initiativen wie Aufstehen gegen Rassismus, #ichbinhier oder European Alternatives. Interessierte, die sich engagieren wollen, aber nicht wissen wie, sollen sich in Zukunft an Kleiner Fünf wenden können, um zu erfahren wo in ihrer Region bereits Möglichkeiten gegeben sind, sich gegen die erstarkende AfD, gegen rechte Parolen zu engagieren. Finanziell getragen wird Kleiner Fünf von der 2002 gegründeten Bewegungsstiftung und durch Spenden.

Respektvolles Miteinander, Zuhören und ernst nehmen statt Niederschreien oder Diffamieren, Teilen statt Ausgrenzen.“

Unter den Besuchern der Veranstaltung ist auch die 26-jährige Lore Kurz. Sie ist erst seit einigen Wochen bei Kleiner Fünf und beteiligt sich an der Kampagnenplanung oder redigiert Texte für die Website. Im letzten Jahr hat sie sich immer öfter gefragt, was eigentlich ihr Beitrag dazu sein könnte, dass sich deutsche Geschichte nicht wiederhole: „Für mich steht Selbstverständliches plötzlich infrage: respektvolles Miteinander, Zuhören und ernst nehmen statt Niederschreien oder Diffamieren, Teilen statt Ausgrenzen.“ Sich ausschließlich theoretisch mit den politischen und kulturellen Herausforderungen zu beschäftigen, also Hausarbeiten über Antisemitismus oder DDR-Geschichte zu schreiben, damit diese dann in der Schublade eines Dozenten verstauben, erscheint Lore einfach nicht mehr ausreichend.

Wer sich in der Öffentlichkeit für Vielfalt und für eine plurale Gesellschaft einsetzt, wird zur Zielscheibe von rechter Pöbelei bis hin zur Androhung körperlicher Gewalt. Paulina Fröhlich, die Pressesprecherin von Kleiner Fünf und eine der wenigen Vollzeitkräfte im Team, sagt: „Die rechte Szene in Deutschland ist aktiv im Netz und in der Öffentlichkeit. Wir erhalten Kritik, die unter die Gürtellinie zielt.“ Aber das Credo von Kleiner Fünf ist „radikal höflich“. Und „radikal höflich“, erklärt Paulina, soll kein Kreuzberger Buzzword sein, sondern einen konstruktiven Dialog ermöglichen. Wer sich aufregt, wer sich in einer Diskussion von Wut leiten lässt – zu emotional wird -, der verliert seinen kühlen Kopf und vor allem seine guten Argumente.

DEMO: auch Party kann politisch sein

Und trotzdem spielen Emotionen eine große Rolle. Nicht nur im Kampagnenfilm von Kleiner Fünf, in dem Menschen auf die Frage „Was verlierst du, wenn Rechtspopulisten in den Bundestag einziehen?“ mit „Vertrauen“ oder „Meine Meinungsfreiheit“ antworten. Emotionen treiben auch an. Nicht nur die, die Hass gegen alles Fremde verspüren, oder die, die Angst haben, dass „die uns die Arbeitsplätze wegnehmen“, sondern eben auch die anderen. Wie die 1987 geborene Journalistin Mareike Nieberding, die im November 2016 die Jugendbewegung DEMO gründete.

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„Weil Trumps Wahlerfolg ein Sieg des Hasses über die Liebe, der Lüge über die Wahrheit, der Verachtung über die Empathie war“. Auch bei DEMO sind alle willkommen, die mitmachen möchten. Die Bewegung organisiert sich über Regionalgruppen, die in mittlerweile fast allen Bundesländern vertreten sind und die wiederum versuchen, auf die Bedürfnisse in ihrer Region einzugehen. Das können Workshops an Schulen sein, in denen über Nationalismus und Demokratie diskutiert wird, aber auch Partys oder öffentlichkeitswirksame Aktionen.

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Auf dem Bordstein vor dem Kleiner-Fünf-Event sitzt die Mediatorin und Konfliktmanagerin Katinka. Sie beschäftigt sich viel damit, wie man aktiv werden könnte, meint sie. Aber eine Antwort auf das Wie hat sie immer noch nicht gefunden. Auf die Straße gehen? Oder Aufklärungsarbeit leisten? Man hört eine Portion Ratlosigkeit in ihrem Tonfall mitschwingen.

Die rechten Parteien in ganz Europa haben verstanden: „je lauter, je mehr, desto besser.“ Sie sind gut vernetzt und sind sich nicht zu gut, auch mit der ideologisch gleichgesinnten, aber institutionellen Konkurrenz zusammenzuarbeiten. Ein internationales Beispiel war der von Frauke Petrys Ehemann Marcus Pretzell organisierte Kongress in Koblenz, auf dem sich die Vertreter der populistischen Parteien nach dem ironischen Motto „Internationale Nationale“ fröhlich bei den Händen nahmen und damit für ordentlich Medienrummel sorgten.

Es müssen viele sein, die EU-Fahnen schwingen und für eine offene Gesellschaft demonstrieren oder in Schulen gehen, damit der laute Hass nicht immer wieder das leisere Gefühl – Liebe – übertönt.“

Kleiner Fünf hat es sich deshalb zum großen Ziel gemacht, als Bündel für all die bereits bestehenden Initiativen zu fungieren. Als Konkurrenz für die anderen bereits bestehenden Bewegungen, nach dem Motto Ich kann besser Gutes tun als Du empfinden sie sich nicht, meint ihre Pressesprecherin Paulina Fröhlich. Ob die anderen Bündnisse, Initiativen und Bewegungen das auch so sehen oder ob sie insgeheim doch lieber mit Mutter-Teresa-Syndrom um den engagiertesten Einsatz und die größtmögliche Zahl an Anhängern buhlen, ist noch offen.

Was Kleiner Fünf, DEMO, Pulse of Europe und die vielen anderen Bündnisse und Initiativen alle gemeinsam haben, ist ihr Fokus auf die Bundestagswahl im September 2017, ihr Ringen um die Nicht- oder Protestwähler. Sie alle sind auf Facebook, Instagram und so weiter vertreten und wissen, dass sich die Meinungen der Wähler*innen zu einem nicht unbedeutenden Teil im Internet bilden. Aber Präsenz im Internet zu zeigen wird nicht ausreichen. Am lautesten sind sonst immer wieder die rechten Mobs, die Montags-Demos, die, die Angst machen mit Fackelzug und schwarzer Bomberjacke. Es müssen viele sein, die EU-Fahnen schwingen und für eine offene Gesellschaft demonstrieren oder in Schulen gehen, damit der laute Hass nicht immer wieder das leisere Gefühl – Liebe – übertönt.

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