Da schnallsch ab: Mein erster Monat als Schwabe in Berlin

Berlin, was hast du nur gegen Schwaben? Unser neu zugezogener Redakteur Till Eckert aus Dettingen am Albuch verarbeitet seine ersten Wochen in der Hauptstadt.

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Prenzlauer Berg: Man sagt, hier leben besonders viele Schwaben. © Flickr | Oh-Berlin.com | CC BY 2.0

Ich bin Schwabe und vor ein paar Wochen nach Berlin gezogen. Kurz nach meiner Ankunft habe ich mich in einer Kneipe mit einem, wie er es nannte, „alteingesessenen Berliner“ unterhalten. So einer, der noch Dinge wie „icke, wa“ sagt. Als ich erzählte, wo ich herkomme, sagte er abwertend: „Oh, mein herzliches Beileid“. Er empfahl mir, dieses Detail in künftigen Gesprächen mit Berliner*innen zu verheimlichen.

Meinte der Kerl das ernst? Haben die Berliner uns Schwaben etwa nicht so gern? Ich google „Berlin Schwaben“. Das erste Ergebnis: ein Wikipedia-Eintrag über „Schwabenhass“. Wo, um Himmels Willen, bin ich hier gelandet?

Ich recherchiere weiter. Vor Jahren wurde von autonomen Gruppen ein „Spätzlekrieg“ ausgerufen, überall Schmierereien, „Schwabe, verpiss dich!“, „Schwabylon“. Es gibt sogar eine Satire von einer Dame, die sich Prenzlschwäbin nennt.

Wie nur haben es die Schwaben in Berlin geschafft, eine ganze Hauptstadt gegen sich aufzubringen? Nach einem Monat und ein paar weiteren Gesprächen mit „alteingesessenen Berlinern“ sind mir die gängigsten Vorurteile geläufig. Und ich habe mir so meine Gedanken dazu gemacht.

1. „Das sind doch alle spießige Sparer!“

Das denkt Berlin: Schwaben sind reich und haben immer etwas auf der hohen Kante. Für schlechte Zeiten, für’s Ego, falls der Krieg ausbricht oder sie einen neuen Daimler kaufen wollen. Sie wollen sparen, und vor allem können sie das auch.

Was ich darüber denke: Bidde? So reich senn mer doch gar ed. Blos weil dui in Berlin koi Ahnung vom Geld henn, hoißd des no lang ed, dass wir ois hätted. Auf meim Konto ischs leer wie im Eglensee im Sommer, wo bin i jetzd dr Spießer? Was isch des überhaupd für a Vorwurf? Lernad hald oifach zom vrschpara, odr? Aussrdem gads dene aus Hamburg und Bayern viel bessr als os.

2. „Hochnäsig sind sie – und beschweren sich ständig!“

Das denkt Berlin: Schwaben haben immer an allem etwas auszusetzen. Sie sind grundsätzlich unzufrieden und unverschämt. Noch dazu überschätzen sie sich selbst. Sie fragen grundsätzlich nie nach dem Weg. Ist ihr Auto zugeparkt, pulsieren ihre Stirnadern und sie beginnen laut zu fluchen.

Was ich darüber denke: Ko sei. Schwoba fluachad scho gera, wenn ebbes ed basst. Kreativ senn se: „Herrgottzack“, „bluadige Hennakepf“. Abr des bassd scho, weil se in sich nei schimbbfad. Liebr d Welt ed verstinga, had dr Spatz gsagt ond en Bach gschissa – Sprichwörtle. In Berlin ziegad se hald liabr a Gosch bis zom Boda na, wenn se schlecht drauf senn. Nau senn se wiaschd und overschämt zu alle, au zu mir, wenn i bloß im falscha Momend am falscha Ort beh. Jedr hat sei Bindele zom draga, ond des isch au guad so: Wer narrad isch, ko besser urdoila.

3. „Man versteht sie nicht!“

Das denkt Berlin: Der Dialekt der Schwaben wurde in der Hölle erfunden („Schorsch, holsch du mr no gschwend Grommbiera aus’m Keller?“). Schwaben feiern sich für ihren Dialekt selbst und erfinden darüber Witze, die nicht witzig sind. Man versteht die Schwaben nicht, niemals, so sehr man sich auch anstrengt.

Das denke ich darüber: Ja klar. I muaß mir von welche erzähla lassa, dass mei „isch ja gladd“ koinr verstdod, dabei sagad se selbr „ick könnt ma beölen“. Emmr’s gleiche: Diu wo ällaweil sagad, se essad nix, fressad am moischda. In Berlin deand se immer dodal weltoffa, die moischde schwätzad hald hochdeutsch odr glei englisch. Lass i oifach ed gelda! Suchad eich bessre Argumente! In Schduargrd in Cannschdadd gibts sogar oina, dui will de Schwoba s schwäbala abgwöhna – also, wir deand uns au ohne eich scho gnuag abfiesla.

Das ist Dettingen am Albuch, mein Dorf. © Gemeinde Gerstetten
Meine Gedanken, mein Herz, mein Leben, meine Welt: Dettingen am Albuch. © Gemeinde Gerstetten

4. „Die sind ungemütlich und arbeiten zu viel!“

Das denkt Berlin: Schwaben sind nie wirklich entspannt. Selbst wenn sie gerade Pause haben, ist das eher selbst verordnet („Jetzad gschwind Auga zuamacha“), zwischen ihren Geschäfts- oder Privatterminen. Die Schwaben sind echte Schaffer und stolz darauf.

Das denke ich darüber: Glaubad mr ois: Meine Buaba ond i, wir senn so entschbannd, mehr god ed. Wir schaffad alle ond henn danach trotzdem a Leba wie zea jonge Gäul. Mei Middagspause isch mr heilig, ond des god älle andre Schwoba besdimmd au so. Bei dr Arbeitslosaquod in Berlin schockt me abr eh nix mehr. Ihr hoggad halt dr ganze Dag dro wia a Pfond Schniddz ond hättad gera a Sieschda wie die Schbanier. Draimad weidr, ihr Neiddeifl.

5. „Die sind viel zu ordnungssüchtig!“

Das denkt Berlin: Der Schwabe kann sich nicht gehen lassen. Es muss alles sauber sein, immer, weil was sollen denn die Leute denken? In Stuttgart kann man von der Straße essen. Nicht umsonst ist die Kehrwoche in Prenzlauer Berg fester Lebensbestandteil geworden.

Das denke ich darüber: Des isch oifach ed wahr. Wir Schwoba lassad unsra Haupdschdadd verdregga, als hättad mr nommal oina. Ernschdhafd, wer denkd, wir dädad bloß no buddza, hat an Dachschada. Uns isch vielleichd ed egal, was dr Nachbr übr dr Karra denkd, aber ganz sichr, wies in dr Garasch aussiehd. Ois isch abr au klar: Wenn uns a Bladdascheißr oin auf dr Droddwar setzt, nau buddz mr des au weg – bei euch isch des ja andersch, gell, ihr kloine Drägglr?

6. „Die sind konservativ und voller Vorurteile!“

Das denken Berliner*innen über uns: Der Horizont der Schwaben reicht bis zur Dorfgrenze. Sie sind konservativ, finden alles Neue reaktiv abartig. Im Schwabenland ist die AfD-Wähler-Dichte höher als anderswo, sie lieben es zu lästern und haben über alles Vorurteile.

Was ich darüber denke: So, ihr Frichdla, jetz bassad mal auf: Bloß weil i ed jedem Scheissdreck hindrher spreng, hoißd des ed, i bin konservativ. Gots no? Älle sind se hip, bohème ond wie se den Gruschd soschd no alles nennad. Fiar den Texschd hab i drei Leut nach Vorurteile von euch über ons Schwoba gfragd – ond dui hend gfühld 30 aufzählt. Iebrigens: Au bei euch hend die Seggl von dener Allmachtsdebba-Partei d Chance, in dr Landdag zom komma. Jedr schdingd nach seinr oigana Mischde, schreibad euch des hindr d Leffl.


tl;tr: Wenn du dein Zabbfa in mein Arsch steggsch, dann hann i an Zabbfa em Arsch ond du an Zabbfa em Arsch, abbr i beh reladiv bessr dra.

Ihr Schwaben, sind euch auch schon Vorurteile begegnet? Habt ihr Anregungen und Verbesserung zu meiner Mundart-Schreibe? Meldet euch unter till.eckert@ze.tt bei mir. Und an alle Berliner: Nehmt’s sportlich (falls ihr den Text verstanden habt).