Der Moment, wenn die Liebe tot ist: „Da war mir klar, meine Beziehung ist vorbei“

Entliebt man sich einfach so, aus heiterem Himmel? Oder tut der*die Partner*in etwas, wodurch man ihn*sie plötzlich in einem anderen Licht sieht? Sechs Menschen beschreiben ihren Moment der Klarheit: Als sie plötzlich merkten, dass sie nicht mehr lieben.

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Schlussgemacht, nach dreieinhalb Jahren, einfach so. Niemand hat’s kommen sehen, am wenigsten Lukas* selbst, als Anne*, 24, ihm sagte, sie „fände ihn als Mensch wahnsinnig toll, aber im Moment müsste sie sich auf sich konzentrieren“. Er grübelt bis heute, was sie damit gemeint hat – und ahnt, wie es meist ist, wenn man ehrlich zu sich selbst ist, dass was ganz anderes hinter ihren Worten steckt und sie ihm nicht unnötig wehtun wollte.

Nicht alle sagen die Wahrheit, warum wirklich Schluss ist. Zu gemein und unbequem erscheinen die eigenen Gedanken. Es trifft den*die Partner*in schon genug, zu hören, er*sie ist nicht „der*die Eine“.

Wozu noch mehr Salz?

Doch was genau denkt und fühlt man, wenn man sich entliebt? Passiert es leise und schleichend? Oder mit einem Paukenschlag? Kann man daran arbeiten? Oder helfen weder Argumente noch Sex? Ich habe mit sechs Leuten gesprochen, die es wissen müssen: die plötzlich merkten, ihre Gefühle sind nicht mehr da. Beispiel Anne, Exfreundin von Lukas:

„Ich wollte ihn nicht mal mehr küssen! Sex ist zwar nicht der Hauptknotenpunkt einer Beziehung, aber es gehört doch dazu, dass man wenigstens noch ein bisschen Bock auf den anderen hat. Bisschen wenigstens. Und ich dachte nur noch: „Boah nee, bloß schnell den Sex hinter sich bringen, damit man nur chillen kann, so ungefähr“, erzählt sie mir, was sie ihm gegenüber niemals zugegeben hätte. „Wir haben uns durch meinen Urlaub und seinen Lehrgang sechs Wochen nicht gesehen, was so nicht geplant war. Und im Urlaub habe ich ihn überhaupt nicht vermisst. Es hat mich eher voll genervt, dass ich ihm antworten musste und mich so schlecht fühlen musste, weil ich darauf nicht wirklich Lust hatte“, sagt sie. Als sie ihn dann am Flughafen sah, dachte sie: „‚Ich freu mich überhaupt nicht, den jetzt zu sehen.‘ Das klingt so fies, wenn man es erzählt, aber ich habe es partout nicht mehr gefühlt. Total verrückt – hätte ich auch nicht gedacht, dass man sich einfach so entlieben kann.“

Genau über solche Situationen hat Journalistin und Fernsehautorin Jackie Thomae ein Buch geschrieben: „Momente der Klarheit“. Ihre Protagonist*innen erlebten alle in unterschiedlicher Form so einen Moment, in dem ihnen bewusst wurde, dass sie ihre*n Partner*in nicht mehr wollen. Wie Musikproduzent Bender, 48, der seit zehn Jahren mit Doro, in seinem Alter, zusammen war, die schon immer gern getanzt hat. Als sie auf einer Feier auf den Bartresen sprang und wild zu tanzen begann, dabei sogar eine verführerische Schnute zog, hörte er zwei 20-Jährige über sie lachen: „Die Alte auf der Bar denkt, sie ist Madonna. […] Schlimm. Schuss nicht gehört.“. Plötzlich fand auch er sie erbärmlich. Ertrug es nicht mehr, wie sie da oben stand, sich danebenbenahm. Am liebsten hätte er sich „Augen und Ohren gleichzeitig zuhalten“. Er haute ab, ohne ein Wort, und kam nie wieder. Autsch.

So weit, so grausam, so realistisch

Weder Doro noch Lukas werden wohl jemals den wahren Grund erfahren, warum sie sitzengelassen wurden. Ihre entliebten Expartner*innen wissen zu gut, dass die ehrlichen Gedanken den*die andere*n komplett zerstören würden und behalten sie für sich. Wie es auch Sophie*, 27, tat, deren Freund Johann* sie nach sieben Monaten seinen Eltern vorstellen wollte – und bestimmt nicht damit gerechnet hätte, dass er bald wieder darauf angewiesen sein würde, Selfies für Tinder zu schießen:

„Wir waren in diesem griechischen Restaurant, wo seine Eltern jedes Wochenende hingingen und immer wieder dieselben fettigen Fleischspieße aßen. Die Mutter erzählte mir überschwänglich, wie froh sie war, dass Johann endlich mal ein Mädchen mitbringt, dass sie jetzt wohl öfter sehen werden.“ Doch damit nicht genug: „Und vielleicht könnte ich sie ja samstags zu Hause besuchen und mit ihr zusammen Das Supertalent schauen, darauf freue sie sich immer die ganze Woche. Oh Gott, ich bekam keine Luft mehr. Das waren, ich komme mir so unendlich gemein vor, das auszusprechen, Leute mit einer so einfachen und kleinen Welt – ich wollte auf keinen Fall dazugehören!“ Sophies größte Sorge war ab da nur noch, wie sie ihn „schonend los werden konnte“.

Die Liebe, eine Bitter Sweet Symphony

Jede*r stellt sich ja irgendwie die eigene Zukunft vor: Wie könnte es in fünf oder zehn Jahren für mich aussehen? Möchte ich vielleicht noch in New York leben oder ganz woanders? Will ich reisen oder noch was richtig Aufregendes erleben? Ich weiß zwar noch nicht, was – aber ich weiß, dass? Und wenn einem plötzlich klar wird, dass man viele Träume hatte, aber durch eine Beziehung ganz woanders gelandet ist? Früher hattest man den Text von Bitter Sweet Symphony an seiner Wand hängen – und heute ist das Leben genau das, wovor es Richard Ashcroft und dem jüngeren Selbst graute?

Genauso ging es Theresa*, 26, deren Freund ihr seit Jahren gemeinsam geführtes Leben am liebsten sofort in staubtrockene Tücher gepackt hätte, um es haargleich dem Leben seiner Eltern nachzuahmen. Bei denen sie übrigens jeden Sonntag unter hell beleuchtetem Deckenlicht saßen und immer wieder dieselben fünf Gerichte aßen. Never change a winning Kartoffelpufferteller. Was sie, wenn’s nach ihm ginge, am liebsten bis ans Ende ihrer beider Tage getan hätten, mit möglichst bald nachrückendem Nachwuchs:

„Und nach dem Essen wurden dann die Nüsse und die Kerne ausgepackt, dann saßen sie da und haben diese Kernberge gegessen. Und als wir dann zu Hause waren, hat er genau das Gleiche gemacht: Er hat die Kerne rausgeholt, legte sich aufs Sofa, überall waren diese Kerne, wirklich überall. Ich musste ständig saugen, weil auf dem Teppich die ganzen scheiß Kerne rumlagen. Und er ist auf dem Sofa eingepennt, hat geschnarcht – und da er immer dicker wurde, quoll seine Wampe unterm T-Shirt raus – und das war der Moment.“ Plötzlich weiß sie, „das kann nicht alles gewesen sein.“

Ist der Traummensch einmal entzaubert …

… kann man meist nicht viel tun, um die Gefühle wieder nachwachsen zu lassen. Den*die andere*n kämpfen zu lassen, würde das Drama nur in die Länge ziehen. Viele wissen zu gut aus eigener Erfahrung, wie es ist, alle möglichen Verrenkungen anzustellen, in der Hoffnung, den*die andere*n doch noch von sich zu überzeugen.

„Auf einmal störte mich alles: dass sie schon morgens im Bett geraucht hat, und dass sie damit aufgehört hatte, als ich ihr gesagt habe, dass mich das stört. Sie hat gemerkt, dass ich ihr entgleite – und hat alles angestellt, um es mir recht zu machen. Aber egal was sie tat, sie konnte mir einfach nichts mehr recht machen“, erzählt Nils*, 29, warum er sich nach sechs Jahren trennte. „Ich fand es selbst merkwürdig im Nachhinein, mich haben bestimmte Dinge vorher nie an ihr gestört – und dann störte mich alles.“ Plötzlich war seine einstig geliebte Alina* ein Klotz am Bein. Der einstig am nächsten stehende Mensch ein Störfaktor. Die einstig Schönste körperlich abstoßend. „Ich weiß nicht, woran das lag. Wenn man liebt, möchte man sich in den Geruch des anderen am liebsten reinlegen. Aber wenn man nicht mehr liebt, ist es wie Gestank!“

„Alles war für mich plötzlich spannender als meine eigene Beziehung“

Nicht alle Menschen, die merken, dass es im Herzen erloschen ist, ziehen sofort Konsequenzen. Manche machen einfach weiter wie bisher. Wie Peter Pan, aus dem in Hook ein spießiger Anwalt geworden ist, weil er seine Träume vergessen hat.

„Ich stand unter der Dusche und dachte an meinen Tagesablauf: wie ich erst lerne, mich danach mit meinem Freund treffe, wir kochen was, weil wir immer gekocht haben, und danach gucken wir Serien. Und mir wurde klar, dass wir nur zusammen sind, weil wir zusammen sind. Aber wenn man einen Schritt zurückgeht und sich das wirklich anguckt, da nicht mehr viel ist“, gibt Mirka*, 27, zu, die fast vier Jahre lang mit ihrem Freund zusammen war, im letzten davon komplett auf Gefühl-Sparflamme.

„Ich habe das aber voll weggeschoben, ein ganzes Jahr lang, weil mir die Konsequenzen zu krass waren“, sagt sie. „Doch dann hatte ich an einem Abend eine Freundin zu Besuch und wir haben, voll albern, Vicky Christina Barcelona geguckt. Und mir wurde klar, dass meine Beziehung noch leerer ist als diese furchtbare Beziehung, die Vicky mit diesem schnöseligen Typen führt! Und da kam es mir so blöd vor, dass ich das die ganze Zeit aufgeschoben habe!“

Auch Sami*, 26, lebte mit seinem Freund schon seit einer ganzen Weile vor sich hin, bis jemand Neues kam, und alles auf einen Schlag änderte. „Ich war sieben Jahre mit Arne* zusammen. Ich war 19, als wir uns kennengelernt haben. Rückblickend kann ich sagen, ich wusste es nicht besser, weil ich die Dinge noch nie anders erlebt habe. Und erst als ich meinen jetzigen Freund David* kennengelernt habe – ich habe zwei Tage mit ihm verbracht – habe ich gemerkt: Das ist Liebe!“, sagt Sami. Und ihm dämmert: „Da muss irgendwas falsch sein gerade in meinem Leben – das ist doch keine Liebe, die ich für Arne empfinde! Das ist eine eingefahrene Sache. Dann war’s mir auch egal, ob wir schon sieben Jahre zusammen waren.“ Er ging und bezeichnet das rückblickend als die beste Entscheidung seines Lebens.

Und jetzt? C’est la vie?

Liebe beginnt, Liebe endet. Wie und warum ist ein genau so großes Rätsel wie Zeit oder Sterblichkeit, und wird uns immer beschäftigen. Allein die Songtexte, die mir beim Schreiben zu jedem Absatz einfielen, könnte ich an Carries Schuhen nicht abzählen. Jede*r, der*die schon mal verliebt war oder geliebt hat, weiß, wie es sich anfühlt – und wird es nicht vergessen. Wird es genau deswegen umso eindeutiger verstehen, wenn er*sie es nicht mehr fühlt. Und wird es wieder fühlen wollen. Was wäre denn die andere Option?

Heute und in der Welt, in der wir leben, haben wir den Luxus, mit dem Herzen entscheiden zu können, nicht mit dem Verstand. Manchen steigt das zu Kopf. Andere finden den Mut, eine lange aber eingefahrene Beziehung ohne Liebe aufzugeben, in der Hoffnung auf Erfüllung.

Vier von sechs Leuten, mit denen ich gesprochen habe, haben diese Erfüllung mit einer*einem anderen Partner*in gefunden. Niemand kann natürlich vorhersagen, ob und wie lange es hält – aber ihr Herz tanzt jetzt vor Freude, wenn sich der Schlüssel in der Tür dreht und er*sie von der Arbeit nach Hause kommt. Niemand von ihnen hat die Entscheidung bereut, damals gegangen zu sein. Auch diejenigen zwei nicht, die bis heute single sind und sich gern wieder verlieben würden. Dennoch sagen sie klipp und klar, dass der Wunsch nach einem*einer Partner*in bei Weitem nicht so stark ist, wie der Überdruss und das Genervtsein, das sie ihrer*m Ex gegenüber empfunden haben, als die Liebe schal wurde.

Gefühle wachsen nicht auf Knopfdruck nach, oder wenn man sich nur oft genug sagt, dass es schon wird und beim Sex die Zähne zusammenbeißt. Nein, wenn das der Fall ist, stimmt sowieso ganz vieles nicht.

Sich abfinden ist keine Lösung. Man hat nur ein Leben.


*Namen von der Redaktion geändert

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