Dafür schämt ihr euch am meisten

„Rassismus, Kontrollzwang, Spinneneier und meine Brüste.“ Wir haben euch gefragt, weswegen ihr im Boden versinken könntet.

"Hätt ich doch ... " Quelle: Unsplash / CC0

Scham ist ein beißendes Gefühl. Man kann es nicht abdrehen und nur wenig dagegen tun – ähnlich wie mit Schuldgefühlen. Denkt man an gewisse peinliche Situationen zurück, wird man noch heute rot und möchte im Erdboden versinken. Manchmal kann es aber helfen, es auszusprechen. Wir wollten von euch wissen, wofür ihr euch schämt und ihr habt uns anonym per Tellonym geantwortet.

„Ich schäme mich dafür, dass ich regelmäßig heimlich das Handy meines Freundes kontrolliere, weil ich zu viel Angst habe, wieder betrogen zu werden, obwohl ich ihm so gerne in dieser Hinsicht vertrauen würde.“

„Dafür, dass ich nichts gesagt habe, als eine Frau sich öffentlich rassistisch geäußert hat.“

„Für meinen Mitbewohner, weil er die Spinneneier aus seinem Zimmer nicht beseitigt.“

„Lange Zeit schämte ich mich dafür, eine Frau mit Sexualität, Begierde und Brüsten zu sein. Das hatte vermutlich mit meiner katholischen Erziehung zu tun. Ich bin jetzt Anfang 30, habe viele verschiedene Erfahrungen gemacht; Menschen, meinen Körper und mich kennengelernt. Mittlerweile schäme ich mich erst mal fast gar nicht mehr, die zu sein, die ich bin.“

„Dafür, dass ich charakterschwache Menschen oft nicht akzeptieren kann. Mir fällt es schwer zu verstehen, warum sie nicht die Selbstdisziplin haben, sich selbst in den Arsch zu treten.“

„Dafür, meinen eigenen Ansprüchen nicht zu genügen.“

„Dafür, dass ich mit 15 total betrunken einem Fremden einen geblasen habe.“

„Dass ich so laut werde, wenn ich verunsichert bin.“

„Für die sogenannte AfD und allgemein das Erstarken des Rechtspopulismus und die zunehmende soziale Kälte. Von Trump möchte ich erst gar nicht beginnen.“

„Ich schäme mich dafür, einen Großteil der letzten Jahre mit Psychotherapien und Orientierungslosigkeit verbracht zu haben. Auch wenn ich weiß, dass es mich stärker gemacht hat und mehr Menschen es brauchen als gedacht, schäme ich mich für das Bild, das es auf mich wirft. Es fällt mir schwer, stolz darauf zu sein, was ich überstanden habe.“

„Dass ich jemanden liebe, den ich gar nicht kenne.“

„Undankbar für all das Geld zu sein, das meine Eltern mir anstatt von Zuneigung geben.“

„Dafür, dass ich einen Freund von mir (und Partner einer sehr guten Freundin) geküsst habe. Es war Alkohol im Spiel, aber eben auch eine Anziehung, die schon lange spürbar war. Ich wollte nie so werden wie meine Mutter, deren Affäre unsere Familie zerüttete. Es war ,nur ein Kuss‘, aber der drehte meine Moralvorstellungen auf den Kopf.“

„Dafür, dass ich immer eifersüchtig werde, wenn mein Freund sich mit anderen Frauen trifft.“

„Für meine Blasenschwäche.“

„Dafür, dass ich Menschen, die ich liebe, manipuliere, um mich sicher vor der Angst des Alleinseins zu fühlen.“

„Für meinen Penis. Das Ding nervt und ich wünschte es wäre weg.“

„Für meine Eltern, weil sie mich im Stich gelassen haben.“

„Ich weiß nicht genau, wie man die Krankheit nennt, aber seit meiner Geburt habe ich übermäßig stark schwitzende Hände. Nicht durchgängig, aber dennoch belastet mich dieses Problem extrem. Ich kann es überhaupt nicht beeinflussen und weiß nicht, wovon es abhängt. Jeder, der mir rät, es mit Salbeitee zu versuchen, dem würde ich am liebsten den Vogel zeigen. Ich habe außer Tee auch schon Tabletten bekommen und die Tücher, die sich Sportler normalerweise unter die Achseln reiben, aber nichts hilft mir.“

„Dass ich im neunten Semester des Bachelors bin.“

„Dass ich zu einer Besprechung für Ehrenamtliche zugesagt habe und dann vergessen hab hinzugehen.“

„Mir sind einige Dinge unangenehm, aber ich versuche mich nicht mehr ständig zu schämen. Scham und Schuld sind Gefühle, die mir seit frühester Kindheit eingeimpft wurden. Meine Eltern sind narzisstische Borderliner. Das weiß ich heute. Mir ist es unangenehm, dass auch mein Kind deswegen fast in ihre Fänge geraten wäre und begann, sich für alles zu schämen und schuldig zu fühlen. Aber ich bin stolz, dass ich das realisiert habe und etwas dagegen tun kann.“