Damals und heute: Wie sich Aleppo durch den Syrienkrieg verändert hat

Das Bild eines Jungen, der einen Angriff auf Aleppo überlebte, geht zurzeit um die Welt. Aleppo ist das Symbol des Krieges in Syrien geworden: eine Millionenstadt, die vor den Augen der Weltöffentlichkeit stirbt. Unser Autor findet das unerträglich: Er hat die Metropole noch vor dem Krieg erlebt.

Bilder aus einer vernichteten Vergangenheit

Khalil war 23, als ich ihn 2013 für eine Radiosendung interviewte. Der Student aus Halle an der Saale kam damals von seinem zweiten Trip nach Syrien zurück. Mit einem Auto, vollbepackt mit Medizin und Kleidung, war er die knapp 3.500 Kilometer in seine Heimat gefahren, um zu helfen: ins vom Krieg erschütterte Aleppo.

Nach unserem Interview erwähnte ich, dass ich selbst mal in Aleppo gewesen war. 2008, zu einem Sprachkurs nach dem zweiten Semester meines abgebrochenen Arabistik-Studiums. Wo ich gewohnt habe, fragte mich Khalil interessiert. „Reifenmacherviertel“, wiederholte er nachdenklich meine Antwort, „da um die Ecke wohnt meine Familie.“ Er klappte seinen Laptop auf und zeigte mir, wie es dort bei seinem letzten Besuch aussah: ausgebombte Ruinen bis zum Horizont, Aleppo war zum apokalyptischen Niemandsland geworden.

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Kriegsbilder haben etwas verstörend Entrücktes an sich. Sie wirken so, als seien die Ruinen einer Stadt ihr natürlicher Existenzzustand. Als hätte es dort nie ein anderes Leben gegeben. Man kann den Horror solcher Bilder trotz allen Mitgefühls wegschieben. Anders ist es, wenn man in den heutigen Ruinen mal zu Abend gegessen, getrunken und gewohnt hat. So wie ich.

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Von der trubeligen Metropole zur Totenstadt

Es war ein unfassbar heißer August, als ich 2008 mit dem Bus in Aleppo ankam. Trotz Ramadan herrschte eine wilde Betriebsamkeit rund um den zentralen Park Gamal Abdel Nasser. Pendler eilten zu den Vorortbussen, Händler boten frisches Gemüse feil und Taxifahrer stritten lautstark um die Neuankömmlinge.

Im Osten wird der Platz von der Altstadt begrenzt, die auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes steht. Auf der anderen Seite thront das 23-stöckige Gebäude der Stadtverwaltung. Heute nennen die Einwohner das höchste Gebäude Aleppos „Sniper-Tower“. Rund um die Uhr schießen die Scharfschützen des Regimes auf alles, was sich zwischen Busbahnhof und Altstadt bewegt. Selbst auf Hauskatzen.

Syrische Gastfreundschaft im Weltkulturerbe

Die Altstadt, der „Souk“, war eigentlich ein riesiger Markt, das pulsierende Herz Aleppos. Ein verworrenes, fast komplett überdachtes Gewirr aus verschachtelten Häusern, verwinkelten Gässchen und farbenfrohen Läden. Jede Händlergruppe konzentrierte sich in einer eigenen Straße. Durch die Schmuckstraße hallten die Hammerschläge der Goldschmiede. Tausendundeins Gerüche schienen die Gewürzstraße zu erfüllen und über der Schächterstraße lag der metallische Geruch frischen Blutes.

Schon kurz nach Beginn des Bürgerkriegs verschanzten sich die Rebellen der freien syrischen Armee im Souk. Monatelang ließ Präsident Baschar Al-Assad die Altstadt bombardieren. Hier setzte er zum ersten Mal die berüchtigten Fassbomben ein: mit Benzin gefüllte Ölfässer, die nach der Explosion alles in Brand stecken. Heute ist der Souk ein verkohlter Trümmerhaufen.

Mitten in der Altstadt liegt die Umayyaden-Moschee. Der komplett mit Marmor ausgelegte Innenhof ist so große wie ein Fußballfeld. Zum Ramadan wurde er nachmittags zur Picknickwiese der Einwohner. Im Schatten der jahrhundertealten Gemäuer lagen Familien auf dem Boden und warteten auf den allabendlichen Kanonenschuss von der nahen Zitadelle, der das Fastenbrechen einleitete.

Mit der unvergleichlichen syrischen Herzlichkeit wurde ich dort von einer Großfamilie aufgenommen, ausgefragt und zum gemeinsamen Essen eingeladen. Heute ist die Moschee verweist. Über die Stadt peitschen nur noch das Artilleriefeuer der syrischen Armee und die Bombeneinschläge der russischen MiGs.

Fasten und Leben mit den Einheimischen

Für die, die es nicht rechtzeitig zum Fastenbrechen nach Hause schafften, gab es in Aleppo die „Ramadan-Restaurants“, teils improvisierte Lokale in Privathäusern. In kleinen Hinterhofküchen bereiteten Frauen den ganzen Tag syrische Spezialitäten zu. Kurz vor dem Kanonenschlag wurden eilig Plastiktische auf die Straße gestellt.

In wenigen Minuten waren alle Plätze gefüllt. Wer ein paar Lira in ein Glas warf, bekam ein halbes Dutzend Tellerchen mit Köstlichkeiten vor sich gestellt: Hommos, Fatush, Sujuk. Nach 15 Minuten waren alle leer, die Gäste eilten weiter, die Tische wurden wieder eingeräumt. Heute gibt es kaum noch Essen und kein fließendes Wasser in Aleppo.

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Abends saßen wir oft auf den Dachterrassen unseres Hotels, tranken hochprozentigen Arak mit den Einheimischen und schauten über einen Beamer Bab Al Hara, die berühmteste Seifenoper Syriens.

Auf dem Balkon gegenüber wohnte ein dunkelhaariges Mädchen, das mich immer genau studierte und mit Vorliebe lächelnd für die Kamera posierte. Was aus ihr geworden ist, weiß ich nicht. Die Reste ihres Hauses liegen unter den Schutthaufen, die Khalil mir auf seinem Laptop gezeigt hat. Zusammen mit den Erinnerungen an eine Stadt, die es so nicht mehr gibt.