Darum funktionieren manche Freundschaften nur, wenn andere dabei sind

Wir lachen schallend über ihre Witze und schwelgen in Erinnerungen vom letzten Kurztrip der Clique. Doch kaum sind wir mit dieser einen Person allein, tritt betretenes Schweigen ein. Warum?

Und worüber reden wir jetzt? Foto: Pexels | CC0 Lizenz

Auch wenn die gemeinsamen Studienzeiten von Nele*, Johanna, Lisa, Melissa und Anna mittlerweile Geschichte sind und die Freundinnen sich über das Land verstreut haben, lebt die Clique weiter. Bei WhatsApp, an gemeinsamen Wochenenden und in den Herzen. Treffen sich die Mädels, ist es lustig und laut – bis Nele alleine mit Johanna in einem Raum sitzt. Wetter, Abendplanung, check. Viel haben sich die beiden nicht zu sagen.

„Mit den anderen Mädels verbindet mich jeweils eine starke, individuelle Freundschaft zu zweit. Mit Johanna nicht“, sagt Nele. Doch gleichgültig ist ihr die Freundin keineswegs. “Johanna unternimmt und erlebt total viel. Ich finde sie richtig witzig und höre ihr gerne zu.”

Eine Clique – viele Beziehungen

Situationen wie diese seien typisch für Gruppen, meint der Freundschaftsforscher Horst Heidbrink. „Wenn man sich oft mit Leuten trifft, hält man sie vielleicht für Freunde. In einer Clique sind aber selten alle Mitglieder untereinander wirklich eng miteinander befreundet.” Interessant ist dabei: Die Wissenschaft bezeichnet und untersucht nur die Beziehung zwischen zwei Menschen als Freundschaft.

Doch was ist der Grund dafür, dass Nele und Johanna nur in der Gruppe funktionieren? „Oft sind Ähnlichkeiten dafür verantwortlich, mit wem wir engen Kontakt pflegen. Eine Freundschaft braucht Gemeinsamkeiten”, erklärt der Psychologe Heidbrink. Alter, Bildung sowie sozialer und materieller Hintergrund liegen bei Freunden oft nah beieinander.

Der Soziologe Johannes Stauder fügt die Entwicklung von Freundschaften hinzu: „Am Anfang steht eine gemeinsame Aktivität. Das reicht jedoch für eine enge Bindung nicht aus.” Dafür müsse man die Multiplexität der Beziehung erhöhen, also weitere Gemeinsamkeiten finden. „Je multiplexer eine Beziehung, desto höher sind die Chancen auf eine enge Freundschaft.”

Das bedeutet im Klartext: Wenn wir nur das Gleiche wie jemand studieren, ist die Chance auf Freundschaft kleiner, als wenn wir außerdem beide gerne indisch kochen und ähnlich über Politik denken.

Freundschaft ist nicht gleich Freundschaft

Warum sich Johanna und Nele nicht so nah stehen, weiß Nele nicht so recht. „Vom Typ her sind Johanna und ich uns eigentlich ähnlich”, sagt sie. Nach einigem Grübeln fällt ihr aber auf: „Johanna und ich haben ein sehr unterschiedliches Verständnis von Freundschaft. Während es mir wichtig ist, viele Einzelheiten zu wissen, die für meine Freunde von Bedeutung sind, hat sie dieses Bedürfnis nicht.”

Ein Beispiel: Fast ein Jahr lang bandelte Nele mit Max an. Stundenlang klamüserten ihre Freundinnen Höhenflüge und Herzschmerzen auseinander, berieten über Pro und Kontra und trockneten so manche Träne. Außer Johanna. Die fragte stattdessen eines Tages, als der berühmte Name fiel: „Von welchem Max reden wir?” Für Nele unvorstellbar bei einer guten Freundin.

Von der Bekanntschaft zur Freundschaft

Ähnliche Ansprüche an die Freundschaft scheinen eine besonders wichtige Gemeinsamkeit zu sein. Stauder betont außerdem: Man müsse Gelegenheiten haben, sich anzufreunden. „Kollegen in einer Fabrik haben es beispielsweise gar nicht leicht, Beziehungen zueinander aufzubauen. Jeder hat seinen festen Standort und das Reden ist kein Teil des Berufes – anders als bei vielen Bürojobs.”

Nele kann sich nicht erinnern, Johanna schon einmal unter vier Augen getroffen zu haben. Vielleicht sind auch hier fehlende Gelegenheiten schuld, dass die Zwei sich nicht enger angefreundet haben.

Brauchen wir diese Freunde?

Für die Fünfer-Clique sei Johanna trotzdem extrem wichtig, davon ist Nele überzeugt. Gerade weil die beiden nicht so eng befreundet seien, bringe Johanna frischen Wind in Gespräche ein. „Die Standpunkte der anderen Mädels kenne ich manchmal schon fast zu gut. Es ist schön, hin und wieder von Johanna überrascht zu werden.”

Auch die Funktion einer Gruppe ist wichtig für uns. „Einer Clique anzugehören ist etwas Erstrebenswertes. Leute, mit denen ich meine Freizeit verbringen kann, sind soziales Kapital – gerade für junge Leute. Wen kenne ich und wer kennt mich? Davon hängt der eigene Status ab”, sagt Wissenschaftler Heidbrink.

Welche Freundschaften in einer Gruppe die intensivsten sind, zeigt sich spätestens, wenn Gruppen ihren gemeinsamen Nenner verlieren und auseinandergehen. Denn über lange Zeit und lange Entfernungen hinweg bleiben meist nur wenige Beziehungen bestehen – die mit den Herzensfreunden eben.


*Alle Namen im Text sind geändert.

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