Darum ist es problematisch, wenn Gauland sagt, wir sollten stolz auf die Wehrmacht sein

„Wenn die Franzosen zu Recht stolz auf ihren Kaiser sind, und die Briten auf Nelson und Churchill, haben wir das Recht, stolz zu sein, auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen.“ – Alexander Gauland.

Alexander Gauland, hier zu sehen bei einer Wahlkampfveranstaltung in Pforzheim. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Am Donnerstag veröffentlichte BuzzFeed ein Video, in dem Alexander Gauland, der Spitzenkandidat der sogenannten Alternative für Deutschland, bei einer Rede folgendes sagt: „Man muss uns diese zwölf Jahre [Anm. d. Red.: die Naziherrschaft von 1933 bis 1945] jetzt nicht mehr vorhalten. Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr.“ Und: „Wenn die Franzosen zu Recht stolz auf ihren Kaiser sind, und die Briten auf Nelson und Churchill, haben wir das Recht, stolz zu sein, auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen.“

Warum sind diese Aussagen problematisch? Fangen wir mit der ersten Aussage an, wonach das Dritte Reich unsere Identität nicht mehr betreffen würde. Fraglich ist, wie die Nazidiktatur unsere Identität nicht mehr betreffen kann. Schließlich ist auf den Erfahrungen und Lehren aus dem Dritten Reich unser gesamtes politisches System aufgebaut.

Um ein Beispiel zu nennen: Europa. Deutschland ist Teil der Europäischen Union. Für die meisten jungen Menschen ist es selbstverständlich, ohne Passkontrolle bis Spanien trampen zu können. In vielen deutschen Städten gehen bei Pulse of Europe regelmäßig Menschen für Europa auf die Straße. Europa gehört zu unserer Identität. Dass das so ist, ist eine Lehre aus dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg. Um zu verhindern, dass der Kontinent sich weiter blutig bekriegt, wurde nach dem Ende des Krieges die Montanunion gegründet, quasi die Vorgängerin der EU.

Relativierung von Nazi-Verbrechen

Gaulands zweite Aussage betrifft die Frage, wie man sich an die Wehrmacht erinnert. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte sich die Frage, wer eigentlich schuld war an den NS-Verbrechen. In den jungen Jahren der Bundesrepublik war die Auffassung verbreitet, wonach die alleinige Schuld bei Hitler und einer kleinen Führungsriege lag. Zu der Zeit entstand auch der Mythos der sogenannten sauberen Wehrmacht. Es wurde eine Trennlinie errichtet zwischen den Verbrechen des Naziregimes einerseits und der Wehrmacht andererseits. Die Wehrmacht wurde entpolitisiert, Verbrechen relativiert oder gar bestritten.

Heute ist belegt, dass die Wehrmacht an den Verbrechen des NS-Regimes beteiligt war. So wurden beispielsweise unter dem Deckmantel der sogenannten Bandenbekämpfung (gemeint sind Partisanen, Anm. d. Red.) massenhaft Zivilist*innen ermordet. Die Wehrmacht arbeitete außerdem mit der SS zusammen, um in besetzten Gebieten Menschen jüdischen Glaubens und andere verfolgte Gruppen aufzuspüren und zu ermorden. Um nur einige Gräueltaten zu nennen.

Natürlich waren nicht alle Soldaten glühende Nazis und Kriegsverbrecher*innen. Aber angesichts der verübten Verbrechen davon zu sprechen, auf die Wehrmacht stolz zu sein, relativiert und verharmlost diese Taten.

BuzzFeed hat Gauland um eine Stellungnahme zu seinen Äußerungen gebeten. Bislang hat er sich nicht zu Wort gemeldet. Was wir nicht vergessen sollten: Gauland ist nicht irgendein dahergelaufener Neonazi, sondern Spitzenkandidat einer Partei, die womöglich mit Ergebnis im zweistelligen Prozentbereich in den Bundestag einziehen wird.