Darum macht es nicht glücklich, alles hinzuschmeißen und um die Welt zu reisen

Auf der DNX – der Konferenz für digitale Nomaden – feiert sich die Szene selbst. Es geht um neues Arbeiten und Erfüllung. Dabei wird klar: einfach alles hinwerfen und vom Strand aus freelancen reicht nicht.

„Die Welt ist schön, die Welt ist gut, die Welt ist ein geiler, geiler Ort“, sagt Marcus Meurer in seinem Vortrag und die Menge jubelt. Die Generation Y stelle sich die großen Fragen des Lebens, sagt er. Antworten darauf soll sie hier finden, auf der DNX – der Konferenz für digitale Nomaden.

Bei diesem Event treffen sich Leute, die ihre Jobs hinwerfen oder ihr ganzes Leben umkrempeln, um die Welt reisen und von überall aus ortsunabhängig arbeiten. Vor allem aber solche, die das gern machen würden. Für ein Ticket zahlen sie zwischen 350 und 830 Euro. Digitale Nomad*innen sind übrigens nicht zu verwechseln mit Backpacker*innen. Die einen arbeiten, die anderen feiern. „Backpacker und Nomads passen nicht so richtig zusammen“, sagt auch DNX-Gründer Marcus in seinem Vortrag.

„Fuck Handbremse!“

Ich bin aus Neugier am vergangenen Samstag ins Funkhaus Berlin gekommen und will sehen, was das für Menschen sind, die so leben und wie sie das machen. Das Publikum ist gemischt: Menschen zwischen 20 und über 40, gleichermaßen Männer und Frauen, Hunde und Kinder sind auch dabei. „Wir sind eine große Familie,“ sagt Moderator Sascha Boampong, als der Ton wieder funktioniert. Die Vorträge haben Titel wie Werde die beste Version von dir selbst: Direkt umsetzbare Hacks, die dich und dein Business aufs nächste Level bringen und Fuck Handbremse!

Werde die beste Version von dir selbst.“

Es gibt in den Vorträgen, die ich mir anhöre, viel „Ihr seid anders als die Masse“, „Ihr seid die Revolution“, „Wenn alle so denken, dann wird sich nichts ändern“ und noch mehr aufstehen und klatschen und pumpende Bässe.

Was bedeutet Erfüllung?

DNX-Gründerin Felicia Hargarten sagt unter großem Applaus: „Die Arbeitswelt hat ein Update nötig“ und „Wir haben Erfüllung verdient!“ Es sei schon ganz gut, Jobs, auf die man keinen Bock hat, von Bali aus zu erledigen. Noch besser sei es jedoch, Dinge zu tun, die einen wirklich glücklich machen.

Erfüllt wirst du erst, wenn du anfängst, nach deiner Intuition und deinem Herzen zu gehen.“

Die zu finden, das wissen wir wohl alle aus eigener Erfahrung, ist ziemlich schwer. Doch auch hierfür hat Felicia einen Tipp: „Erfüllt wirst du erst, wenn du anfängst, nach deiner Intuition und deinem Herzen zu gehen.“ Nur: Was will das Herz, was erfüllt es? Das könne sich im Leben immer wieder ändern, sagt Feli. Hm.

Butterfahrt, Cluburlaub und Kirchentag

Insgesamt erzählen die Vortragenden wenig Konkretes. Aber das ist offenbar okay, die Besucher*innen freuen sich, die Stimmung ist ausgelassen, es wird getanzt. Man kann Camps buchen oder Lebenshilfe-Ratgeber kaufen und wirklich jede*r hat ein Business. Das ist ausschlaggebend, damit man ortsunabhängig arbeiten kann.

[Außerdem auf ze.tt: Arbeitszeit und Biorhythmus: In unserer Jobwelt muss sich etwas ändern]

Und diejenigen, die noch keine digitalen Nomad*innen sind, hoffen, dass ihnen genau das mit ihrer Idee auch gelingen wird. Irgendwie erinnert mich die DNX an eine lustige Mischung aus Butterfahrt, Cluburlaub und Kirchentag.

Die Reise nach innen ist wichtig

Der Vortrag von Erfolgsbloggerin Conni Biesalski ist anders. Sie spricht über neue Projekte, ihre Depressionen und Verletzlichkeit. Vor allem aber spricht sie offen Dinge an, die auf den ersten Blick nicht in die sehnsuchttriggernde, sonnendurchflutete Nomad*innen-Welt passen. „Ich habe alles gemacht, von dem ich dachte, dass es mich glücklich macht – und trotzdem habe ich mich innen drin wie in einem Käfig gefühlt.“

Es geht gar nicht darum, jeden Tag den ganzen Tag super happy zu sein.“

Conni begab sich auf eine Reise nach innen, inklusive anderthalb Jahren Therapie. Man könne am schönsten Ort der Welt sein und die tollsten Dinge tun – wenn man mit sich nicht im Reinen sei, mache selbst das großartigste Nomad*innenleben nicht glücklich. „Es geht gar nicht darum, jeden Tag den ganzen Tag super happy zu sein“, resümiert Conni.

Man nimmt immer sich selbst mit

Ich nicke, denn das habe ich auf meiner Weltreise so ähnlich erlebt. Egal, an welchem Strand man liegt, eine Person hat man immer dabei: sich selbst. Und damit natürlich auch all die Sorgen und Verwundungen. Darum gehört Arbeit an den eigenen Problemen, der eigenen Persönlichkeit genauso zu einem Leben als Nomad*in wie ein mindestens sechs Monate gültiger Reisepass. Ansonsten ist es nichts anderes als ein unendliches ablenken, weglaufen und niemals ankommen. Im Zweifel kann man mit der so wichtigen Reise nach innen auch zu Hause anfangen, bevor man abhaut.

Oder wie Conni sagt: „Das digitale Nomadenleben ist wirklich nur der Anfang – es ist nicht das Ende vom Regenbogen. Es ist nicht die ultimative Erfüllung. Jedenfalls nicht für jeden.“

Außerdem auf ze.tt