Das denken Menschen in Mexiko über Trumps Mauerpläne

Die Mauer soll kommen – was denken Mexikaner*innen darüber? Wir haben mit vier Menschen über die Grenze gesprochen.

Wie ist es Leben an der Grenze? Vier Mexikaner*innen erzählen. @ Pola Kapuste

Die Ausschreibung für Designvorschläge für die 1.600 Kilometer lange und neun bis 17 Meter hohe US-amerikanisch-mexikanische Grenzmauer endete am 12. April. Zwar wird erst im Juni entschieden, welcher Vorschlag umgesetzt wird, aber Trump hat sich nach eigener Aussage bereits die wichtigsten Entwürfe angesehen. Vor der Umsetzung muss der Kongress jedoch noch die nötigen Fördermittel bewilligen. Kürzlich veröffentlichten die Demokraten einen Bericht, in dem sie schätzen, dass der Bau bis zu 62,5 Milliarden Euro kosten könnte. Diese Summe wäre dreimal so hoch wie die offiziellen Schätzungen. Doch auch wenn dem Projekt noch einige Hindernisse im Wege stehen, scheint es tatsächlich umgesetzt zu werden.

Trump erhofft sich, illegale Einwanderung, Drogen- und Menschenhandel durch den Bau zu stoppen. Die Mauer wird jedoch viel mehr als nur eine physische Wand aus Beton sein: Sie steht symbolisch für Trumps „America first“ – sein Versprechen, die USA vor den Rest der Welt zu stellen. Und sie versinnbildlicht die Demütigung der Menschen hinter der Mauer.

Wir haben uns mit einem Taxifahrer, einer Universitätsprofessorin, einem Biologen und einem Musiker auf der südlichen Seite der Grenze über die US-amerikanisch-mexikanischen Beziehungen unterhalten.

Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko. Foto: © Pola Kapuste

Alejandro, der Taxifahrer

Alejandro wohnt in Mexiko-Stadt. Er hat zwei Töchter, liebt elektronische Musik und ist seit einem Jahr bei dem Unternehmen Uber angestellt. Alejandro fährt gerne Taxi, aber seine wahre Passion sind Autorennen. Unter der Woche arbeitet er dort als Juror und ist durch diesen Job auch schon viel herumgekommen. Unter anderem auch über die Grenze in die USA.

„Ich habe die Grenze schon mehrmals zu Fuß überquert, allerdings auf legalem Wege. Tatsächlich steht da bereits eine Mauer, das Ding ist beeindruckend! Nur in den Regionen, in denen man stundenlang durch die Wüste laufen müsste, steht sie noch nicht. Da verdurstet man sowieso, bevor man drüben ist. Das Problem mit der Grenze ist, dass die Menschen immer einen Weg finden werden, sie zu überqueren – auch mit einer höheren und erweiterten Mauer.

Alejandro im Taxi. Foto: © Pola Kapuste

Das wissen auch die Grenzbeamten. Manchmal stehen sie sogar nur da und sehen zu, wie die Leute rüberkommen. Vor allem zur Erntezeit, denn die USA brauchen die mexikanischen Arbeitskräfte. Sie sind billiger und machen ihre Arbeit sehr gut. US-Amerikaner wollen den Job sowieso nicht machen und hier in Mexiko bekommt man für dieselbe Arbeit leider nur einen Bruchteil bezahlt.“

Ganze ein bis drei Millionen Menschen aus Lateinamerika machen sich jedes Jahr auf den Weg in den Norden, um durch die Landarbeit in den USA ihre Familien zu unterstützen. Die meisten von ihnen stammen aus Mexiko. Auch wenn sie viel besser bezahlt werden als in ihren Heimatländern, liegt das Einkommen von 61 Prozent der Farmarbeitenden in den USA immer noch unter der Armutsgrenze. Durchschnittlich verdient man bei der Feldarbeit weniger als 7.500 Dollar pro Jahr. Hinzukommt, dass 51 Prozent der Arbeitenden sich illegal in den USA aufhalten, keinerlei Rechte haben und so der Willkür ihrer Vorgesetzten ausgesetzt sind.

„Für uns Mexikaner ist und bleibt die Grenze ein seltsamer Ort. Selbst mit Visum kannst du dir nie sicher sein, ob sie dich reinlassen. Ich hatte da auch schon die verschiedensten Situationen: Sie nehmen dir dein Handy weg, schauen sich all deine Nachrichten an und prüfen auf welchen Internetseiten du warst.

Die US-Amerikaner sind ein seltsames Volk, das unter Verfolgungswahn leidet. Deswegen schicken wir ihnen die ganzen Drogen! (lacht) Hier erzählt man sich den Witz, dass wir nur aufhören müssten den USA Drogen zu schicken und schon würden sie die Mauer von alleine wieder einreißen, um sie sich holen zu kommen!“

Arlette, die Professorin

Arlette hat einen Doktor in Biologie und unterrichtet an der UNAM (Nationale autonome Universität von Mexiko), einer der ältesten und besten Universitäten des amerikanischen Kontinents. Sie hat aber auch schon im Bildungs- und Umweltsektor für die mexikanische Regierung gearbeitet und mehrere Kinderbücher veröffentlicht. Mit uns hat sie über die aktuelle Wirtschaftssituation Mexikos gesprochen.

„An sich ist es natürlich eine gute Idee, den Drogenhandel eindämmen zu wollen. Dafür müsste man sich jedoch zuerst um die Drogenabhängigen kümmern. Denn wo es eine Nachfrage gibt, wird es auch immer einen Markt geben. Und die USA sind nun mal der größte Drogenkonsument der Welt.“ Laut einer Studie des Recovery Brands aus dem Jahr 2015 konsumieren die US-Amerikaner*innen weltweit am meisten Kokain, Opium und Amphetamin. Auch bei den meisten Toten durch eine Überdosis gewinnen die USA den traurigen ersten Platz.

Arlette. Foto: © privat

„Doch Trump sieht diese Zusammenhänge nicht. Generell ist seine Vorgehensweise sehr undurchsichtig und scheint weder strukturiert noch durchdacht zu sein. Das gilt auch für den Mauerbau: Erst sollten die Arbeiten im März beginnen, jetzt heißt es, dass sie im Mai anfangen. Erst sollte Mexiko dafür bezahlen, jetzt will er die Gelder doch anders beschaffen. Zu seiner nicht durchdachten Handlungsweise kommen dann noch die ganzen Beleidigungen über die Mexikaner hinzu. Wir seien Mörder, Vergewaltiger und Diebe.“

„Wirtschaftlich trifft Mexiko der Wahlsieg Trumps natürlich sehr hart: Der Großteil unserer Exporte geht in die USA, doch Trump will nun alle amerikanischen Firmen, die in Mexiko produzieren, zurück in die USA holen.“ Ganze 80 Prozent der mexikanischen Exporte gehen in die USA. Dabei werden vor allem Autos, Elektrogeräte und Rohölprodukte geliefert. „Der Gehaltsunterschied zwischen einem mexikanischen Arbeiter und einem US-amerikanischen ist jedoch enorm. Wenn Firmen künftig in den USA produzieren müssen, wird sich das auf den Preis der Produkte auswirken. Ich möchte sehen, wer sich diese dann noch leisten kann. Am Ende zahlen also die Amerikaner für die Kurzsichtigkeit ihres neuen Präsidenten.

Wir müssen aus der Abhängigkeit von den USA ausbrechen. Mexiko exportiert vor allem Rohmaterialien, daran haben viele Länder Interesse. Der Aufbau neuer Handelsbeziehungen ist natürlich ein Prozess und braucht seine Zeit. Doch langfristig sollte sich die mexikanische Wirtschaft meiner Meinung nach in diese Richtung orientieren.

Deshalb müssen wir auch unser Konsumverhalten ändern und uns mehr auf mexikanische Produkte konzentrieren. Es ist schön zu sehen, dass sowohl Mexikaner als auch Ausländer vermehrt Mexiko als Reiseziel wählen. Das liegt sicherlich am niedrigen Stand des mexikanischen Pesos. Doch bestimmt nicht ausschließlich, Mexiko ist ein sehr reiches Land: reich an Natur, Kultur, Essen und tollen Menschen. Wir haben einen Reichtum, den Trump niemals erkennen wird. Ein so reiches Land zu beschuldigen, voll von Dieben zu sein, macht meiner Meinung nach jedenfalls sehr wenig Sinn.“ (lacht)

Miguel, der Biologe

Miguel arbeitet als Biologe in der Wüste Sonoras. Im Naturschutzgebiet Reserva de la biosfera El Pinacate y Gran Desierto de Altar kümmert er sich um verschiedene Tier- und Pflanzenarten. Der Park grenzt im Norden an zwei US-amerikanische Naturschutzgebiete. Die Grenze zu den USA zieht sich also mitten durch das geschützte Gebiet.

„Der Park, in dem ich arbeite, schließt nahtlos an zwei Parks auf amerikanischer Seite an: dem Organ Pipe Cactus National Monument und dem Cabeza Prieta National Wildlife Refuge. Deshalb besteht die 180 Kilometer lange Grenze, die das Gebiet durchkreuzt, hier nur aus einem sehr grobmaschigen Zaun, sodass Tiere darunter und darüber durchkommen.

Miguel. Foto: © privat

Wenn nun wirklich eine solide Mauer gebaut würde, hätte das fatale Folgen für einige Tiere hier im Park, vor allem für den Gabelbock und das Dickhornschaf. Sie sind beide vom Aussterben bedroht und kommen ausschließlich hier in der Wüste von Sonora vor. Ihre Population liegt jetzt schon bei nur noch 100 beziehungsweise 150 Tieren.

Das Problem beim Gabelbock ist, dass er ausschließlich in einem bestimmten Tal vorkommt. Da wir hier in einer sehr trockenen Gegend sind, zieht der Gabelbock bei der Futtersuche immer dem Regen hinterher durch das Tal. Die Grenze teilt das Tal jedoch in ein Drittel US-amerikanisches und zwei Drittel mexikanisches Gebiet. Bei Trockenheit hätten die Tiere also nach dem Bau der Mauer keine Möglichkeit mehr, feuchte Gebiete auf der anderen Seite der Grenze aufzusuchen. Dadurch würde ihr Bestand noch weiter zurückgehen.

Das Dickhornschaf wandert typischerweise über Bergkämme, die auch durch die Mauer geteilt werden würden. Hier liegt das Problem primär darin, dass es durch die Trennung der einzelnen Herden zur Inzucht kommen würde. Folglich würde auch ihr Bestand zurückgehen. Außerdem arbeitet das mexikanische Team unseres Parks ziemlich eng mit den US-amerikanischen Kollegen zusammen. Wir vergleichen Daten über den Bestand der Tiere und bereiten uns in gemeinsamen Kursen auf bestimmte Themen vor. Diese Zusammenarbeit wird nach dem Bau der Mauer wohl auch anders aussehen.“

Jairus, der Musiker

Jairus stammt aus Mustang, Oklahoma in den USA und lebt seit sieben Jahren in Mexiko-Stadt. Er ist Gitarrist und Leadsänger der Band Peregrino. Mit ihrem folkigen Rock feiern sie in Mexiko-Stadt bereits ihre ersten Erfolge. Man kann sagen, Jairus ist in Mexiko angekommen. Seine US-amerikanische Vergangenheit beschäftigt ihn jedoch immer noch sehr.

Jairus. Foto: © Pola Kapuste

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine ganze Familie Trump gewählt hat, doch ich spreche mit ihnen nicht über dieses Thema, das macht einfach keinen Sinn. Sie sind zwar keine Trump-Fans, doch sie ziehen ihn Hillary vor.

Das Problem ist das Zwei-Parteien-System, das den Amerikanern Scheuklappen aufsetzt. Du befürwortest einen Punkt der einen Seite und übernimmst dann automatisch den Rest ihres politischen Programms. Man unterstützt immer alles oder nichts, sowohl auf der demokratischen als auch auf der republikanischen Seite. Ein paar Ideen von der einen Seite und ein paar von der anderen Seite zu unterstützen ist schwierig. Außerdem ist meine Familie religiös, was in den USA gleichbedeutend mit republikanisch ist.

Der Bau der Mauer ist meiner Meinung nach die dümmste und teuerste Idee, die es je gab, denn sie existiert bereits. Die Erweiterung wird lediglich noch mehr Natur zerstören und nichts an den Problemen ändern. Denn die meisten illegalen Einwanderer gelangen ins Land, indem sie legal einreisen und dann einfach bleiben, nachdem ihr Visum abgelaufen ist.“

Das Center for Migration Studies gibt an, dass der Anteil der illegalen Einwanderer*innen, die ihr Visum überziehen, bei mindestens 40 Prozent liege. Sie gehen davon aus, dass inzwischen sogar mehr Leute legal einreisen und im Land bleiben, als dass sie illegal die Grenze zu überqueren. Konkrete aktuelle Zahlen gibt es dazu allerdings nicht.

„Ich denke es gibt ignorante Menschen auf der ganzen Welt, und in allen politischen Lagern. Denn jeder, der nicht eigenständig denkt und Dinge nicht von verschiedenen Seiten betrachtet, ist in meinen Augen fanatisch. Ich glaube, Aristoteles hat einmal gesagt: ‚Es zeichnet einen gebildeten Geist aus, sich mit jenem Grad an Genauigkeit zufrieden zu geben, den die Natur der Dinge zulässt, und nicht dort Exaktheit zu suchen, wo nur Annäherung möglich ist.‘

Man sollte auch die verrücktesten Ideen wenigstens in Betracht ziehen. Wenn schon nicht, um die eigene Meinung zu ändern, dann wenigstens um die anderen zu verstehen. Das macht uns zu Menschen: der Versuch, einander zu verstehen.“

Außerdem auf ze.tt